Adventskalender: Pivot

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Adventskalender: Pivot

„Und wer soll dann meinen Schreibtisch aufräumen?“, neckte er sie.
„Meine vier ratlosen Assis vielleicht? Mehr haben die eh nicht drauf.“
„Kein Wunder. Sie tragen denen ja den …“, er räusperte sich, „hinterher.“
„Die können nichts. Gar nichts! Warum haben Sie mich mit diesen Pfeifen gestraft?“
Hings blieb ungerührt. „Ich hoffe immer noch, dass Sie da von alleine drauf kommen. Wie war es in Köln?“
‚Das habe ich befürchtet.‘ „Nett.“
„Alwin? Vilja? Oder wer?“
‚Auch das noch.‘ „Mein Privatleben werde ich hier nicht ausrollen. Ich war bei diesem Showmaster, der ein echter Langweiler ist, und bei seinem Kandidaten.“
Hings zog die Augenbrauen hoch. „Und?“
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Wessen sind Sie sich nicht sicher?“
„Dessen, was der mir erzählt hat.“
„Hat er tatsächlich behauptet, ein artifizielles schwarzes Loch erzeugt zu haben?“
„Nein, das hat er nicht. Jedenfalls nicht genau. Wir haben Katz und Maus gespielt, und es ist nichts dabei herausgekommen.“
„Und weiter?“
„Nichts weiter. Ich werde da wohl noch mal hinmüssen.“
„Ist es etwas Ernstes?“
„Ich weiß nicht was Sie – Hey, jetzt hört es aber auf! Ich bin kein kleines Mädchen mehr!“
„Eben. Tun Sie mir einen Gefallen, Elida. Tun Sie nichts, was Sie oder ich bereuen müssten. Die Sache ist ernst. Sehr ernst sogar. Ich hatte ein sehr unangenehmes Gespräch mit dem Bundesnachrichtendienst und dem Militärischen Abschirmdienst. Ich erwarte nach Ihrem nächsten Treffen mit diesem …“
„Roland.“
„… einen ausführlichen Bericht. Und keinerlei Ausflüchte. Haben Sie eigentlich einmal darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn es tatsächlich einen Weg gäbe, dieses Phänomen vorsätzlich zu erzeugen?“
Elida wurde heiß und kalt. „Nein. Wieso?“
Hings ballte seine Fäuste und starrte sie an. „Dann schauen Sie gelegentlich mal aus dem Fenster Ihres schönen Büros! Und stellen es sich vor! Enttäuschen Sie mich nicht noch einmal so! Wir sind hier nicht im Kindergarten, Frollein Zwilling!“
Damit knallte er die Tür zu und ließ Elida ebenso überrascht wie ratlos zurück.
‚Was soll das? Hings wird nie ungehalten. Und jetzt hat er mich angebrüllt?‘ Elida beschloss, den heutigen Tag mit einem guten Glas Wein hinunterzuspülen, allein. Und vielleicht bekam sie ja noch Roland ans Telefon. Hatte der eigentlich eine E-Mail-Adresse? Sie nahm sich vor, ihre Facebook – ‚Likes‘ zu durchforsten.

Auf dem Weg zurück zur Wohnung verlor sie die Orientierung. Alles um sie herum erschien mit einem Mal unwirklich, als ob sie durch einen Nebel laufen würde. Die Straße auf der linken Seite verschwamm, dann die Bäume auf der rechten. Sie lief weiter. Es wurde sehr kalt und sehr dunkel. Nur der Weg direkt unter ihren Füßen war noch zu erkennen, Dunkelgrau auf Schwarz. Sie lief weiter, kam an einen Abzweig. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Route zur Wohnung jemals eine Alternative geboten hatte. Sie blieb stehen, frierend, überrascht, ängstlich.
Wo bin ich hier? Ich muss weiterlaufen.
Sie hörte Schritte hinter sich. Zwei Personen. In gleichmäßigem Tempo.
Noch nicht.
Leichter Trab, leise. Wahrscheinlich zwei Frauen.
Nicht umdrehen!
Elida überholte Elida links und lief nach rechts weiter.
Elida überholte Elida rechts und lief nach links weiter.
Die Elidas verschwammen und lösten sich auf.
Der Nebel und die Dunkelheit lichteten sich. Die untergehende Sonne schien Elida ins Gesicht und blendete sie.

