Inspektor Mops: Common Sense

(Die Geschichte ist ein wenig abgedreht, und auch der Plot ist nicht der komplexeste 😉 )

„Na Müller, was haben wir heute im Programm?“
Der Angesprochene, etwas bleich im Gesicht, sah seinen Chef an. „Ein Mops kam in die Küche, und stahl …“
„Sehr komisch.“
„Könnte sich vielleicht jemand um mich kümmern?“ Die Stimme kam aus dem Inneren der Wohnung.
„Wer spricht?“, fragte Mops.
„Ratet mal, ihr Pappnasen!“
Müller sah Mops entgeistert an. „Mit wem reden Sie?“
Mops wies in die Richtung, aus der er die Stimme gehört hatte. „Mit dem Toten da drin. Herbert Lebensfroh, vor zwei Stunden abgelebt. Nein, er hat mir nicht gesagt, wer’s war.“ Mops senkte die Stimme. „Das tun die nie. Sie hassen mich. Alle hassen mich. Aber ich kriege euch. Seht euch vor.“
Müller gab den Weg frei, lehnte sich an die Wand und hoffte, dass das Geschnetzelte von gestern Abend da bleiben würde, wo es gerade war.

In der Wohnung sah es aus wie in einem falsch belichteten Film. Die Wände waren gelb vom Nikotin. Die Tapete musste schon unsäglich gewesen sein bevor jemand, offensichtlich blind, sie aufgeklebt hatte.
Im Schlafzimmer lagen Damen-Klamotten jeder Art und Herkunft auf einem Haufen. Darauf, irgendwie passend, die Leiche. Nackt, mit einem Notizblock in der Hand.
„Mann, was soll das?“
Der Tote antwortete nicht. An der Wand stand der ehemalige Besitzer des Körpers und zeigte Mops den Stinkefinger.
Mops stopfte sein Totenkopf T-Shirt in die Hose und die Dienstmarke in die Tasche. Im Gegensatz zum Namen war er hager. Hager und groß. Zu Karneval trug er gern schwarze Kleidung und eine Sense. Jetzt machte er eine imaginäre Mäh-Bewegung, die bei der Leiche begann und beim Geist endete. „Sauberer Cut. Ich hätte es nicht besser gekonnt.“
Der Geist erwiderte den Blick missbilligend und zuckte mit den Schultern.
Der Schnitt war glatt durch den Hals gegangen. Nur die Wirbelsäule hielt den Kopf noch am Körper. Die klaffende Wunde sah aus wie ein Mund, der Mops lauthals auslachte. Ein japanisches Küchenmesser lag unweit des Kleiderstapels. Das Blut daran ließ keinen Zweifel, dass es für den Mord benutzt worden war.
Mops schüttelte den Kopf. „Ihr denkt euch immer was Neues für mich aus. Wäre nicht nötig gewesen. Kann es denn nicht einmal ein einfacher Mord sein, eine Vergiftung, ein Stoß aus dem Fenster! Einmal nur! Immer kriege ich die Kaputten!“

Der Fotograf und zwei Spurensicherer kamen herein. Als sie ihre Arbeit getan hatte, scheuchte Mops sie an die Wand, so dass sie in einer Reihe mit dem Geist standen. Warum er und der Geist sie daraufhin seltsam angrinsten, verstanden sie nicht.

Der Kleiderhaufen hatte das Blut gnädigerweise weitgehend aufgesaugt. Mops streifte Gummihandschuhe über und zog den Notizblock aus den starren Fingern des Toten. „Ihr könnt ihn jetzt einpacken. Und das ihr ihn komplett in der Obduktion abliefert, gelle?“
Der Geist hielt sich den Bauch vor Lachen und Mops sich die Ohren zu.
Was hatte er jetzt?
– Einen Toten
– Einen Notizblock
– Eine Tatwaffe
– Kein Motiv
– Keine Ahnung
Er schlug das Heft auf. Las. Schlug das Heft wieder zu. „Ist das Dein Ernst?“
Der Geist versuchte vergeblich, rückwärts in der Wand hinter ihm zu verschwinden. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und trippelte von einem Fuß auf den anderen.
„Also wirklich, das hätte ich nicht von dir gedacht. Wie man sich irren kann. Soso. Jaja.“ Er wandte sich um. „Müller! Haben wir Zeugen oder Bekannte in der Nähe?“
„Die Nachbarin. Sie will aber nicht reinkommen.“
Mops ging zu Müller, der mit der Nachbarin an der Eingangstür stand. „Versteh ich gar nicht.“
„Ich auch nicht“, sekundierte der Geist. „Früher war sie sehr zugänglich.“
„Ach, halt’s Maul!“
„Wer, ich?“ Müller war beleidigt.
„Nein, der da.“ Mops zeigte auf den Geist, den Müller nicht sehen konnte.
Neben Müller stand die Nachbarin, die Mops entgeistert anstarrte.
„Schon gut. Inspektor Depp, äh, Mops, zu Diensten. Wie war gleich der werte Name?“
„Irene Gutwill.“
Mops sah sie an. Um 35 schätzte er, aber von welcher Seite? Egal. Groß, blond, nein, nicht blond, blond! Die Haare! Er zwang seine Gedanken in eine andere Richtung. Und dann noch Gutwill! Es gibt keine Zufälle. „Ihr hasst mich alle!“, murmelte er.
„Bitte?“
„Entschuldigung, Frau Gutwill.“ Mops verbiss ein Lachen. „Zu mir oder zu dir?“
„Zu mir, das ist näher.“

