Business as usual

Ryek mystBusiness as usual (BAU) – the normal execution of standard functional operations within an organization.
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

(Etwas Feuerwerk zum neuen Jahr. Da ich hier ein wenig metaebenenhaft über Schreiben berichte, ein Hinweis: Bestimmte Elemente dieser ursprünglichen Kurzgeschichte kommen sehr weit hinten wieder zum Einsatz. Zum Zeitpunkt, als dieser Text geschrieben wurde, war das gar nicht geplant. Es gibt eben keine Zufälle. 😉 )

 

 Business as usual

Der Alarmton des Pads war unverkennbar. Ryek schoss aus dem Schlaf hoch und hatte die Waffe in der Hand, bevor seine Augen offen waren. Um ihn herum alles im Dunkel, wie es sich für einen Schlafraum im Inneren der Station gehört. Türen verschlossen. Atembare Luft vorhanden. Er fuhr die Implantate in den Normalmodus, legte den Blaster neben sich und nahm sein Pad auf:

Eilmeldung der überregionalen Sicherheitsbehörden. Gemäß des mit Ihrer Firma geschlossenen Vertrages zur Unterstützung von Polizeiaktionen werden Sie aufgefordert, sich innerhalb der nächsten zwei Stunden mit einem geeigneten Schiff in Balle einzufinden, um eine Aktion gegen die dort aufgetauchten Piraten zu unterstützen. Soweit bekannt handelt es sich um eine Gruppe von mindestens zwanzig Schiffen, Größe und Bewaffnung zurzeit noch unbekannt, vermutlich keine Schlachtschiffe.

Ryek seufzte. Das konnte ja lustig werden. Wenn sich Piraten so weit im Empire zeigten, hatten sie entweder die Situation vorher genau ausgekundschaftet oder waren verzweifelt. In beiden Fällen lag die Motivation zu gewinnen bei ihnen. Das war der Grund, dass solche Aufrufe nur sehr zögerlich befolgt wurden. Schiffe waren plötzlich nicht einsatzbereit, die Piloten nicht greifbar und so weiter. Er hatte diese Option leider nicht. Da gab es noch ein paar Gefälligkeiten, die erwidert werden mussten.

Mangels besserer Alternativen machte er sich also auf den Weg zum Firmenhangar, um aus dem Schiffsbestand das Passende herauszusuchen. Ja, mit einem schweren Kreuzer müsste man genug Eindruck machen können, und er war gut genug ausgerüstet um sich in Sicherheit zu bringen, falls der Feind sich wieder Erwarten wehrte. Ein vierhundert Meter langer Raubvogel, stumpf-schwarz, bestückt mit Raketenwerfern für mittlere Reichweite, einem überschweren Schildgenerator und verstärkten Sensoren. Ryek war froh darüber, dass die Verschwendung von Leben der Mitarbeiter genauso wenig zur Firmenpolitik gehörte wie die Verschwendung von Material.

Er stieg in den Kokon und aktivierte die Neuralverbindung. Sein Körper blieb in der Kapsel zurück, und das Schiff wurde zu seinen Augen und Ohren. Er übergab das Schiff der Stationskontrolle für den Start, meldete sich im Flottenkanal für diese Operation und fragte nach dem Status der Aktion.

„Ja, wir hatten Kontakt zur Piratenflotte. So wie es aussieht, um die dreißig Schiffe. Keines davon scheint neuerer Bauart zu sein. Entweder ist das eine Falle oder die sind knapp an neuem Material. Wir haben bisher keine interstellaren Warptunnel orten können, es sieht so aus als seien sie durch die offiziellen Tore gekommen. Da muss jemand kräftig geschmiert haben. Bisher haben sie drei Handelsschiffe und einen Kreuzer überfallen und zerstört. Die Rettungskapseln wurden verschont, von den angegriffenen Schiffen und deren Ladung ist nichts mehr übrig. Die haben alles eingesammelt. Im Moment springen sie im System hin und her, was es uns schwer macht, sie festzunageln.“

„Und wie stark sind wir?“

„Gute Frage. Laut Datenbank müssten fünfzehn Schiffe verfügbar sein, gemeldet haben sich bisher drei. Ich rechne mit maximal zehn, wenn es losgeht. Wenn alle kommen.“

„Dann müssen wir die Piraten also nur noch treffen und treffen.“

Der Kommandant lachte. „Genau. Ganz einfach. Ich hoffe, dass wir noch einen dieser getarnten Jäger dazubekommen, sonst wird es ein ewiges Wettrennen.“