Am Abend rief sie bei Roland an.
„Wie geht es Ihnen?“
„Ganz ehrlich. Ich weiß es nicht. Sie haben mir nichts über die Nebenwirkungen erzählt, soweit ich mich erinnere.“
„Es gibt keinerlei Nebenwirkungen, nur Wirkungen. Einige sind gewollt, andere erwünscht, wieder andere unangenehm bis tödlich. Sie können es sich nicht aussuchen.“
„Was kann ich mir nicht aussuchen?“
„Die Wirkung.“
„Und was kann ich mir aussuchen?“
„Die Wirkung.“
„Roland. Mein Nervenkostüm ist heute nur noch virtuell vorhanden. Ich habe nach dem Besuch bei Ihnen einen ganzen Tag verschlafen, und heute habe ich mich selbst auf dem Nachhauseweg gleichzeitig in zwei Richtungen laufen gesehen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich etwas klarer ausdrücken könnten.“
„Geben Sie mir eine Minute zum Nachdenken.“

Adventskalender: Pivot

5. Gleichgewicht

Elida lief. Der Wind blies ihr ins Gesicht, aber sie schenkte ihm keine Beachtung. Zehn Kilometer. Jeden Tag. Von der Wohnung zum Labor. Und zurück. Sollten die anderen doch fett werden!
Ihr graute vor dem Meeting. Auf der einen Seite waren ihre vier Assistenten ja nett, ihre permanente Begriffsstutzigkeit jedoch stellte sie vor eine ernste Herausforderung. Sie lächelte gequält. Man konnte ihnen dreimal erklären, worum es ging, sie sahen einen begeistert an, um dann so zu tun, als ob sie eben dem Irrenhaus entsprungen wären. Und deshalb durfte sie die Arbeit ihrer Assistenten jetzt selber machen. Wieder einmal.
Ihr Leben war komplett durchgeplant. Sieben Tage die Woche. Das Zeitmodell von Roland war toll! Zeit haben, wenn man sie brauchte. Und sie dort streichen, wo man sie nicht brauchte. Sie musste mehr darüber erfahren. Und danach zu Alwin. Er würde schon dafür sorgen, dass der Haussegen wieder in Ordnung kam. Wenn sie ihn nicht hätte – sie stockte und wäre fast aus dem Laufrhythmus gekommen. Ja, was wäre eigentlich, wenn sie ihn nicht hätte? Und Vilja? Was hatte Roland gesagt? Wer nimmt, muss auch geben. Das ist ein Gesetz, nach dem alle Welten funktionieren.
Die Fahrt von Köln nach Frankfurt war beinahe ein tödliches Erlebnis gewesen. Mehrmals war sie fast eingeschlafen, und dann wäre sie wohl nicht wieder aufgewacht. Wenn sie eine lange Strecke mit dem Flugzeug unterwegs gewesen wäre, dann hätte sie auf Jetlag getippt. Sie war um kurz nach einundzwanzig Uhr in ihrer Wohnung angekommen und hatte es gerade so ins Bett geschafft, wo sie bis zum Mittag des nächsten Tages geschlafen hatte.
Vor dem Gespräch mit Hings hatte sie sich bisher erfolgreich drücken können. Was sollte sie ihm auch erzählen? Dass dieser Freitag dreißig Stunden gehabt hatte? Dreißig echte Stunden? Er würde sie rauswerfen. Und jetzt auch noch eine Arbeitssitzung mit diesen wissenschaftlichen Analphabeten, die sich ihre Assistenten nannten.
„Herr schmeiß Hirn!“, grollte sie.

