Die unsichtbare Stadt (AT) – work in progress

Ryek mystIn diesem kurzen Abschnitt zeige ich, wie ich mir, von aktueller Technik ausgehend, eine Vision der Zukunft konstruiert habe. Die im folgenden Textausschnitt auftretenden Personen werden zwar nicht weiter zur Handlung beitragen, aber die Situation wird als „Hintergrundrauschen“ präsent bleiben. Hoffe ich jedenfalls. 😉

„Guten Morgen!“
Die dreißig versammelten Kinder und Jugendlichen sahen dem jungen Mann mit einer Mischung aus Unmut und Neugier entgegen. Ein paar Eltern standen etwas abseits und schauten zu.
„Ich bin Mike. Mike Willbourgh. Ich bin hier, um mit euch zusammen die Schule unter dem Berg zu gründen und zu betreiben.“
„Was meinst du mit: zusammen mit uns?“, fragte einer der Jugendlichen.
„Ich meine, dass ich dafür sorgen werde, dass die Technik da drin“, er zeigte auf die drei Wohncontainer hinter sich, „die uns die Tunnel-Administration zur Verfügung gestellt hat, angemessen funktionieren wird. Und dass ihr mit allen Fragen zu mir kommen könnt, mit denen ein Schüler zu einem Lehrer kommt. Ich werde im Laufe der Woche einige von euch aussuchen, die mich dabei unterstützen, das Ganze zu organisieren. Wir fangen gleich an.“ Er winkte zwei Jungen und zwei Mädchen heran und drückte ihnen Blätter in die Hand. „Sammelt eure Gruppen ein und geht in die angegebenen Räume. Verteilt die Kopfhörer und sorgt dafür, dass jeder allein in einer Kabine sitzt. Seht euch in Ruhe alles an. Ich werde nacheinander zu euch kommen und zeigen, wie diese Schule funktioniert.“

***

Larissa legte unwillig ihre Hand auf die Sensorfläche. „So ein Quatsch!“
Der Bildschirm erwachte zum Leben. Ein beruhigendes Farbenspiel wogte gemächlich darauf hin und her.
„Hallo“, meldete sich eine neutrale mechanische Stimme.
„Hallo?“ Larissa tippte an den Kopfhörer. „Bist du da drin?“
Die Stimme lachte sanft. „Nein. Ich bin im Berg.“
„Verstehe ich nicht.“
„Ich werde es dir später erklären. Zuerst müssen wir uns kennenlernen. Du bist Larissa Chang, sieben Jahre alt?“
„Ja.“
„Du kommst aus Neu Cannstatt, nicht wahr?“
Larissas Gesicht verzog sich. „Nein. Ich komme aus Ulm. Das solltest du wissen.“
„Verzeihung. Ich ändere die Information. Aber du hast in Neu Cannstatt gewohnt, bevor du hierher gekommen bist?“
Larissa schniefte. „Ja.“
„Ich bin deine persönliche Lehreinheit. Wie willst du mich nennen?“
„Hast du denn keinen Namen?“
„Noch nicht. Ich habe den Namen, den du mir geben wirst.“
„Wirklich?“
„Ja. Also?“
Larissa überlegte. „Darf ich dich Klara nennen?“
„Wenn du willst. Du kannst den Namen jederzeit ändern.“
„Klara ist in Ulm gestorben. Beim Angriff.“ Larissas Blick ging in die Ferne, durch den Bildschirm hindurch, zu einem Ort, den nur sie sehen konnte. Einem Ort, den es nicht mehr gab.
„Ich weiß.“ Die mechanische Stimme zeigte Anzeichen von Weiblichkeit und von Trauer. „Wie soll ich mich dir zeigen? Wie soll ich für dich aussehen?“
„Wie Klara?“
„Darf ich dir etwas vorschlagen?“
„Meinetwegen.“
„Wir tun so, als ob Klara weggezogen wäre. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie heute aussehen würde. Einverstanden?“
„Na gut.“
Auf dem Bildschirm entstand ein Mädchen in Larissas Alter. Es trug kurze schwarze Haare und war in einen grauen Overall gekleidet. Das Mädchen kam näher, bis der Oberkörper mit Armen und Händen den Bildschirm ausfüllte. Es setzte sich an einen nicht sichtbaren Tisch. Die Gesichtszüge waren noch ziemlich roh, wie erste Skizzen, die auf weitere Bearbeitung warteten.
„Ich glaube, ich mache mich älter. Schließlich bin ich deine Lehrerin und soll dir etwas beibringen. Was meinst du?“ Das Bild lachte sanft und hell.
Larissa lächelte erleichtert. „Ja. Bitte.“
Die Gestalt alterte, bekam Struktur, Kontrast, Details. Bis sie einer Frau um zwanzig entsprach. Die Stimme wurde tiefer. „Gut so?“
„Ja.“
„Larissa. Ich kann dich sehen, und ich kann messen, ob es dir gut oder schlecht geht. Aber ich kann dich nicht berühren. Außer über die Sensorfläche. Vergiss nicht: Ich bin eine Maschine.“
„Mit Zahnrädern und Hebeln?“
Klara lachte. „Nein. Aber wenn es dir Spaß macht dir mich so vorzustellen, ist es in Ordnung. Ich bin mit allen Datenkabinett-Lehrern in dieser Schule verbunden. Und mit Mike.“
Larissas Gesicht verdüsterte sich. „Das heißt, du erzählst Mike alles, was ich dir sage?“
Klaras Miene wurde ernst. „Ich informiere Mike über alles, was die Schule betrifft. Wie gut du lernst und solche Dinge. Wenn du willst, darfst du mit mir über alles sprechen. Ich werde Mike davon nur das erzählen, was du mir erlaubst.“ Klara zwinkerte. „Mit Ausnahme von Prüfungen natürlich.“