Irene Gutwills Wohnung war das genaue Gegenteil der Lebensfroh Katastrophe. Akkurat aufgeräumt, kein Stäubchen zu sehen, Mobiliar aus den Fünfzigern, was er eher auf einem Schrottplatz vermutet hätte, aber gepflegt. Sie bot ihm einen Stuhl an und nahm gegenüber Platz. Der Geist hockte sich unverschämt auf den Nierentisch zwischen ihnen.
„Wann haben sie den Bewohner der Nachbarwohnung zum letzten Mal lebend gesehen?“
„Herbert? Ja, also, gestern, abends.“
„Und?“
„Und was?“
„Und was ist dann passiert?“
„Ich war neidisch, dass er so viele Kleider in seinem Schrank hat.  Und ihm gesagt, dass er sie mit meiner Sammlung tauschen soll, sonst wäre es vorbei mit uns.“
„Herbert stand auf Frauenkleider?“
„Wie meinen Sie das?“
„Ich meine, ach, vergessen Sie es. War da sonst noch was?“
„Ja, allerdings. Ich habe ihm einen großen Mecker in sein Heft eingetragen, dieser treulosen Tomate! Damit er nicht vergisst, was er versprochen hat.“
Der Geist wand sich vor Verlegenheit. Mops grinste, so weit es seine Gesichtszüge zuließen, und kam dann wieder zur Sache. „Darf ich Sie nach Ihrem Alter fragen?“
„Dürfen Sie.“
„Danke.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn nicht getötet.“
„Sie haben ihn nicht erschossen?“
„Wieso erschoss …“, Irene schluckte.
„Weiter.“ Frau Gutwill hatte Mops‘ ganze Aufmerksamkeit.
„Ich. Ich glaube nicht, dass Sie mir das glauben.“
„Versuchen Sie es.“
„Ich bin noch einmal in seiner Wohnung gewesen. Wollte mich versöhnen. Es war zu spät dafür.“
„Aber ihre Trauer hält sich in Grenzen, wie ich sehe.“
Sie legte den Kopf schräg und zuckte mit den Schultern. „Er war nett, aber er war nicht der Einzige.“
Der Geist würgte Irene, was sie aber nicht mitbekam.
Mops sah den Geist entgeistert an. „Ich dachte immer, die Toten haben keine Gefühle, weil die Hormone fehlen. Tsts.“
Irene konnte Mops bei diesem Satz nicht folgen. „Wir waren sehr liberal.“
„Das heißt, sie haben ihm nichts davon erzählt, nehme ich an. Dass Sie liberal sind, meine ich. Sie sammeln Männerkleidung?“
„Ja. Wie haben sie das jetzt herausgefunden?“
Mops seufzte. „Es ist das Einzige, was mir im Moment noch logisch erscheint. Hatten sie und Herbert weitere Gemeinsamkeiten?“
„Aber ja doch. Wir sind beide Sammler, und wir sind mit anderen Sammlern in Kontakt, wie Sie wahrscheinlich aus Herberts Notizen entnehmen konnten. Jeder hat ein Spezialgebiet. Wenn einer von uns ein Objekt, welches der andere sammelt, zu einem günstigen Preis bekommt, dann wird es verschenkt.“
„Immer?“
„Ja, immer, sonst gibt’s Mecker im Heft“, stellte Irene mit strenger Miene fest.
Mops lehnte sich zurück. Der Fall war gelöst. Er verschränkte die Hände hinter seinem Nacken und sah den Geist an.
Der nickte traurig und verschwand.
„Welche ihrer SammlerfreundInnen sammelt japanische Messer?“

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