„Männer, so funktioniert das nicht!“, fauchte sie ihre zwei Assistenten und zwei Assistentinnen an. Die Mädels machten ein beleidigtes Gesicht. Sollten sie doch! Wenn sie so blöd wie die Kerle waren, dann hatten sie kein Recht auf eine bessere Behandlung.
Sie manövrierte mit der Maus über den Schreibtisch und zerfetzte virtuell den Quatsch, den ihr Team ihr als Messergebnisse hatte andrehen wollen. Ihr Team! Eine Lachnummer. Wieso bestand Hings darauf, dass sie sich weiter mit denen abgab?
„Ihr bedient hier millionenteure Gerätschaften, und ihr kommt nicht einmal mit den Grundrechenarten klar! Das ist kein Fehlerbalken, und das da ist keine Gaußverteilung! Comprende?“
Nein. Offensichtlich nicht. Sie seufzte innerlich. Was trieben die Vier eigentlich, wenn die sich unbeobachtet fühlten?
„Nicht als Strafe, nur zur Übung. Das Ganze noch mal, und lest es bitte durch, bevor ihr es bei mir abgebt. Morgen will ich die Messreihen ohne selbst verursachte Fehler sehen. Und was die Auswertung angeht? Ich male es noch einmal für euch auf. Und dann gehen wir es morgen durch.“
„Aber morgen ist doch …“.
„Was?“, schnappte sie. Dann fiel es ihr ein. Ja, richtig. Die alljährliche Weihnachtsfeier. Mist! Wieder ein Zeitgrab. Der Himmel hatte sich offensichtlich gegen sie verschworen. Was soll’s, das, was fehlt, kann ich auch selbst in zwei Stunden hinbekommen.
„Nagut. Dann Freitagmorgen. Das kriegen wir schon hin.“
„Danke.“
Als ihr Team gegangen war, stellte sie sich vor den Spiegel und sah prüfend hinein. Bin ich jetzt ein spießiger Spieß? Und was hab ich jetzt gewonnen? Ich muss mit Roland sprechen. Ich brauche mehr Zeit. „Sind wir jetzt eitel geworden auf die alten Tage?“
Sie unterdrückte einen Schrei und griff nach dem Laptop, um ihn dem Ankömmling an den Kopf zu werfen.
„Mal langsam Elida. Seit wann sind Sie so schreckhaft?“
„Herr. Professor. Hings. Wenn Sie wollen, dass ich am Herzschlag sterbe, dann machen Sie genau das noch einmal.“
„Und wer soll dann meinen Schreibtisch aufräumen?“, neckte er sie.

