Business as usual

Ryek mystBusiness as usual (BAU) – the normal execution of standard functional operations within an organization.
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

(Unter Subtext versteht man in der Linguistik eine Ebene, die der expliziten Aussage eines Satzes als zusätzliche, implizite Bedeutungsebene unterlegt ist.)

Tod am Kaffeeautomaten

Als Ryeks Kreuzer den Schutz des Tarnfeldes am Sprungtor verließ und die drei Schlachtschiffe ihn ins Visier nahmen, wusste er, dass dieser Tag nicht sein Tag werden würde. Das Schiff war zu langsam und zu schlecht bewaffnet, um der Vernichtung zu entgehen. Der Bordcomputer berechnete die maximale Überlebensdauer mit 2 Minuten. Ryek löste den Evakuierungsalarm aus.

Während die Mannschaft zu den Rettungskapseln flüchtete, aktivierte er die Verteidigungssysteme und das Updatesignal für die Klon-Daten. Ein paar kleine Laser und ein einziger Raketenwerfer gegen voll ausgerüstete Kriegsschiffe. Das Ergebnis stand vor Beginn des Kampfes fest. Hilfe von den Sicherheitskräften war hier nicht zu erwarten oder sie würde zu spät kommen. Wie berechnet verwandelte sich der Kreuzer nach kurzer Zeit in einen Haufen radioaktiver Asche, und Ryek aktivierte den Antrieb der Rettungskapsel …

***

„AAAAARGH!!“

Der hohe Dauerton geht in ein „Piep, piep, piep“ über. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und Metall. Ein Körper liegt angeschnallt auf dem Stahltisch. Langsam breiten sich die Informationen im Gehirn aus, es ist wie das Einswerden mit dem Schiff in der Steuerkapsel, ein unfühlbarer Schmerz, alles auf einmal, dann weniger, langsam kommt alles an seinen Platz. Der Körper bäumt sich ein letztes Mal auf, dann liegt er ruhig da, die biologische Maschine hat sich stabilisiert. Ryek schläft.

***

„So, da wären wir also“, sagte der Med-Tech. „Wieder einmal.“

Ryek nickte. „Machen wir es kurz. Ja, ich habe alles geprüft, der Vertrag wurde erfüllt, hier ist die Bestellung für das nächste Mal“.

Der Med-Tech erwiderte das Nicken mit unzufriedener Miene. „Ich würde ja gern sagen, dass Sie vorsichtig sein sollen, aber in Ihrem Beruf scheint selbst Vorsicht kein Garant für einen dauerhaften Klon zu sein.“

Ryek stand auf. „Wir sehen uns bestimmt wieder. Danke für den wie immer guten Service.“

Auf dem Weg zur Tür blieb er vor dem Medizinschrank stehen, nahm eine an einer Kette befindliche Plakette heraus und steckte sie in die Tasche.

***

„Ryek, wir haben ein Problem.“

Der Angesprochene sah von seinem Kaffee auf. Bianca Bluestar, Gründerin und CEO der Firma, stand im Türrahmen und sah Ryek mit einem undefinierbaren Blick an. Ihr blauer, uniformhafter Anzug, zusammen mit ihr das Markenzeichen der Firma, schien ihren Körper mehr zu betonen als üblich. Ein Außenstehender hätte vielleicht auf ein Übermaß von Essen und Trinken, gepaart mit Eitelkeit getippt (nein, dieser Anzug ist nicht eine Nummer zu klein, er ist beim Waschen eingelaufen), aber Ryek wusste, dass seine Chefin sich stets in körperlicher Top-Form hielt. Die logische Schlussfolgerung war: Sie trug einen Körperpanzer. Er grinste innerlich. Bedingt durch seinen Verfolgungswahn trug er eigentlich immer einen, er war zu seiner zweiten Haut geworden. Warum Menschen, die er für exponiert hielt, darauf verzichteten, hatte er nie nachvollziehen können. Der Wandel in der Kleiderordnung war allerdings kein Grund zu Schadenfreude. Er war ein Alarmzeichen und gleichzeitig Kritik an ihm als Sicherheitschef.

