Business as usual

Ryek mystBusiness as usual (BAU) – the normal execution of standard functional operations within an organization.
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 

Flashback: Planetside

Instrukteurin Lin Nod klopfte an die Tür der Schulleitung.
„Herein.“
Sie öffnete die Tür und trat ein. Innen wartete die Chefinstruktorin, Shilen Sun, zusammen mit einem Beamten der Sicherheitsbehörden. Auf dem Schreibtisch lagen diverse Dokumente, der Holoprojektor war auf Standbild geschaltet. Es war der Moment zu sehen, in dem die beiden Schüler in der Schwerelosigkeit zusammenstießen. Lin schloss die Türe und ging auf die beiden zu.
Shilen eröffnete das Gespräch. „Lin, das hier ist Mr. Smith“, sagte sie mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme. „Er ist hier, weil dieser Zwischenfall Aufmerksamkeit erregt hat. Nicht nur bei Warks Eltern, sondern auch den Organisationen, die uns vor der illegalen Nutzung von Technik und Drogen schützen. Inhalt dieser Unterredung ist ausschließlich Joret. Unser Gespräch wird von Mr. Smith aufgezeichnet und an anderer Stelle ausgewertet werden. Dieses Gespräch hat außerdem nie stattgefunden. Beschränke dich darauf, die Fragen nach bestem Wissen wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich mache dich pflichtgemäß darauf aufmerksam, dass Nicht-Kooperation oder Falschaussagen schwerwiegende Folgen haben kann.“
„Drogen? Wieso Drogen?“, fragte Lin verwirrt.
„Weil das die einfachste Erklärung ist, aber vielleicht nicht die richtige“, sagte Mr. Smith. „Was ich hier gesehen habe, gibt es eigentlich nur außerhalb der zivilisierten Gebiete, und selbst dort nicht besonders häufig. Fangen wir noch einmal bei der Aufzeichnung an. Lin, ich bitte dich, das, was du siehst, zu kommentieren. Wir halten an bei Bedarf, um Details zu klären.“
Lin nickte. Das Holo wurde an dem Zeitpunkt gestartet, als Joret aufstand.
„Können wir etwas früher anfangen?“
Die Direktorin zog die Augenbrauen hoch.
„Das war eigentlich nicht vorgesehen.“
„Ich glaube, wir verstehen dann mehr“, insistierte Lin.
Shilen warf Lin einen Blick zu, der nichts Gutes für ihre weitere Karriere verheißen ließ. „Bitte.“
„Ok. Computer: Eine Minute zurück. Totale. Weiter dann mit normaler Geschwindigkeit.“
Das Holo startete ab dem Moment, in dem Joret Wark ansprach, und Warks heftige Reaktion. Joret flog einen Meter durch die Luft, bevor er auf die Stahlwand aufschlug.
„Interessant“, bemerkte Mr. Smith und machte sich eine Notiz. „Sehr interessant.“
Joret saß zusammengesunken auf dem Boden und schluchzte leise, Wark feixte und lief gemächlich los, aus dem Aufnahmebereich der Kamera heraus. Dann geschah etwas. Joret stand auf, aber die Bewegung wirkte, als ob sich zwei Bilder überlagern würden.
„Stopp. Computer: Aufnahme vergrößern, nur Joret, 2 Sekunden zurück, dann vor mit halber Geschwindigkeit.“ Mr. Smith sah die Szene hoch konzentriert noch einmal an. Dann atmete er tief durch. „Haben sie es auch gesehen?“
Lin räusperte sich. „Es ist, als ob etwas eine Flüssigkeit über das Bild geschüttet hätte, genauer gesagt, über den Jungen. Er hat sich innerhalb von wenigen Sekunden …“, sie schluckte, „verändert.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht besser beschreiben, mir fällt dazu nur der Begriff Metamorphose ein, aber im Zeitraffer?“ Sie sah fragend in die Runde.
Mr. Smith antwortete. „Wenn sie mehr im Universum unterwegs wären, hätten sie es sofort erkannt. Ein Pilot, der in der Steuerkapsel Verbindung mit dem Schiff aufnimmt, leitet die biologischen Sensoren für Auge, Ohren und so weiter um auf elektronische Systeme und ersetzt seinen sensorischen Input durch den der nicht-biologischen Komponenten. Der Körper des Piloten reagiert darauf, und das kann man auch sehen. Haben Sie Meta-Psychologie auf dem Lehrplan? Für diese Altersstufe?“
Beide Frauen schüttelten stumm den Kopf. Shilen merkte an: „Für ausgewählte Jugendliche über 16, und nur nach Test und Genehmigung durch die Pilotenvereinigung. Allerdings: Joret wäre geeignet. Und bevor Sie fragen: Die Schulleitung unterstützt keine illegalen Experimente dieser Art und führt auch keine durch. Für das was außerhalb passiert, sind wir allerdings nicht verantwortlich.“
Lin hatte das Gefühl, dass nicht Joret mit dieser Bemerkung gemeint war.