Adventskalender: Pivot

Das erste mal seit Beginn des Gesprächs glitt ein ernster Zug über Rolands Gesicht. „Nein. Meine Lebenszeit ist endlich und nicht beliebig verlängerbar, genau wie die Ihre. Ich kann aber, im Gegensatz zu Ihnen, meine Zeit besser einteilen. In einem sehr wörtlichen Sinne. Wir sprachen vorher über Gesetze. Eines der fundamentalen Gesetze ist: Wer etwas nimmt, der gibt auch etwas. Das ist kein moralischer Grundsatz, sondern die Basis von allem.“
„Fahren Sie fort.“
„Ich ging also in die Sendung, hatte meinen Spaß mit dem Quizmaster, und habe die von Ihnen genannten und wahrscheinlich auch gemessenen hundert Jahre abgestaubt. Ich musste zwischendurch einmal in meine Wohnung, um eine Antwort nachzuschlagen, unter Zuhilfenahme einer speziellen Auslegung von Zeit. Das ist die Geschichte. Ich habe es getan, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Aufmerksamkeit. Zumindest sprach eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür.“
„Sie erzeugen eine Zeit-Anomalie, damit ich bei Ihnen auftauche? Genau ich? Diesen Quatsch soll ich Ihnen abnehmen?“
Er sah sie mitleidig an. „Sie sind kindisch! Sie spielen mit Kräften, die Sie nicht verstehen! Sie haben etwas genommen, was nicht Ihnen gehört, offensichtlich ohne es zu wissen. Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, ob Sie es wieder zurückgeben können. Glauben Sie im Ernst, dass ich mich auf eine derart plumpe Art und Weise von ihnen provozieren lasse? Um einer anderen kindischen Frage zuvorzukommen: Nein, ich kann nicht in die Zukunft sehen. Ich arbeite mit hohen Wahrscheinlichkeiten, das ist alles. Davon abgesehen: Sie sind hier, oder?“
Elida griff nach ihrer Tasche und stand auf. „Ich glaube, ich verschwende hier meine …“
Ihr Tab piepste. Sie sah auf das Display, tippte auf den Alarm und sah genervt auf das Display. „Ach du Scheiße!“, murmelte sie.
Roland schien nicht mehr für Elida zu existieren.
Sie tippte eine Weile auf dem Display herum. „Das habe ich total vergessen!“ Dann kam ihr eine Idee. Elida sah auf. „Roland?“, fragte sie fordernd.
„Ja?“ Falls Roland Elidas Verhalten befremdlich gefunden hatte, ließ er es sich nicht anmerken.
„Ist das Verfahren, mit dem Sie es geschafft haben, ohne Aufmerksamkeit zu erregen aus der Fernsehsendung hinaus- und wieder hineinzukommen, allgemein anwendbar?“
„Innerhalb gewisser Grenzen: Ja.“
„Ok. Dann zeigen Sie mir etwas für meine Seele. Ich müsste einen Bericht noch bis heute End of Business abliefern. Was mir auch keine Schwierigkeiten bereitet hätte, wenn ich meine Zeit nicht hier hätte vertrödeln müssen. Entschuldigen Sie meine Offenheit, das ist nicht persönlich gemeint. Also: Können Sie das ausgleichen? Mir helfen? Ungefähr vier bis sechs Stunden? Ja oder nein?“
Roland sah sie prüfend an.