„Ja Bianca, haben wir. Der letzte Flug, den ich gemacht habe, hat uns einen wirtschaftlichen Schaden von etwa fünfhundert Millionen Krediten zugefügt, und wir haben zehn Mitarbeiter verloren. Im Moment habe ich keine Ahnung, wie ich abgefangen werden konnte. Die genauen Flugdaten waren nur mir und dir bekannt. Theoretisch.“

„Sieht so aus, als ob wir einen blinden Passagier an Bord hätten. Dafür bist du zuständig.“

Ryek seufzte. „Ja, bin ich. Ist bisher irgendetwas eingegangen, was uns weiterhilft, warum diese Angriffe stattfinden? Drohungen, Erpresserbriefe, Kriegserklärungen anderer Firmen?“

Bianca zuckte mit den Schultern. „Nein, nichts. Es kann nicht die übliche Piraterie sein, dafür hat es uns zu oft getroffen in letzter Zeit.“

„Was sagen deine Kontakte? Sind auch andere Firmen, die wir kennen, betroffen?“

„Da halten sich alle bedeckt. Mein persönlicher Eindruck ist, dass jemand eine neue Masche ausprobiert und wir das Versuchskaninchen sind. Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Ryek nickte.

„Ich habe da ein paar Ideen. Wie sieht es denn mit Budget aus?“

Er sah unschuldig in Biancas Richtung.

Biancas Augen schossen Blitze. „Wenn ich dich nicht besser kennen würde, hätte ich jetzt den Verdacht, dass du mit dieser Aktion dein Gehalt aufbessern willst. Was solls denn sein?“

„Hm, unser Getränkeautomat ist defekt. Da brauchen wir einen Neuen.“

Bianca sah Ryek an, als ob er endgültig übergeschnappt sei. „Die Firma geht down und du denkst an deine Bequemlichkeit?? Ich glaube, ich sollte deine Stelle neu ausschreiben.“

„Ich brauche einen neuen Getränkeautomaten“, insistierte Ryek. „Und noch ein paar andere Sachen, die ich bar bezahlen muss. Ungefähr zweihundert Millionen, eventuell auch etwas mehr.“

Bianca hielt sich am Türrahmen fest. „Das ist Erpressung!“

„Nein, Erpressung ist das, was kommt, wenn wir das nicht aufhalten. Ich habe die Befürchtung, dass wir die Initiatoren nicht herausbekommen werden. Wir können aber versuchen, es wirtschaftlich uninteressant für sie zu machen.“

„Indem wir in die Insolvenz gehen? Interessanter Ansatz.“

Ryek lachte kurz auf. „An diese Möglichkeit habe ich noch gar nicht gedacht.“ Er wurde wieder ernst. „Nein. Du hast es schon erkannt. Derjenige der uns schadet, muss entweder bei uns arbeiten oder Zugriff auf unsere Daten haben. Beides ist nicht akzeptabel. Sag mal: Ist eigentlich in letzter Zeit bei uns eingebrochen worden?“ Er schüttelte den Kopf. „Vergiss die Frage. Die sollte ich am besten beantworten können.“

„Allerdings. Nein, keine Einbrüche oder Einbruchsversuche in letzter Zeit.“

„Dann frage ich anders: Gab es in letzter Zeit eine Zunahme von Rechnungen in irgendeinem Gebiet? Ist irgendwo besonders viel kaputt gegangen, hat nicht mehr richtig funktioniert und musste deshalb öfter als üblich ersetzt werden? Haben wir irgendwelche neuen Dienstleistungen eingekauft?“

Bianca dachte nach. „Nichts Außergewöhnliches. Außer das dir nicht auffällt, dass ich mal wieder Schuhe gekauft habe und vor drei Wochen die Kantine neu gestalten ließ“, ätzte sie.

„Ich gehe die Bücher daraufhin durch. Bist du sicher, dass der Getränkeautomat defekt ist? Vor 5 Minuten habe ich mir noch einen Kaffee gezogen.“

Ryek stand auf und ging an Bianca vorbei in den Kantinenbereich. So früh am Morgen war noch keine Kundschaft zu sehen, und außer ihnen war niemand im Firmenareal. Er nahm sein Pad mit der linken Hand aus der Tasche und gab mit der Rechten einen Code ein. Eine Sekunde später erschien ein Loch über der „Kaffee“ Taste des Automaten, Ein kurzes Fauchen war zu hören. Der Geruch von verbranntem Metall und Ozon breitete sich aus.