Mr. Smith machte eine Notiz. „Da Joret ja hier interniert ist, kann ich davon ausgehen, dass bei ihm nichts illegal gelaufen ist, oder?“
Shilen nickte.
Mr. Smith fuhr fort. „Das ist aber nur ein Teil. Der andere ist, das es, wie sie wissen, Mittel gibt, um Fähigkeiten zu erweitern. Erlaubte und Verbotene. Das bekommen sie nie zu sehen. Und das was ich hier gesehen habe bekomme auch ich nicht oft zu sehen.“ Er sah auf sein Pad. „Wir haben natürlich im Hospital einen Scan von Joret gemacht. Ergebnis: Keine Implantate, keine Drogen, weder erlaubte noch illegale. Medizinisch gesehen ist das hier einfach nicht geschehen. Computer: Weiter, Totale, Kamera folgt Joret.“
Der Bildausschnitt wurde wieder größer. Joret war aufgestanden und lief Wark hinterher, die Gangkamera erfasste ihn kurz, dann schaltete das System auf die Kamera am anderen Ende des schwerelosen Bereiches um.
„Computer: Halt! Verdammt, wer hat die Aufnahme bearbeitet?“
Shilen und Lin sahen Mr. Smith ratlos an.
„Was meinen Sie?“ fragte Shilen.
„Computer: Zurück bis zum letzten Bild der Gangkamera 1, parallel die Lukenkamera 2 anzeigen, mit Zeitstempeln.“ Mr. Smith wurde nervös. „Wir müssten eine Überlappung der Aufnahmen von circa einer Sekunde haben. Hier ist keine, und die Zeitstempel sind gleich. Sehen sie selbst. Wir werden die Holos prüfen. Sehr genau prüfen.“
Die Warnung war unmissverständlich.
„Computer: Weiter mit Lukenkamera 2, Zeitlupe, Zeitstempel anzeigen.“
Mr. Smith verfolgte das Geschehen bis zum Aufprall von Joret auf Wark.
„Computer: Halt! Haben sie mitgezählt? Wark ist zehn Meter von Luke 2 beim Aufschlag entfernt, und vierzig Meter von Luke 1. Joret hat für diese Strecke weniger als drei Sekunden Flugzeit gebraucht, das heißt, er ist mit mehr als fünfzig Stundenkilometern, man muss es wohl so nennen, eingeschlagen. Auf ebener Strecke wäre er einhundert Meter in fünf Sekunden gelaufen.“ Er atmete hörbar aus. „Computer: Weiter in diesem Tempo.“
Es war deutlich zu sehen das Wark nicht getreten, sondern geschoben wurde, und wie der Impulserhaltungssatz wirkte. Die beiden Jungen veränderten ihre Geschwindigkeiten, zulasten von Wark, der unkontrolliert die Luke erreichte und sich überschlug. Joret machte am Ende der Flugphase einen Schritt in den Gang, als ob er sich immer auf festem Untergrund befunden hätte. Lin flüsterte „Wow!“
„Sie sagen es.“
Die Aufzeichnung lief weiter. Wark rannte auf Joret zu. Dann schien das Holo für einen Moment unscharf zu werden; Wark fiel hinter Joret zu Boden, Joret machte einige Schritte weg und brach dann zusammen. Die Sanitäter kamen ins Bild und kümmerten sich zuerst um Wark, dann um Joret.
Lin räusperte sich. „Hat er ihn geschlagen?“ Sie übernahm die Steuerung. „Computer, zurück bis zum Zusammentreffen von Wark und Joret, dann vorwärts mit Einzelbild.“
Es war zu sehen, dass die beiden Jungen sich hätten treffen müssen, sie taten es aber nicht. Ein Bild lang standen sie direkt voreinander, ein Bild später standen sie leicht versetzt, im nächsten dann nebeneinander.
„Ich kann nicht glauben, dass dieses Holo nicht bearbeitet wurde“, sagte Mr. Smith, sichtlich fassungslos. Er wechselte das Thema. „Warks Eltern haben sehr schnell gehandelt. Sie haben ihn unserem Einfluss entzogen, bevor wir bei ihm einen tiefen Scan machen konnten. Aber wir haben den klassischen medizinischen Befund zu Warks Verletzungen: Prellungen an Armen und Beinen, wahrscheinlich verursacht durch den Sturz, sowie einen glatten Bruch der vierten Rippe, links.“
Er sah die beiden Frauen an. Diese wurden blass.