Elida hatte das Gefühl, dass das Ergebnis von Rolands Einschätzung nicht komplett positiv auszufallen schien.
Roland seufzte und nickte kurz. „Einverstanden. Möglicherweise hilft es uns beiden weiter. Elida: Sind Sie in der Lage, mir ein Stück weit zu vertrauen? Ihr Gefäß ein wenig zu leeren?“
Elida überlegte kurz. „Ja, klar, was soll’s. Wenn Sie unlautere Absichten gehabt hätten, dann hätten Sie wohl kaum so einen langen Anlauf genommen, oder?“
Roland lächelte undurchdringlich. „Das ist Ihre Interpretation. Gut. Hören Sie mir genau zu.“ Er wies auf den Arbeitsplatz am Fenster. „Auf dem Schreibtisch finden Sie Tastatur, Maus, Monitor, Internetanschluss. Setzen Sie sich da hin. Und arbeiten Sie. Sprechen Sie kein einziges Wort zu mir. Wenn Sie fertig sind, dann sagen Sie laut und vernehmlich ‚Fertig‘. Von mir aus auch Amen. Wie Sie mögen. Dann gehen Sie. Wir werden uns auf jeden Fall wiedersehen. Ist das akzeptabel?“
Elida nickte stumm, wollte sich bedanken. ‚Wofür eigentlich?‘
Er schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. „Fangen Sie an!“
Elida setzte sich an den Schreibtisch. Sekunden später war sie in ihrer Arbeit versunken.

„Fertig.“
Roland half ihr beim Aufstehen, in ihren Mantel und begleitete sie zur Tür. Er legte seinen rechten Zeigefinger an seine Lippen und atmete langsam aus.
Elida hatte ein unwirkliches Gefühl, wie einen Sekundenschlaf. Ein Fall ins Nichts. ‚Träume ich? Wo bin ich?‘ Das Gefühl der Desorientierung verging.
Roland öffnete die Tür und trat zur Seite. Er nickte stumm und schloss die Tür, sobald sie draußen stand.
Elida hastete die Treppen hinunter, und war, als sie im Erdgeschoss ankam, einigermaßen außer Atem. Kein Wunder, nach Stunden harter Kopfarbeit. Sie sah auf die Uhr. Es war 18:20, am selben Tag.

+++

„Erinnerst du dich noch, wie Elida dir den Mond erklärt hat?“
„Ja, das war toll.“
„Die Erde ist ganz am Anfang mit einem anderen Himmelskörper zusammengestoßen. Das meiste ist zusammengeblieben, ein Teil ist weggeflogen, und ein Teil umkreist die Erde. Der Mond.“
„Und Elida ist weitergeflogen?“
„So ist es wohl. Aber sie kommt immer wieder vorbei, um zu sehen, ob es den Mond noch gibt.“
„Und? Werdet ihr wieder zusammenstoßen?“
Alwin lachte leise. „Vilja, ich weiß es nicht. Das ist bei den Großen manchmal ziemlich kompliziert. Im Moment ist sie sehr, sehr weit weg, auch wenn sie ganz nah ist. Aber egal wie weit weg sie ist, sie wird immer nah bei dir sein. Weil du ein Teil von ihr bist.“

Die Wahrheit darüber, wieso ich so gerne ein Outliner bin

Das könnte auch bei den Bauchschreibern eine Überlegung wert sein. 😉

MARCUS JOHANUS

Die Wahrheit darüber, wieso ich so gerne ein Outliner bin

Neulich wurde mir bei der Planung meines nächsten Thrillers »Die Liste der vergangenen Sünden« bewusst, warum ich eigentlich so gerne ein Outliner bin.