„Ich werde nie verstehen, warum jemand einen Automaten knacken will, der alles umsonst liefert. Das eine Kilo Kaffee ist doch nicht diesen Aufwand wert.“ Ryek steckte seinen E-Pen wieder ein.

Bianca sah entsetzt auf den Automaten. „Wenn das nicht klappt, ziehe ich dir die Kosten deines Vorschlages für die nächsten zweihundert Jahre vom Gehalt ab. By the Way: Ich hatte heute Morgen Probleme in mein Büro zu kommen. Das Schloss hat erst im dritten Anlauf reagiert.“

Ryek hob interessiert die Augenbrauen. „Aha. Darf ich mal?“

Er ging zur Tür des CEO. Sie war, wie die zu seinem Büro, mit einem Schloss gesichert, das nur über persönliche Aktivierung geöffnet werden konnte. Wenn die Türe geschlossen war und der Schlüssel defekt, würde es leichter sein, durch die meterdicke Stationswand von außen in das Büro zu kommen. Das Schloss ließ sich nur bei geöffneter Türe herausnehmen und tauschen.

Er stellte den Scanner des Pads auf „passiv“ und betrachtete das Schloss sehr genau.

„Ich kann nichts feststellen. Da müssen wir wohl einen Fachmann kommen lassen.“

Bianca verzog das Gesicht. „Noch eine Ausgabe. Ich muss die Alarmanlage für das gesamte Büro synchronisieren lassen, wenn da etwas defekt ist. Verdammt!“

Für einen Moment sah es so aus, als ob sie mit dem Fuß aufstampfen wollte.

„Ryek, kümmere dich bitte darum.“

Ryek schlug die Augen zur Decke. „Ja Mam.“

Sie grinste. „Wenigstens Leute herumkommandieren geht noch. Halte mich auf dem Laufenden, und verlier nicht den Kopf.“

Damit verschwand sie in ihr Büro.

Ryek rief den Reparaturdienst der Station und schilderte das Problem. Er erhielt zur Auskunft, dass man im Moment reichlich ausgelastet sei und sich frühestens in einer Woche um sein Anliegen kümmern könne. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, fluchte er leise vor sich hin.

Um sich aufzumuntern, besuchte er den BL-E Schiffshangar der Station. Was dort zur Verfügung stand, erweckte durchaus den Neid anderer. Die Firma bestand, und das war das offene Geheimnis des Erfolges, aus ausgesuchten Generalisten, die zumeist auch Individualisten waren. Es war eher so, dass die Mitarbeiter durch ihre persönlichen Einkünfte die Firma zusammenhielten, als das sie von dem Gehalt lebten, das ihr Arbeitgeber zahlte. Ziel der Firma war es, in reinster Verfolgung kapitalistischer Ziele, das Vermögen des Einzelnen zu mehren. Die Grenze war die Bequemlichkeit der Mitarbeiter, und diese war sehr groß. Somit ergaben sich die sozialen Konsequenzen direkt aus dem Anspruch, eine Logik, der alle folgten. Vorteil für Kunden war es, dass es für jeden Auftrag mindestens einen Spezialisten gab. Es war auch nicht schwer, ein Team zu bekommen, solange der Preis stimmte. BL-E betrieb einige voll automatisierte Produktionsstätten, die von den Mitarbeitern eher nebenbei betreut wurden.

Ryek ging die Liste der verfügbaren Schiffe durch. Ja, damit müsste es gehen. Ein Kreuzer mit gutem Laderaum und überdimensioniertem Triebwerk. Und genug Platz für ein paar spezielle Einbauten. Ryek ging auf seinem Pad die Transportaufträge durch und suchte einen passenden heraus. Wertvolle Fracht in ein weniger sicheres System. Er wies die Fracht dem Schiff zu, vergab den Beladungsauftrag und trug sich als Piloten ein. Er übermittelte den Flugplan und bekam eine Startfreigabe für 08:30 am nächsten Tag. Dann machte er sich auf den Weg zum Schiff.

