Inspektor Mops: Pantha Rhei

Die Häuser mit der vorgelagerten Beleuchtung reihten sich entlang der Straße wie eine Perlenkette. Inspektor Mops trat das Gaspedal durch. Die Perlenkette verschwamm zu einer Linie gelben Lichtes, rhythmisch aufgelockert von der Reflexion des Blaulichtes auf der nassen Straße.

„Willst du dich umbringen?“ Die Person auf dem Beifahrersitz hatte eine gewisse Teilnahmslosigkeit in der Stimme, obwohl sie nicht angeschnallt war.
Mops grinste. „Du bist tot. Warum solltest du mich begleiten, wenn ich mein Ziel nicht erreiche? Ich werde jetzt nicht sterben. Nicht, solange du neben mir sitzt.“
„Erzähle es bitte nicht weiter.“
„Wer würde mir das glauben.“
Mops riss das Lenkrad herum und zog die Handbremse. Der Einsatzwagen drehte sich mehrmals wie ein Kreisel und kam entgegen der Fahrtrichtung an der Einfahrt des Hauses zum Stehen. Ein anderes Polizeifahrzeug sowie ein Rettungswagen hatten bereits für einige Aufmerksamkeit gesorgt.
Mops stieg aus und ignorierte die umstehenden Zuschauer. „Müller, schon den Mörder verhaftet?“
Müller warf seinem Chef einen leidgeprüften Blick zu. „Inspektor, wir sind erst dreißig Minuten am Tatort, was erwarten sie? Glauben Sie, dass die Tote uns sagt, wer es war?“
„Nein, das tun sie nie“, murmelte Mops mit einem Seitenblick auf den ebenfalls ausgestiegenen Fahrgast, den außer ihm niemand sehen konnte. „Was habt ihr bisher herausbekommen?“
„Können wir reingehen? Hier sind zu viele Ohren auf der Straße“, schlug Müller vor.
„Meinetwegen.“
Im Inneren angekommen bot sich ein gewohntes Szenarium. Auf dem Fußboden der Küche lag eine Frau tot neben dem Stuhl. Ihr langes schwarzes Haar verdeckte das Gesicht. Auf dem Küchentisch waren ein Glas, halb gefüllt mit Orangensaft, ein Kugelschreiber, ein paar beschriebene Blätter.
„Gab es eine körperliche Auseinandersetzung?“
„Nein. Wie es aussieht, hat die Frau sich vergiftet.“
Mops sah den Arzt an. „Freiwillig? Womit?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Wie freiwillig Selbstmorde sind, ist eher ein Thema für die Philosophen. Womit? Auf der Spüle steht ein Glasbehälter. Wenn die Aufschrift stimmt, dann enthält er Herbstzeitlosen-Samen. Daneben ein Mörser.“ Er schüttelte den Kopf. „Nicht das einzige seltsame Gewürz, das die Dame im Schränkchen aufbewahrte.“ Er zeigte auf den geöffneten Gewürzschrank. Dort waren, fein säuberlich aufgereiht und beschriftet, diverse giftige Pflanzen und Pflanzenteile aufgereiht. „Genug um die halbe Stadt einzuschläfern.“
„Der Name der Frau ist, Verzeihung, war Margarethe Frage“, gab Müller bekannt.
Mops drehte sich zum Geist, legte die Hand an die Stirn und intonierte: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich gute Frau, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“
„Sehr komisch.“
„Irgendwelche Bekannten oder Verwandte?“, fragte Mops niemanden im Besonderen.
„Eine Schwester. Die hat ein Alibi“, gab Müller zur Antwort.
„Was macht sie so sicher?“
„Nun, als wir sie angerufen haben, sagte sie, dass sie nicht allein sei. Seit Stunden.“
„Sie lügt!“
„Sie lügt?“, echote Mops.
Müller war verstimmt. „Sie lügt? Das geht jetzt zu weit, Inspektor. Ich hatte auch ihren Mann am Telefon.“
„Sie lügt!“, heulte der Geist. „Sie lügt! Sie lügt! Sie lügt!“
Mops schüttelte benommen den Kopf.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Arzt.
„Ich bin nicht sicher. Da haben wir ein Opfer, das sich für den Schierlingsbecher entschieden hat, und ich habe trotzdem den Eindruck, dass es Mord war?“
„Es war Mord!“, schrie der Geist.
„Jaja, schon gut!“
„Mit wem reden sie dauernd?“ Der Arzt machte eine besorgte Miene und sah Mops etwas professioneller an als bisher.
„Mit der Toten.“ Mops wies fahrig in die Richtung.
„Das macht er immer so“, erklärte Müller entschuldigend. „Seine Art, die Fälle anzugehen.“
„Haben sie schon mit einem Facharzt über das Thema gesprochen?“
„Ja. Der ist jetzt in der Geschlossenen, aber in einem Jahr oder so darf er wieder raus.“
„Aha.“
Mops drehte sin zu Müller. „Was steht eigentlich in diesem Brief?“
„Das Übliche. Wollen sie die Kurzfassung?“
„Ich bitte darum.“
Müller nahm die Zettel auf und hangelte sich durch das Dokument. „Da ist von einer Nebelwand die Rede, die verhindert, dass ein Begehren erfüllt wird. Heute würde sie den Fluss überqueren, die letzte Grenze. Ich werde das Siegel zerbrechen, steht hier, kein Wagnis ist zu groß, um zu dir zu kommen, mein Geliebter. Und so weiter. Dann wird die Schrift immer krakeliger.“
„Muss ich das verstehen?“, fragte Mops, etwas ratlos. „Irgendetwas fehlt.“
„Was soll fehlen?“
„Das Motiv, Müller, das Motiv. Das hört sich doch wie eine Gebrauchsanleitung an. Aber wofür?“ Mops kratzte sich mit der Rechten hinter dem Ohr. „Laden Sie die Schwester und ihren Mann für morgen ins Präsidium, wegen der Aufnahme der Aussagen. Fragen Sie bei den Nachbarn, mit wem die Tote Kontakte hatte, und wie gut diese waren. Natürlich vor ihrem Ableben.“
Der Geist nickte zustimmend.
„Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“
„Wie bitte?“
Mops sah den Arzt teilnahmslos an. „Ach, nichts. Soll ich sie irgendwohin mitnehmen?“
„Nein, danke. Das wäre mir doch ein zu großes Wagnis.“