Es gab ein Problem in meinem Plot. Eine liebgewonnene Figur passte nicht. Sie verkomplizierte den Plot und verwässerte das Genre.

Viele Wochen habe ich damit zugebracht, meine Outline hin und her zu biegen, damit die Figur drin bleiben kann. Aber mein Writing Buddy Axel Hollmann bestätigte mir dann, was ich schon lange geahnt hatte. Die Figur musste raus. Ganz egal, wie sehr ich sie inzwischen mochte.

Ein klassischer Fall von »Kill Your Darlings«. Eigentlich keine große Sache, sollte man meinen.

Wenn doch nur alles so einfach wäre …

Prinzipiell ist das ja im Autorenalltag eine ganz normale Sache. Man erschafft eine Figur, investiert Zeit in ihre Ausgestaltung, arbeitet sie im Plot weiter aus und sie wächst einem dabei ans Herz.

So einfach wird man sie dann nicht…

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Adventskalender: Pivot

Elida sah ihn scharf an. „Sie?“
„Ich arbeite daran“, erwiderte Roland.
„Das habe ich vor einiger Zeit auch gesagt. Und? Was ist ihr Ergebnis?“
„Ich habe erfahren, dass es mehr davon gibt, als man lernen kann. Das die Gesetze, die für mich gelten, fast überschneidungsfrei zu sein scheinen mit denen, die Sie kennen und verstehen. Fast. Deshalb sind wir beide hier und jetzt.“
„Nur interessehalber: Sie haben alle Antworten im Quiz tatsächlich gewusst, ohne Mogelei? Bis auf die letzte?“, fragte Elida.
„Niemand weiß die Letzte Antwort.“
Elida stand auf. „Sie weichen meinen Fragen aus. Entschuldigen Sie, aber dafür ist mir meine Zeit wirklich zu schade.“
Roland lenkte ein. „Warten Sie. Ich habe alle Antworten bis auf eine tatsächlich sofort gewusst.“
„Sie meinen die letzte Frage? Die mit der Sanduhr?“
„Nein, die war trivial. Es war die vorletzte.“
„Und?“
„Und was? Ich bin nach Hause gegangen, um in meiner Bibliothek nachzuschlagen. Nach allgemeiner Definition habe ich also geschummelt.“
Elida schüttelte den Kopf. „Ich habe heute Vormittag die Aufzeichnung gesehen. Sie haben während der Sendung das Studio nicht verlassen.“
„Wirklich?“
Elida drehte sich erschrocken um. Roland stand hinter ihr.
„Haben Sie mich hypnotisiert oder was?“, schnappte Elida.
Roland lächelte überlegen. „Oder was.“
„Das sind doch Taschenspielertricks“, entgegnete Elida verärgert. „Wollen Sie mir etwa ernsthaft weismachen, Sie könnten zaubern?“ Ihre Frage wirkte seltsam unsicher.
„Es ist eine Frage der Definition. Haben Sie Stäbe und spitze Hüte erwartet? Unverständliches Gemurmel?“ Er wedelte mit den Händen. „So in der Art?“
Elida war sich nicht sicher. „Nein. Dann wäre ich sofort gegangen. OK, bisher haben Sie mich noch nicht gelangweilt.“ Dann wurde sie wieder sachlich. „Sie haben zugesagt, mir zu erklären, wie Sie das mit der Zeit hingekriegt haben. Schließlich bekommen Sie meine Seele dafür.“
„Ja. Aber ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen erkläre, wie es funktioniert.“ Seine Feststellung war endgültig.
Elida verlor langsam die Geduld. „Versuchen wir es noch einmal. Sie haben mir bisher nichts gesagt, was einen Preis wert gewesen wäre. Wir haben lediglich Phrasen gedroschen. Sie haben mich mit einem Taschenspielertrick verwirrt, aber nicht beeindruckt. Ist das alles, was Sie draufhaben?“
Roland atmete langsam ein. Es dauerte eine Ewigkeit, und es hörte nicht auf. Elida hatte es ihm unbewusst nachgetan, und nun hatte sie immer mehr das Gefühl, platzen zu müssen. Sie konnte nicht aufhören! Einatmen, immer weiter einatmen. Ein stetiger Luftstrom drang in ihre Lungen, der Druck nahm zu. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte nicht ausatmen. Sie wollte schreien, aber es ging nicht.
„Wie viel Zeit ist gerade vergangen?“, fragte Roland, als ob nichts passiert wäre.
Elida wollte die Luft ausstoßen, die sie fast erstickt hätte. Aber da war keine. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Wollen Sie mich umbringen?“, brachte sie keuchend heraus.
„Nein. Ich will Ihnen nur etwas klarmachen. Sie sind randvoll. Mit sich selbst. Da passt nichts mehr hinein, so sehr Sie oder andere sich auch bemühen. Um es umgangssprachlich zu sagen: Wenn Sie kein leeres Gefäß mitbringen, kann ich auch nichts hinein tun.“ Er setzte sich. „Ich erzähle Ihnen jetzt, was passiert ist. Ohne Taschenspielertricks.“
Elida nahm wieder gegenüber Platz, holte ihr Tab aus der Tasche und legte es auf die Knie. „Fangen Sie an.“
Für einen Moment blitzten Rolands Augen. „Gut. Ich habe mich, wie jeder andere, für eine Teilnahme an dieser Show beworben. Beim Casting war ich erwartungsgemäß der Beste.“
Elida runzelte die Stirn und verzichtete auf einen Kommentar.
„Meine Absicht war es nie, den ausgelobten Geldpreis zu gewinnen. Ich habe mehr Geld, als ich in meinem Leben ausgeben werde.“
„Sie sind also vermögend?“
„Nein, genügsam. Ich brauchte etwas anderes, etwas, was man nicht kaufen kann, für kein Geld der Welt. Zeit! Jede Menge Zeit! Zeit, die andere übrig haben.“
„Wie soll ich das verstehen?“
Roland deutete auf das Pad. „Rechnen Sie nach!“
Elida tat es. „Das wären dann etwas über hundert Jahre, vorausgesetzt es wäre möglich. Realisieren Sie so Ihre eigene Unsterblichkeit?“ Sie runzelte ungläubig die Stirn.