 

Die Technik hatte, Raumschiffe betreffend, in den letzten Jahrtausenden die Fortschritte gemacht, die erwartet worden waren. Die Tatsache, dass ein Gefährt, welches sich ausschließlich im Weltraum bewegte, auf Stromlinienförmigkeit verzichten konnte, hatte einer gewissen Dekadenz Raum geschaffen. Insbesondere außerhalb der Gesellschaft lebende Gruppen hatten die Tendenz, ihre Schiffe zum Beispiel mit überdimensionalen Bajonetten zu „verschönern“, um so die Andersartigkeit ihres Lebens zu unterstreichen. Der wichtigste Aspekt jedoch war: Standardisierung. Innerhalb des bekannten Universums ließen sich Module aller raumfahrenden Bevölkerungen in die dafür vorgesehenen Modulschächte von Schiffen gleicher Klassen einbauen. Ob diese dann auch funktionierten, hing von der zur Verfügung stehenden Schiffsenergie, der Rechenleistung des Bordcomputers und nicht zuletzt von der Fähigkeit des Piloten ab, die eingebauten Systeme zu aktivieren und zu nutzen. Erfahrene Piloten konnten sogar Module der nächsthöheren Schiffsklasse integrieren, was in speziellen Situationen taktische Vorteile bot.

Ryek ging die Optionen für das gewählte Schiff durch und wählte die Ausrüstungsgegenstände, die ihm hoffentlich das Überleben ermöglichen würden. Sie würden dafür sorgen, dass der Kreuzer eine höhere Agilität entwickelte. Ein angreifendes Schiff müsste seine Zielerfassung optimieren, um die Waffen rechtzeitig einzusetzen zu können, bevor das Opfer im Warp verschwand. Der Flug durch unsichere Gebiete ist immer sowohl ein Wettlauf gegen die Zeit als auch ein Taktieren mit verschiedenen Angriffs- und Schutzmodulen. Solange ein Gegner nicht eine komplette Flotte aufbot, um ein einzelnes Schiff abzufangen, standen die Chancen, aus der Sache heil herauszukommen, gar nicht einmal so schlecht. Das war der technische Aspekt. Dann waren da noch Spionage und Sabotage. Ryek gab den Ausstattungsauftrag an den diensthabenden Schiffsingenieur der Corp.

***

„Full House! Das ist heute nicht dein Tag Ryek.“

„Sieht so aus. Du räumst ganz schön ab.“ Ryek trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch und sah anerkennend auf den Stapel Spielmarken, der sich, leider nicht bei ihm, angehäuft hatte. „Ist da irgendein Trick dabei?“

Die Angesprochene grinste Ryek an. „Nein. Wir spielen alle fair, aber du spielst schlecht. Probleme?“

„Kann man wohl sagen. Meine letzte Transportreise hat sich wohl herumgesprochen.“

„Klar. Die Chronik des Kampfes ist öffentlich einsehbar. Mir ist aufgefallen, dass die Angreifer erstaunlich wenig Energie aufwenden mussten, um dein Schiff zu knacken. Als ob sie gewusst hätten, wie du die Schutzsysteme konfiguriert hast.“

Ryek nahm seine Karten auf. „All in. Eure Chance, mich zu ruinieren.“

„Du willst es heute aber genau wissen. Ich hoffe, dass du nicht vergessen hast, dass man mit Glück nicht auf Dauer beim Poker gewinnen kann. Du musst immer das große Ganze im Auge behalten. Und die Routine nie zur Routine werden lassen.“

Ryek schlug sich mit der rechten Hand an die Stirn. „Das ist es! Danke dir! Sorry Kollegen, ich muss los.“

Achtlos deckte er die Karten auf. Royal Flash. Er stand auf, warf dabei fast den Stuhl um, auf dem er gesessen hatte. Der Rest der Pokerrunde sah ihm verwirrt nach.

***

Am nächsten Morgen war Ryek pünktlich in der Steuerkapsel. Nach dem Abdocken von der Station ging das Schiff so schnell auf Warpgeschwindigkeit, dass er einen Anruf von den Sicherheitsbehörden erhielt mit der Aufforderung, zu bestätigen, das das Schiff was er flog wirklich der Kreuzer sei, welcher im Flugplan genannt war. Ryek bestätigte und holte sich gleichzeitig die Genehmigung ein, den Flugplan abzuändern. Die neue Route war kürzer und gefährlicher. Dann stieg er aus der Steuerkapsel und schaltete auf Autopilot.

Nach zwei Sprüngen kam es zum ersten Zwischenfall. Eine Orca, ein gewaltiges und vielseitiges Industrieschiff mit eigenem Hangar. Den Manövern nach von einem Betrunkenen geflogen. Es holte ihn ein und drängte ihn vom Kurs ab. Ryek war gezwungen, sich selbst um die Steuerung zu kümmern.