***

„Ich kann dich an- und ausziehen, wie ich es will?“, fragte Wolf.
Die junge Frau auf der anderen Seite des Bildschirmes lächelte. „Nur im Rahmen dessen, was Unterrichtsthema ist. Das ist eine Schule und keine Volksbelustigung.“
„Schade.“ Wolf grinste verlegen.
„Du hast doch demnächst praktische Einführung in die Sexualität auf dem Lehrplan. Wozu brauchst du da eine künstliche Frau?“
Wolf sah sich um, aber mehr als die Trennwände zur nächsten Kabine gab es nicht zu sehen. „Ich trau mich nicht“, flüsterte er, rot werdend.
„Magst du keine Frauen?“
„Doch. Schon, aber…“
„Hast du schon mit einem Mädchen eng gekuschelt?“
„… nein.“
„Hast du schon deine Mentorin vorgeschlagen?“
„Nein. Die sind alle so furchtbar erwachsen.“
„Das ist nun einmal so bei Frauen ab sechzehn. Biologie. Die zugehörige Unterrichtseinheit haben wir letzte Woche gehabt. Jungs werden erst später erwachsen. Wenn überhaupt.“ Sie lachte einladend.
Wolf grinste gequält. „Ich habe Angst, dass es – nicht klappt.“
Die virtuelle Lehrerin zog ihre virtuellen Augenbrauen hoch. „Bei der Auswahl?“
Auf dem Bildschirm glitten die Bilder der Mentorinnen vorbei. Mitschülerinnen im Alter zwischen siebzehn und neunzehn. Wolf riss die Augen auf. Seine Hand hätte sich in die Sensorfläche gekrallt, wenn das Material es zugelassen hätte. Er wurde knallrot und schloss die Augen.
„Zu spät“, kommentierte die Lehrerin.
„Wofür?“ Wolf kam nicht mit.
„Ich habe deine Körperwerte während der Vorführung analysiert. Es gibt keinen Zweifel, dass du voll funktionsfähig bist.“
„Das habe ich schon vorher gewusst“, murmelte Wolf.
Die Lehrerin richtete ihren rechten Zeigefinger auf Wolf und grinste ihn frech an. „Ich weiß auch schon, mit wem du zusammenkommen wirst. Widerstand ist zwecklos.“

***

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