Adventskalender: Pivot

Als sie in den Wagen stieg, war es schon dunkel. In Köln angekommen hatte sie einige Probleme, einen Parkplatz zu bekommen. Sie drängte sich wie ein Eisbrecher durch die Besucher auf dem Weihnachtsmarkt. Wieder mal keine Zeit! Es war anstrengend. Sie hatte das Gefühl, dass es umso langsamer ging, je schneller sie durch die Menge wollte. Namen und Adresse ihres Termins hatte sie im Institut hinterlegt. ‚Die wissen dann wenigstens, wo die Leiche liegt‘, dachte sie zynisch. Eigentlich hatte sie keine Angst. Sie war sportlich, ausdauernd und schnell. Und sie tat einiges, damit es so blieb.
An der Haustür angekommen, zuckte sie in letzter Sekunde vor dem Klingelknopf zurück. Sie sah auf ihre Uhr. 17:58:43. Elida wartete.

Um genau 18:00 öffnete der Summer die Tür. Elida trat ein und stieg hinauf in den fünften Stock.
Roland Menhir öffnete die Wohnungstür, lächelte sie einladend und unergründlich an. Er eröffnete das Duell gleich mit einem Tiefschlag. „Sie sind fast so hübsch wie auf Ihren Fotos“, sagte er zur Begrüßung.
„Ja, das ist der Nachteil der Kontrastverstärkung in der Computertomographie.“
„Stimmt. Ihre Linien sind in der Realität weicher. Mit Ausnahme des Gefühlsbereiches. Wie mit dem Lineal gezogen. Aber das kann man durch Training verbessern.“
Elida wechselte das Thema. Computertomographie war nicht ihre Stärke. „Sie können also Uhren verbiegen wie Dali?“
„Nein. Eher wie M. C. Escher. Ich nehme an, Sie waren mit Absicht ungenau, indem Sie Uhr gleich Zeit gesetzt haben.“
„Das soll ich Ihnen jetzt einfach so abnehmen?“
Sie standen immer noch in der Tür. Roland räusperte sich theatralisch. „Ich bitte Sie jetzt erst einmal hinein. Dann lege ich mich auf die Couch und Sie analysieren mich. Einverstanden, Elida?“ Es klang fast wie ELIZA.
Bei jedem anderen, der so etwas so schnell angeboten hätte, wäre sie sofort gegangen. Aber Rolands Interesse ihr gegenüber wirkte auf die gleiche Art und Weise, die sie ihren wissenschaftlichen Themen entgegenbrachte. Neutral. Nicht kalt, aber irgendwie unbeteiligt. Es war neu für sie, das Objekt nur wissenschaftlicher Begierde zu sein.
Elida lächelte ihn an. „Um eins klarzustellen: Sie liegen auf der Couch, nicht ich.“
„Ich werde Ihnen nichts tun, was Sie nicht ausdrücklich wollen.“
‚Seltsame Formulierung‘, dachte Elida.
Rolands Wohnung war ein übersichtliches Appartement. Wohn-Kochbereich, Arbeitsecke, ein Schlafzimmer (wahrscheinlich), ein Bad. Die Einrichtung in Naturholz gehalten, klare Linien. Sehr zweckmäßige und bequeme Sitzmöbel.
„Legen Sie ab und machen es sich bequem. Getränke finden Sie im Kühlschrank, Gläser darüber.“ Er ging ins Wohnzimmer, nahm im bequemsten Sessel Platz und ließ ihn in die ‚Fernsehposition‘ sinken. „Wenn Sie so weit sind, fangen Sie an.“
Elida holte sich eine Cola. „Und Sie beantworten alle Fragen?“
„Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Mit Ihrer ersten Frage zum Thema des Besuches wird die Bezahlung fällig.“
Elida nahm Roland gegenüber in einem Ohrensessel Platz und stellte ihre Handtasche mit dem Tab daneben ab. ‚Es ist wie Schach‘, ging ihr durch den Kopf, ’nur habe ich noch keine Ahnung, wie groß das Brett ist, mit welchen Figuren wir spielen und was die Regeln sind.‘
„Bauer c4“, sagte Roland.
Sie hätte fast aufgeschrien. „Können Sie meine Gedanken lesen?“
„Nein, natürlich nicht. Aber ihr Verhalten ist ein offenes Buch für mich.“
„Ihr Eröffnungszug ist schlecht.“
„Ich weiß. Aber Anfängern gibt man gern eine Chance, damit sie die Motivation nicht verlieren.“
Elida begann das Verhör. „Woher kommen Sie?“
„Von hier, natürlich. Aber verstehen Sie meine Antwort auf Ihre Frage auch?“
„Sie behaupten, dass Sie die Zeit manipulieren können.“
„Das ist eher im übertragenen Sinne gemeint. Es ist das, was Sie sehen, aber nicht das, was ich tue.“
„Das, was Sie behaupten, ist unmöglich.“
Roland lächelte. „Erstens: Sie haben es wahrscheinlich gemessen. Zweitens: Sie sind sicher nicht hier, um mir das zu sagen, dafür ist Ihre Zeit … „, er lachte kurz auf, „einfach zu kostbar. Sie erwarten von mir, dass ich zugebe, gegen physikalische Gesetze zu verstoßen. Um mich dann als Trickbetrüger bloßzustellen. Sie sollten als Wissenschaftlerin wissen, dass man niemals gegen universale Gesetze verstoßen kann. Unter uns: Wer kennt schon alle?“

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Elida behielt recht. Die Zwei waren noch nicht da. Sie plünderte den Kühlschrank und fing an zu kochen.