Für einige Minuten flogen die beiden Schiffe auf Tuchfühlung, und erst nach dem Austausch gegenseitiger Beschimpfungen drehte der Störer kurz von dem Sprungtor ab.

Etwas später kam es zum Angriff. Ryek kam aus dem Feld des Sprungtores und richtete sich auf sein neues Ziel aus, als sich vier Angreifer enttarnten. Aus der Geschwindigkeit, mit der er aufgeschaltet wurde, konnte Ryek schließen, das seine Gegner sich auf ein agiles Ziel vorbereitet hatten. Der Warpstörer des ihm am nächsten befindlichen Gegners legte nach Sekunden den Überlichtantrieb lahm. Die ersten Geschosse schlugen ein, und die Raketen und Projektile brachten den Schild fast sofort auf fünfzig Prozent. Ryek warf fünf ECM Drohnen aus und wies ihnen den Angreifer mit der meisten Raketen-Feuerkraft zu. Dann startete er den Schlachtschiff-Nachbrenner. Die Beschleunigung des überdimensionierten Antriebes sorgte dafür, das der Abstand zu den Gegnern sich schnell vergrößerte. Die hohe Relativgeschwindigkeit sorgte dafür, das die großen Waffen der Schlachtschiffe ihn oft verfehlten. Danach legten die Drohnen die Erfassung des Schiffes lahm, welches den Warp-Antrieb störte. Ryek entkam der Vernichtung mit stark beschädigtem Schiff. Der vereinbarte Lohn für diesen Transport würde mehr als ausreichend sein, um die Reparatur zu bezahlen. Die Botschaft an die Angreifer war auch klar:

Wenn ihr mich wollt, müsst ihr mehr ausgeben.

***

Die Reise hatte wichtige Erkenntnisse gebracht. Selbst eine kurzfristige Änderung des Flugplans war bemerkt worden, nicht aber die Aufrüstung des Kreuzers durch den „Betrunkenen“.

Ryek dachte nach. Die Banditen sahen also fast alles, was in der Station stattfand. Schiffsausrüstung im Corphangar, Flugpläne, Fracht, Schiffsbewegungen. Was hatte sich in letzter Zeit geändert? – … Kantine neu gestalten ließ … – die Sicherheitsfirma zickt herum, wenn eines der mörderisch teuren Spezialschlösser nicht richtig funktioniert? Eine Woche Wartezeit?

Ryek stieg aus der Steuerkapsel und setzte sich über sein Pad mit Bianca in Verbindung.

„Was gibt’s? Und Warum so geheimnisvoll?“

„Bianca, wo bist du gerade?“

„Auf dem Flug zu Zentrale. Hast du vergessen, dass heute unser monatliches Meeting ist?“

„Habe ich tatsächlich“, antwortete Ryek schuldbewusst. „Ich bin aber sicher, dass ihr alle heute verhindert seid.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Antwort kam. „Verdammt, ich habe noch was beim Zoll zu erledigen. Sage den anderen Bescheid, dass wir uns morgen treffen. Übrigens: Dein Kaffeeautomat ist eingetroffen. Schnelle Lieferung, das muss ich sagen. Hast du immer einen auf Lager?“

„Ja, habe ich tatsächlich. Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir erzähle, wo ich den her habe.“

„Wir sehen uns dann also morgen?“, fragte Bianca besorgt.

„Ich hoffe es“, war die unbestimmte Antwort.

***

Das Geschäftsareal der BL-E Geschäftsstelle ist verwaist, Ryek sitzt über seinem Notepad und liest Berichte. Eine zerquetschte Getränkedose liegt an der Schreibtischkante. Ryek bewegt seine rechte Hand, um die Dose in den Papierkorb zu befördern, der neben dem Tisch steht. Er hält inne und legt die Hand langsam auf die Tischplatte. Die zwei Gestalten im Kampfanzug quittieren das mit einem beifälligen Nicken, ihre Blaster bewegen sich dabei nicht.