***

Am nächsten Vormittag fanden sich Margarethes Schwester und ihr Mann auf dem Revier ein.
Das Büro von Mops war, wie immer, total überheizt. Dennoch hatte er seinen schwarzen Trenchcoat an, so dass er den Eindruck eines hageren Höllenfürsten machte.
Bereits nach der Aufnahme der Personalien war das Paar schweißgebadet. Mops bestellte sich bei Müller einen Kaffee, ’schwarz wie die Nacht, heiß wie Lava‘ und bot seine Gästen ebenfalls Kaffee an, was sie dankend ablehnten.
Zusammen mit dem Kaffee brachte Müller einen Beutel aus der Asservatenkammer herein, in den die Spurensicherung einen Glasbehälter gepackt hatte. Mops stellte ihn vor sich auf den Schreibtisch.
„Sagt ihnen das irgendetwas?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Meine Schwester besaß einen Schrank mit, naja, seltsamen Dingen, da könnte das her sein. Oder?“
„Ihr Name ist Helena? Auf dem Formular sieht er etwas schräg geschrieben aus.“
„Nein. Das ist schon richtig. Ich heiße Hel-Ena. Ein Doppelname.“ Sie lächelte doppeldeutig.
„Wo bekommt man so einen Namen genehmigt?“
„Ach, wissen sie Herr Inspektor, hinter der Grenze sieht man das nicht so eng.“
Irgendwie gefiel Mops der Satz nicht. Er blickte sich im Raum um. Seltsam, der Geist der Toten war nicht zugegen. Die ließen sich Verhöre eigentlich nie entgehen.
„Wie gut kamen sie mit ihrer Schwester aus? Entschuldigung, aber das ist eine Standardfrage“, versuchte Mops das Gespräch in Fluss zu bringen.
Hel-Ena lächelte erneut. „Wir sind ein Herz und eine Seele. Seit ich mich erinnern kann, haben wir alles schwesterlich geteilt.“
Wieder hatte Mops das deutliche Gefühl, dass die Antwort mehr sagte, als  man sofort hörte. Er wandte sich an den Mann.
„Herr Möbius, seit wann sind sie verheiratet?“
Möbius zögerte, was ihm einen drohenden Blick seiner Angetrauten einbrachte. Er räusperte sich. „Seit etwas über sieben Jahren. Aber wir kennen uns schon länger. Also ich, Hel und Margarethe. Eine Ewigkeit eigentlich.“
Mops fröstelte. Erinnerungen, die er nicht haben konnte, stiegen in ihm hoch. In seinem Kopf tauchte Margarethe auf, wie aus einer Nebelwand heraus. Er deutete auf das Glas. „Daraus wurde der Schierlingsbecher zubereitet. Ihre Schwester ist, wie es aussieht, allein gestorben. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass Sie kein Alibi haben, obwohl Sie beide zusammen waren, als der – Übergang – passierte.“
Hels Augen blitzten belustigt. „Ja, das ist dann wohl die Margarethchenfrage. Übrigens, es sind natürlich Herbstzeitlose. Diese plumpe Fangfrage hätten sie sich schenken können. Ich muss es wissen, denn ich war dort. Nicht Margarethe. Und ich war allein. Sehen sie Mops, und ich weiß, dass sie es sehen: Unsere Existenz ist wie eine Perlenkette. Ohne Anfang und ohne Ende. Für uns gibt es keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft. Gelegentlich streiten Gretchen und ich, aber glauben sie mir, es kommt alles wieder ins Lot. Mit der Zeit.“ Sie lachte leise und zog eine Fotografie aus ihrer Handtasche. „Hier. Sehen sie, was ich meine. Ein Foto von der Hochzeit.“
Möbius warf einen verklärten Blick darauf. „Ja, das war eine Feier! Das stolze Paar vor dem Standesamt, im Vordergrund die Schwester als Brautjungfer. Ein Moment für die Ewigkeit.“ Er hauchte Hel einen Kuss zu.
Mops sah auf das Foto. Dann sah er noch einmal hin, damit seine Augen dem Kopf bestätigten, was nicht sein konnte. Die Frau neben Möbius war Gretchen.

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