„Elida?“
Ein Mädchen betrat die Küche. Auf den ersten Blick erkannte man die Ähnlichkeit. Vilja musterte ihre Mutter mit einem nachdenklichen Blick, der nicht so recht zu einer Fünfjährigen passte. Abschätzend. Fragend. Wie lange würde sie dieses mal bleiben?
„Hallo Vilja. Wie geht es dir, mein Schatz?“ Elida nahm ihre Tochter auf den Arm und küsste sie.
„Gut! Und dir?“ Viel zu erwachsen.
„Danke. Arbeit ohne Ende, wie immer.“
Alwin kam herein, ein großer, schlanker Mann mit schwarzem, kurzen Haar. Elida setzte Vilja ab, um Alwin zu begrüßen. Er erwiderte die Umarmung neutral, geschäftsmäßig.
„Nett, dass Du uns überraschst. Was führt dich hierher?“
„Wollte mal wieder kochen.“
„Der Punkt geht an dich.“ Er lächelte sie an. „Wir freuen uns. Hatten dich eigentlich erst zu Weihnachten erwartet.“
„Was? Schon wieder Weihnachten? Wie konnte das passieren?“
„Du hast es vergessen?“ Vilja sah Elida mit immer größer werdenden Augen an.
Elida ruderte zurück. „Natürlich nicht, mein Engel! Ich komme noch einmal eine Woche vorher vorbei, um den Wunschzettel für den Weihnachtsmann mitzunehmen. Du wirst Alwin eine schöne lange Liste diktieren, und ich nehme sie dann mit und suche was aus. Einverstanden?“
„Daraus wird nichts“, meinte Alwin mit einem sanften Kopfschütteln.
„Wie? Warum?“
„Weil Vilja den Zettel schon selber schreiben kann.“
„Cool! Das will ich sehen.“
„Und außerdem musst du ihr noch erklären, was eine Schrödinger-Gleichung ist.“
Elida sah Alwin entgeistert an. „Das ist nicht dein Ernst!“
„Nein. Noch nicht. Aber Vilja ist, was das angeht, das Kind der Mutter. Können wir nachher unter vier Augen reden?“
Nach dem Mittagessen und einem Brettspiel trollte sich Vilja nach draußen zum Spielen zu den Nachbarn. Elida und Alwin gingen spazieren.
„Wie läuft’s so?“, fragte Elida.
„Beruflich kann ich nicht klagen, aber Vilja macht mir Sorgen.“
„Warum?“
„Sie tut sich schwer damit, dass du nur gelegentlich zu Besuch kommst. Nein, das ist kein Vorwurf“, wehrte er ab. „Nicht von meiner Seite. Technisch ist das alles kein Problem. Aber sie entfernt sich immer weiter von mir. Und auch von dir. Sie würde nie jemand anderen akzeptieren.“
„Und was ist mit dir?“
Er lächelte verkrampft. „Ich arbeite dran. Ab und zu. Mit wenig Erfolg.“
„Ich vermisse euch auch. Aber ich weiß jetzt schon nicht, wo ich die Zeit für meine Arbeit hernehmen soll. Wenn mich mein Cheffe nicht beauftragt hätte, einer Sache nachzugehen, dann wäre ich in Frankfurt geblieben.“
„Welche Sache?“
„Ach, wir haben Probleme mit unserem Versuchsaufbau. Und zufällig liegt die Ursache hier in der Nähe, möglicherweise.“
„Es gibt keine Zufälle. Nur Wahrscheinlichkeiten. Hab ich von dir gelernt.“
Sie hakte sich unter. Eine Weile sprachen sie nicht.
„Elida. Die Sache ist ernst. Meine Gefühle zu dir kann ich kontrollieren, meistens. Aber nicht ihre. Sie ist wie du. Ein Schiff in schwerer See. Wenn sie den Kurs verliert, dann geht sie unter.“
„Ich werde darüber nachdenken“, erwiderte Elida halbherzig.
„Manchmal wünschte ich, dass du weniger Intelligenz und mehr Vernunft hättest.“
„Also blond und dumm?“, schnappte sie.
„Zumindest könntest du dann eins und eins zusammenzählen, ohne einen Computer zur Hilfe zu nehmen.“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Ich weiß. Aber ich liebe dich trotzdem.“ Er öffnete das Tor zum Grundstück. „So, die Besuchszeit ist jetzt beendet. Verabschiede dich bitte nett von Vilja, wenn sie gleich zurückkommt. Ich habe noch im Garten zu tun. Wir sehen uns dann am Siebzehnten?“
„Ja, wie versprochen. Machs gut.“
Er drehte ihr den Rücken zu und ging zum Geräteschuppen. Elida verbrachte noch eine Weile mit Vilja im Haus. Alwin kam nicht zurück.