Ryek nickte innerlich. Das Problem bei Verfolgungsjagden in einem Sonnensystem ist die schiere Größe. Es ist nicht allzu schwer, ein anderes Schiff zu orten, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Sobald ein Raumschiff bei einer Verfolgungsjagd aus dem Warp kommt, richtet es sich auf einen (hoffentlich sicheren) anderen Punkt im System aus und fliegt mit maximalem Standardantrieb in diese Richtung. Wenn der Gegner hinterherwarpt, kommt er zumeist außerhalb der Feuerreichweite der eigenen Waffen heraus, und der Angegriffene warpt zum nächsten sicheren Punkt. Eine Möglichkeit, das zu verhindern ist es, sich mit einem Schiff anzuschleichen, das die Fähigkeit besitzt, den Überlichtantrieb des Zieles zu stören. Diese Schiffe sind jedoch selten, extrem teuer und nicht allzu stark gepanzert.

Der Flug war beendet. Ryeks Kreuzer materialisierte am Sprungtor des Balle – Systems. Hier hatten sich bereits vier andere Schiffe versammelt.

„Flottencommander, hier Ryek. Das wird so nichts. Ich könnte die anderen Schiffe unserer Seite schneller zerstören, als ich brauche, um meine Schilde hochzufahren. Was wollen diese Sonntagsjäger hier?“

Ein wütendes Stimmengewirr schlug ihm entgegen.

„Wer von euch fliegt mit Steuerkapsel? Ich frage ja nur, falls jemand glaubt, dass die Sicherheit in Hundertschaften auftaucht, um die Piraten für euch für einen Abschuss festzuhalten.“

Stille.

Nach einigen Minuten formierten sich die vier Schiffe und gingen in den Warp.

„Oh, habe ich die jetzt beleidigt?“

„Scheint so“, kam die Stimme des Flottenkommandanten.“Immerhin habe ich sie noch in der Kom. Falls du Hilfe brauchen solltest, kann ich die ja versuchen zu überreden.“

Ryek grinste innerlich. „Einverstanden. Setz mich in deine zweite Staffel. By the Way, mit welchem Schiff bist du unterwegs?“

„Ich habe den Sucher,“ war die ausweichende Antwort.

„Die Scan-Drohnen sind unterwegs, und falls die Piraten nicht alle getarnt sind, werde ich in einigen Minuten Ergebnisse haben. Ich werde die Ziele getarnt anfliegen und den Staffeln wechselseitig zuteilen. Ihr müsst sie zerstören, bevor sie fliehen können, sonst geht das Spiel von vorne los. Im Moment habe ich keinen Tackler, der die Warpantriebe stört, zur Verfügung.“

Auch von der ersten Staffel kam die Zustimmung zur Aufgabenverteilung. Ryek bewegte sich vom Sprungtor weg und setzte Kurs auf eines der Asteroidenfelder in diesem System, das so weit wie möglich von den Handelsrouten weg war. In den Asteroidengürteln gab es immer wieder Bergbau- und Kampfdrohnen ohne Besitzer. Diese stellten eine Bedrohung für die Arbeiter der Abbauflotten dar, und es wurde gern gesehen, wenn sich ein Kampfschiff dorthin „verirrte“ und die unkontrollierten Automaten zerstörte. Gerüchten zufolge sollte eine ausreichend hohe Anzahl (wie hoch wusste niemand) dieser Drohnen genügen, um eine eigene Intelligenz zu entwickeln und Strukturen aufzubauen, die für ihre Drohnen-Bedürfnisse geeignet waren. In einigen Gebieten, in denen es nach kriegerischen Auseinandersetzungen keine Aufräumarbeiten gegeben hatte, verschwanden überraschend häufig zivile Schiffe, ohne dass man Piraten dafür hätte verantwortlich machen können.

Im Massenschwerpunkt des Asteroidengürtels kam Ryeks Kreuzer aus dem Warp. Die hoch entwickelten Sensoren zeigten ein Bergbauschiff, welches mit seinen Lasern an einem Erzklumpen nagte. In einiger Entfernung davon schwebten drei mittlere Kampfdrohnen, die offensichtlich nicht vom Minig-Schiff gesteuert wurden. Sie trieben antriebslos im Felsenfeld.