„Es ist nicht zu erkennen, dass Joret zugeschlagen hat. Die Aufzeichnungsgeschwindigkeit der Überwachungs-Kameras bei diesem Flug-Test ist auf zweihundert Bilder pro Sekunde voreingestellt. Und auf keinem Bild ist ein Schlag zu sehen, nicht einmal der Ansatz der Bewegung. Laut Holo ist Wark also unglücklich gefallen, und hat sich beim Auftreffen auf den Boden fast eine Rippe in sein Herz gebohrt. Ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich.“
„Mir ist noch etwas anderes aufgefallen“, meldete sich Lin. Sie rang um ihre Fassung.
„Während der letzten Szene hat Joret kein einziges Mal geblinzelt. Und da wir gerade dabei sind: Computer: Zurückfahren, bis die Personen voreinander stehen, Gesicht von Joret maximal vergrößern.“
Als das Bild stand, machten alle drei unwillkürlich einen Schritt zurück. Lin biss sich auf die Hand, um einen Schrei zu unterdrücken. Nach einer Weile sprach Shilen mit tonloser Stimme.
„Wir warnen alle Kinder regelmäßig, sich auf gar keinen Fall zu bewegen oder auch nur einen Laut von sich zu geben, wenn sie auf einen amarrischen Sklavenhalter-Hund treffen, der sie so ansieht.“
„Und zu beten.“ fügte Lin leise hinzu.
„Ja, das ist mir eben auch durch den Kopf gegangen“, sagte Mr. Smith.
„Was kommt jetzt?“, fragte Shilen.
„Es gibt da nicht viele Optionen. Wir werden den Fall weiter untersuchen, und auch die Gen-Datenbanken durchforsten, ob hier etwas schiefgelaufen ist. Das ist der offizielle Teil. Jetzt kommt der Inoffizielle. Unsere Quellen bei Warks Eltern gehen von einer einhundert-prozentigen Wahrscheinlichkeit aus, das Joret in den nächsten 6 Monaten ein tödlicher Unfall passieren wird, wenn er hier bleibt.“
Lin zuckte zusammen. „Wie das?“
Mr. Smith sah sie offen an. „Ich glaube ich habe mich klar genug ausgedrückt. Wenn Joret hier bleibt, ist er tot.“
Shilen brauste auf. „Ich dachte wir sind hier im zivilisierten Teil des Universums. Wie können Sie so etwas im Ernst behaupten?“
Mr. Smiths Mine blieb unbeweglich. „Das Leben ist nun einmal kein Holovid, auch hier nicht. Nicht immer wird die Dame aus Schwierigkeiten gerettet.“
„Und was schlagen sie vor?
„Joret ist ein natürlicher Vollwaise. Soweit ich es gesehen habe, hat er keine besonderen sozialen Bindungen hier. Schicken sie ihn zu einer anderen Institution, möglichst weit weg, zu einer anderen, nicht-technischen Schule, wenn möglich auf einem Planeten. Heute noch.“
Lin standen die Tränen in den Augen. „Planetside? Wir leben seit Generationen hier. Das ist meiner Meinung nach eine extreme Bestrafung für eine Tat, die nicht beweisbar ist. Und außerdem: Joret ist von seiner Gen-Konfiguration her ein möglicher Steuerkapsel-Pilot. Haben wir davon so viele, dass wir einen einfach wegwerfen können?“
Mr. Smith fühlte sich sichtlich nicht wohl in seiner Haut. „Lin, Sie haben recht. Ja, es ist eine Strafe, und nein, wir brauchen jeden, der die Ausbildung eines Piloten auf sich nehmen kann. Tatsache bleibt aber: Die Alternative zur Verlegung ist der Tod hier, nicht der Weltraum. Warks Familie ist extrem nachtragend. Denken Sie darüber nach und lassen sie mir in spätestens einer Stunde ihre Entscheidung zukommen. Danach kann ich nichts mehr tun.“
Shilen nickte. „Ich weiß nicht, ob ich mehr über das entsetzt sein soll, was ich auf dem Holo gesehen habe, oder über das was Sie uns mitgeteilt haben. Wozu gibt es Sie und ihre Kollegen denn eigentlich?“
„Um zu versuchen zu verhindern das es noch schlimmer wird. Was dachten Sie denn?“
Shilen gab auf. „Ich begreife die Logik des Vorgehens. Einverstanden, wir machen es so. Hoffentlich begreift Joret es auch, wenn er erwachsen ist.“
Sie seufzte tief und gab dem Computer den Befehl das Hologramm auszuschalten, aber alle hatten den Eindruck, das Jorets Augen sie weiter ansehen würden. Augen, die das Licht wie Spiegel reflektierten.

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