„Ich werde alt. Eigentlich sollte die Alarmanlage ausgetauscht werden.“

„Sie wurde getauscht. Von uns“, sagt der Größere der beiden. „Wir gehen jetzt zusammen in die Kantine. Vorher leerst du deine Taschen aus.“

Aus Mangel an Alternativen steht Ryek auf, legt den Inhalt seiner Taschen auf den Schreibtisch und geht aus dem Büro in den davor liegenden Gemeinschaftsraum. Von hier kann man die Kundenhalle durch die deckenhohe Sicherheits-Verglasung einsehen. Die Bürotür wird von den beiden „Gästen“ vorsichtig geschlossen.

„Fein. Wie komme ich jetzt ohne Schlüssel wieder rein?“

„Ja, das wird wohl dauern.“

Ryek kalkuliert im Geiste den Betrag für die Reparatur der Tür. „Also, was war noch einmal das Angebot, das ich nicht ablehnen soll?“

„Raumschiffe fliegen ist gefährlich geworden, wie du bemerkt hast. Auch die Kollateralschäden sind erheblich.“

Ryeks Blicke durchbohren die zwei Gangster, was aber keinen Eindruck macht. Er geht zum Getränkeautomaten. „Was hat sich euer Herrchen denn so vorgestellt?“

Der Blaster-Schuss des Gangsters trifft Ryek an der linken Schulter. Kleine Einschläge und Blut verteilen sich auf dem Getränkeautomaten und der Wand dahinter. Ryek wird gegen den Automaten geworfen.

Er dreht sich um. Stöhnt auf. „Für eine Erpressung sind das ja seltsame Sitten. Keine Forderung?“

„Wir lassen es wie einen Unfall aussehen. Vom Getränkeautomaten erschlagen. Die Forderung bekommt dann dein Nachfolger.“

Ryek sinkt, gestützt von der ramponierten Maschine, langsam zu Boden „Da muss wohl Ersatz her.“

Es rumpelt. Eine Dose fällt aus dem Getränkeschacht. Sie schlägt mit einem überraschend schweren Klang auf, die getroffene Fliese splittert. Die beiden Killer sehen zur vermeintlichen Getränkedose. Ryek hat die Plakette in der rechten Hand.

„Was ist das, verdammt?“

„Das in meiner Hand? Ein Totmannschalter. Der schaltet, wenn ich tot bin. Lustig, was? Und das auf dem Boden? Eine Smartbomb. Ich dachte, ihr wisst, wie eine aussieht. Noch ein Kaffee zum Abschied?“ Aus dem Getränkeautomaten schießen hunderte hauchfeine Nadeln und dringen in Ryeks Kopf. Der Schild-Generator läuft mit einem rasanten Pfeifen hoch, und der Energieschild hüllt den Aufenthaltsraum ein. Eine mechanische Stimme verkündet „Datentransfer beendet.“ Ryek grinst satanisch und lässt den Schalter los.

***

„AAAAARGH!!“

Der hohe Dauerton geht in ein „Piep, piep, piep“ über. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und Metall. Ein Körper liegt angeschnallt auf dem Stahltisch.

Langsam breiten sich die Informationen im Gehirn aus, es ist wie das Einswerden mit dem Schiff in der Steuerkapsel, ein unfühlbarer Schmerz, alles auf einmal, dann weniger, langsam kommt alles an seinen Platz. Der Körper bäumt sich ein letztes Mal auf, dann liegt er ruhig da, die biologische Maschine hat sich stabilisiert. Ryek schläft.

***

„… die Cafeteria des Bankhauses wurde vollkommen zerstört. Nur der Energieschild hat verhindert, dass der gesamte Bereich in den Weltraum gesprengt wurde. Aufgrund der Heftigkeit der Explosion und der Analyse der übrig gebliebenen Gase ist davon auszugehen, dass eine sogenannte Smartbomb gezündet wurde. Wie diese von einem Kriegsschiff auf die Station gelangt ist, befindet sich in Klärung durch die örtlichen Sicherheitskräfte. Es ist nicht feststellbar, ob bei der Explosion Menschen zu Schaden gekommen sind, da die Überreste für eine weitere Analyse nicht ausreichen. BL-E teilte auf Nachfrage mit, in keine Auseinandersetzung verwickelt zu sein, so das der Grund für den Anschlag völlig unbekannt ist. Kein Mitarbeiter würde vermisst. Der erhebliche Schaden sei durch eine Versicherung weitgehend gedeckt. Allerdings müssten die Kunden sich eine Weile gedulden, bis die nächste Lieferung echten Kaffees zur Verfügung stünde …“

 

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