Business as usual

Flashback: First Blood

Ich stehe im Gang mit meinen Klassenkameraden und der anderen Klasse, den ‚Alphas‘. Zusammen sollen wir heute die Schwerelosigkeit kennenlernen.
„Es ist ganz einfach.“ Hat die Instrukteurin gesagt. „Anlaufen, nicht springen oder bremsen, dann gleiten und warten, bis ihr drüben ankommt, weiterlaufen, fertig. Falls es nicht klappt, sammeln wir euch wieder ein. Vielleicht.“
Dabei hat sie fröhlich gelacht. Sie hat es vorgemacht. Es sah wirklich einfach aus. Wie ein Vogel ist sie bis zur gegenüberliegenden Luke geschwebt und hat auf dem Weg dorthin ein paar Turnübungen in der Schwerelosigkeit gemacht. Trotzdem fühle ich mich unwohl. Die Strecke bis zur anderen Seite ist überschaubar. Die fünftausend Meter, die es runtergeht, das ist eine andere Sache. Was ist, wenn die Schwerkraft einsetzt? Die Instrukteurin hat uns zwar erklärt, dass das Einzige, was auf einer Raumstation einsetzen kann, die Schwerelosigkeit ist, falls die Generatoren ausfallen. Aber mit zehn Jahren glaubt man nicht mehr alles, was die Erwachsenen sagen. Einige Klassenkameraden haben hinuntergesehen und sich entschieden, diesmal noch nicht mitzumachen. Wir haben alle Angst. Außer Wark. Wark ist ein ‚Alpha‘. Die Großen sagen, er sei ‚illegal aufgerüstet‘, wenn sie denken, dass sie keiner hört. Was das wohl heißt: aufgerüstet? Wark grinst. Er verspottet die anderen. Er ist so cool, weil seinem Dad die halbe Station gehört. Sein Dad lässt alle erschießen, wenn ihm hier was passieren sollte, sagt er. Ich verstehe nicht ganz, was er davon hat, wenn er als Matsche da unten liegt. Wark ist stark. Sehr stark. Er kann jeden von uns mit einer Hand hochheben. Wir nennen ihn ‚das Monster‘, aber nur wenn er nicht in der Nähe ist. Wark wird schnell wütend, und wenn das passiert, dann sollte man weit weg sein. Beim letzten Mal hat sein Opfer vier Wochen im Hospital gelegen, und sein Dad musste viele Rechtsverdreher und Kopfärzte holen. Die haben alle gesagt das sei ‚jugendlicher Übermut‘ und ‚altersgemäß‘ und zuletzt haben die Großen das eingesehen.
Janet hebt die Hand. Die Instrukteurin, die an der Luke steht, nickt. Janet läuft los, aber im letzten Moment versucht sie zu bremsen. Vergeblich. Sie schwebt hinaus, sich überschlagend. Sie schreit, ich weiß nicht ob vor Wut, Angst, oder Enttäuschung. Die Fänger lassen sie eine Weile zappeln, dann bemühen sie sich und schubsen sie wie einen Ball hin und her zur gegenüberliegenden Seite. Die Fänger haben Düsenanzüge, wir nicht.
Wark brüllt vor Lachen, er sieht dabei so alt aus, und so hässlich, so erwachsen. Ich hebe die Hände an die Ohren, um dem Lärm den er macht zu entkommen, und zische ihm zu: „Halts Maul, Monster!“
Das hätte ich nicht tun sollen. Wark wird von einem Moment zum anderen wütend. Er stürzt sich auf mich und stößt mich weg wie eine Stoffpuppe. Ich pralle gegen die Stahlwand und höre ein hässliches Knacken. Meine rechte Schulter tut weh, sehr weh. Wark grinst und hebt die Hand.
„Das hier ist nur für richtige Menschen, verzieh dich!“
Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern bei der Zeugung nicht anwesend waren. Und ich sie nie gesehen habe. Ohne die Reagenzglas-Kinder gäbe es überhaupt keine Menschen mehr, hat man uns in Geschichte erklärt. Die ‚wahren Menschen‘ wie Wark sich und seine Alpha-Klassenkameraden gerne nennt (hat er bei seinen Eltern aufgeschnappt) sind heute gar nicht mehr existent.
Wark läuft lässig los. Er lacht und winkt mir zu.

Ich will liegen bleiben. Meine rechte Schulter brennt. Ich will getröstet werden. Ich will zurück in die Krippe. Ich will nicht älter werden. Ich –
Etwas zupft an meinem Bewusstsein, etwas Kaltes. „Tritt zur Seite, lass mich machen“, lockt es. Meine Neugier ist größer als mein Schmerz. Ich lasse mich innerlich fallen. Gleite in eine Rüstung hinein, leicht und unendlich stark fühlt sie sich an. Der kleine Junge mit dem gebrochenen Arm tritt zur Seite und macht einer Maschine Platz. Ich will (kann?) nicht liegen bleiben. Ich(?) stehe auf und visiere die offene Luke auf der anderen Seite an. Ich renne los, es ist erstaunlich, wie schnell ich renne. Die Luft beginnt zu rauschen, dann steht die Welt still, und nur ich bewege mich. Wie ein Geschoss aus einer Railgun verlasse ich den Schwerkraftbereich, die Füße voraus. Wark schwebt gemächlich auf die andere Seite zu, wie ein Großer. Er sieht mich und öffnet in Zeitlupe seinen Mund. Ich treffe ihn zentral. Stoße ich mich mit aller Kraft ab; Zahlen rasen durch meinen Kopf. Ich bleibe stehen und die Welt bewegt sich weiter. Ich werde langsamer, Wark wird schneller. Er kommt ins Schwerefeld der Ziel-Luke. Schlägt wie ein geworfener Stein auf dem Boden auf. Rollt ein Stück weiter und bleibt liegen. Ich lande aufrecht und gehe weiter, als ob ich(?) eine Brücke überquert hätte. Wark rappelt sich auf und rennt schreiend auf mich zu. Die Welt bleibt stehen, nur ich bewege mich – als er mich erreicht, mache ich(?) einen Schritt zur Seite – die Welt bewegt sich, ich bleibe stehen – und setze meinen Weg fort. Aus den Augenwinkeln sehe ich Wark fallen. Das Programm gibt die Kontrolle an den Jungen zurück. Meine linke Faust tut weh. Tränen verschleiern mir die Sicht, meine rechte Schulter brennt. Sanitäter rennen auf mich zu. Warum rennen sie an mir vorbei? Was ist passiert? Alles wird schwarz.

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