Wie viele Protagonisten verträgt ein Text?

Ryek mystEs ist die Frage aus einer Facebook-Gruppe, in der nach der Hauptfigur eines Filmes gefragt wurde (Narnia), die mich zu folgenden Überlegungen gebracht hat:

Das Arbeiten mit einer einzigen Hauptfigur ist der klassische Ansatz. Er hat den Vorteil, dass sich der Autor auf eine Figur konzentriert. Der Leser kann der Handlung (zumeist) leicht folgen, da er den Text mit den Augen oder über die Person des Protagonisten sieht. Der Held schlägt sich durch den Plot und steht am Ende mit dem Ergebnis da.
Wenn ein solcher Text mehrere Handlungsstränge hat, dann wird das entweder mit einem Protagonisten in verschiedenen Zeitebenen stattfinden, oder mit mehreren handelnden Personen, die aber nicht zwingend Protagonisten sein müssen.

Es geht aber auch anders: mehrere Protagonisten. Das erfordert, meiner Erfahrung nach, eine gewisse Disziplin, da die handelnden Personen durch das Spannungsfeld zwischen ihnen die Handlung treiben und sich natürlich gegenseitig beeinflussen. Ich behaupte, dass so eine Geschichte nicht aus dem Bauch heraus geschrieben werden kann (so man kein fotografisches Gedächtnis hat), sondern dass hier ein Plot oder mindestens ein konkretes Handlungsgerüst vorab existieren muss. Der Vorteil für den Autor besteht darin, dass er viele Möglichkeiten hat, seine Geschichte weiterzuentwickeln. Oft passiert sogar in der Mitte etwas, womit der Autor nicht gerechnet hat. Mit der Folge, dass die Geschichte ein anderes Ende nehmen wird als ursprünglich geplant. Weiterer Vorteil: Keine der Figuren ist unersetzbar – im Gegensatz zum einsamen Helden darf hier jeder sterben. 😉
Für den Leser besteht die Faszination darin, dass er der Handlung aus verschiedenen Sichtweisen folgen kann.
Es ist vom Text her nicht notwendig, ständig hin- und her zu wechseln. Das immerwährende Vorhandensein der anderen Seite ist ausreichend, um die Spannung zu erhalten. Meist reicht ein Einwurf, ein Gedanke darüber, was die Gegenseite jetzt tun würde, oder eine kurze Szene, die dieses bestätigt oder negiert (Letzteres schaffen aber nur Wenige überzeugend darzustellen).

Wenn man sich das Thema abstrakt ansieht, dann ist es sogar möglich, die Handlung zum Protagonisten zu machen, gewissermaßen als einen großen Weltenplan, in dem, für eine Zeit, Protagonisten aufblitzen und wieder verschwinden. Das findet man zum Beispiel bei langlaufenden Serials, in denen es keine unsterblichen Helden gibt. Der Leser begleitet die Personen ein Stück weit durch die Zeit, bis sie die Initiative oder den Löffel abgeben und Platz für neue Spieler machen.

Jede Variante hat ihren eigenen Charme.

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