„Zeit für einen Test“ dachte Ryek. Er aktivierte die Zielerfassung und nahm die drei Drohnen ins Visier. Fünfundsiebzig Kilometer entfernt erwachten die Drohnenantriebe zum Leben und beschleunigten ihre Körper geschossgleich auf den Kreuzer zu. Die Entfernung nahm rapide ab, und Ryek fuhr die Schildmodule gerade noch rechtzeitig hoch, um Schaden an der Schiffshülle zu vermeiden. Seine erste Raketensalve neutralisierte den größten Teil eines Drohnen-Schildes, und die nächste verwandelte die erste Drohne in Raumschrott. Nach einer Minute war die Gefahr beseitigt. Ryek näherte sich mit seinem Schiff vorsichtig den zerstörten Raumfahrzeugen und scannte sie auf brauchbare Überreste. Das Ausräumen von Wracks gehört zum Geschäft, und der Ertrag aus dieser Tätigkeit deckte zumeist die Kosten des Einsatzes. Die Wracks selbst markierte er als frei für alle, die über die entsprechenden Bergungswerkzeuge verfügten.

Der Miner schickte ein kurzes Dankeschön, und Ryek setzte Kurs auf den nächsten Asteroidengürtel.

 

Da erreichte ihn der Notruf.

Der Flottenkommandant kam gleich zur Sache. „Ryek, hier ist alles schiefgelaufen. Ich bin mit der ersten Staffel in eine Falle gesprungen. 25 Schiffe, maximal Kreuzer, Standardtechnik, aber mit Antriebsstörmodulen. Mein Aufklärer ist als Erstes zerstört worden, ich konnte mich knapp mit der Steuerkapsel retten, die anderen vier kämpfen noch, werden aber nicht lange durchhalten. Vielleicht kannst du ja noch ein paar Leben retten.“

Ryek nahm eine kurze Kalkulation vor. Ja, das könnte klappen. Er bestätigte die Koordinaten und setzte den neuen Kurs. Am Ende des Sprunges kam er einhundert Kilometer von den Piraten entfernt heraus. Er suchte nach den Schiffen, die die Flucht der Schiffe auf seiner Seite verhinderten, und nahm sie zuerst in die Zielerfassung. Die Piraten waren, wie erwartet, weitgehend mit Standardtechnik ausgerüstet. Sein Glück, ihr Pech. Das bedeutete, dass die kleinen Schiffe die Störmodule trugen. Kleines Schiff = leichtes Ziel, besonders für mittelgroße Raketen mit extrem hoher Reichweite. Ryek zerstörte fünf von den Fregatten, bevor er überhaupt in die Waffenreichweite der Piraten kam.

Die Schiffe der ersten Staffel flohen, sobald sich die Möglichkeit bot.

Der Rest war einfach. Offensichtlich waren die Piraten darauf aus, Teile von zerstörten hochwertigen Schiffen zu erbeuten, denn sonst hätten sie sich zurückgezogen. Was sie zu spät erkannten: Der Kreuzer, den sie angriffen, war ein Vielfaches der angreifenden Schiffe wert. Sie hatten keine Chance, auch nur durch den Schild zu kommen. Trotzdem kämpften sie bis zum letzten Piloten.

Als es vorbei war, scannte Ryek nach Rettungskapseln oder Überlebenden. Nichts. Ryek machte sich eine Notiz und nahm sich vor, herauszubekommen, welche Piraten ihre Leute mit Himmelfahrtskommandos verheizten. Entweder mussten diese sehr verzweifelt gewesen sein, oder seine Gegner waren pirateninterner Politik zum Opfer gefallen. Oder beides. Die Schiffswracks selbst boten nichts, was mitzunehmen sich gelohnt hätte.

Er flog zum im System befindlichen Büro der Sicherheitskräfte, die ihn angefordert hatten. Man war dort nicht besonders auskunftsfreudig, als er nach Abgabe seines Kampfberichtes nachfragte, ob Selbstmordeinsätze bei Piraten mittlerweile üblich geworden seien. Er erhielt seine Prämie und den Rat, sich um seine eigenen Sachen zu kümmern. Im Auftrag der Behörden andere umzubringen, das war in Ordnung, aber Fragen nach Details wurden nicht zugelassen. Nicht dass Ryek Gewissensprobleme hatte, derartige Aufträge anzunehmen. Offene Fragen bedeuteten aber immer auch ein Risiko. Zum Beispiel das Risiko, das ihm jemand in den Rücken schoss, dem er bisher vertraut hatte. Er machte sich auf den Rückweg und hoffte, dass der nächste Auftrag mehr bieten würde als ein derartig einseitiges Gemetzel.

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