Business as usual

Ryek mystBusiness as usual (BAU) – the normal execution of standard functional operations within an organization.
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

(… und dann der Sprung … )

Flashback: Spring! (Teil 2)

Joret sah ihm nicht nach. Als sich die Wohnungstür geschlossen hatte, nahm er sein Pad auf und meldete sich an. Wie versprochen hatte „Mr. Smith“ eine Telefonnummer in seine Telefonliste eingetragen. Soviel zur Sicherheit verschlüsselter Daten gegenüber den Behörden. Er öffnete das Pad auf der Rückseite und begutachtete die dort von ihm angebrachten Mikroschalter. Dann setzte er den für die Datenübertragung / Telefonie auf „aus“. Zum Glück war es immer noch nicht verboten, sein Telefon zu deaktivieren. Die Schalter dagegen waren grenzwertig. Er stellte den zweiten Mikroschalter auf „ein“, und hatte jetzt Zugriff auf eine zusätzliche Speicherkarte. Nach Eingabe eines Passwortes prüfte er die hier liegenden Daten. Ja, alles noch vorhanden, zum Beispiel die Informationen über den von ‚Mr. Smith‘ angesprochenen Kunden. Und nicht nur diesen. Joret war sich nicht sicher, ob er damit wirklich Kunden und Arbeitgeber erpressen wollte. Die Gefahr, einfach entsorgt zu werden bestand immer.

Er schloss eine weitere Speicherkarte an das Pad an und kopierte die Daten dort hin. Diese Karte kam in ein neues, nicht manipuliertes Pad. So konnte er sich darauf berufen, es sich anders überlegt zu haben, falls das Gerät von den Behörden beschlagnahmt werden sollte. Die Originalkarte würde er an einem sicheren Ort lagern.

Er aktivierte den Holoprojektor und sah sich einen historischen Spielfilm an, in dem die Helden in viel zu kleinen Schiffen einen viel zu großen kugelförmigen Kampfstern angriffen und auch noch gewannen. Vor über zwanzigtausend Jahren konnte man damit die Leute noch begeistern, heutzutage gewann der Film eher durch seine unfreiwillige Komik. Damals starben die Leute bei solchen Aktionen und wurden nicht als Kopien wiedergeboren. Ja, die gute alte Zeit, sinnierte Joret sarkastisch.

 

Als er im Bett lag, kam die Erinnerung. An das Gespräch und an seine Zeit auf der Raumstation. Ein anderer Schüler, aufgerüstet mit Implantaten, für die man fast einen Planeten kaufen konnte, hatte sein Leben in eine unvorhergesehene und ungewollte Richtung gestoßen. Joret bedauerte noch immer, ihn damals nicht getötet zu haben. Aus Versehen, natürlich. Und jetzt, nach so langer Zeit, taucht ‚Mr. Smith‘ wieder auf. Bietet ihm eine Reinkarnation als Pilot an. Das ist mindestens hundert Millionen Kredits wert, dachte Joret bei sich. Und die bisher illegal gesammelten Daten wären damit kein Problem mehr. Und die Alternative? Der Mitarbeiter im Transplantationszentrum hatte in den letzten neun Monaten mindestens fünfundzwanzig Millionen umgesetzt. Sein Anteil an derartigen Geschäften? Geld schien in diesem Bereich überhaupt keine Rolle zu spielen, es war immer da. Sein Risiko dagegen, als angehender Erpresser umgehend aus dem Verkehr gezogen zu werden, war enorm. Einige von Jorets Kollegen waren aus ihrem Urlaub nicht zurückgekehrt, und Stunden später hatte auch nichts in der Firma mehr an sie erinnert. Das galt es alles abzuwägen. Ein Plan B wäre keine schlechte Idee.

***

Joret Cheng saß im Großraumbüro, in seinem Arbeitsbereich, einem Areal von zwei auf zwei Metern. Platz genug für einen Schreibtisch, einen Stuhl, ein Sideboard und, ach ja, einen Menschen.

Die Geschäftsleitung würde ausschließlich Zwerge einstellen, um weitere Synergien zu heben, dachte Joret sarkastisch, während er auf dem Monitor den Teil des Werteflusses beobachtete, für den er zuständig war. Zahlen, alles Zahlen. Seine Firma handelte mit Erwartungen, Wetten und heißer Luft. Die Leute liehen sich Geld, für das sie keine Sicherheiten hatten, um damit Waren zu kaufen, die noch nicht existierten. Um diese dann möglichst schnell weiter zu verkaufen. Die Differenz dieser Zahlen existierte zwar auch nicht wirklich, aber damit wurden dann reale Dinge gekauft: Schiffe, Fahrzeuge, Planeten, Menschen. Jorets Aufgabe war es, diese Ströme zu beobachten und Abweichungen von den Wunschvorstellungen zu melden, zu ‚reporten‘. Diese Meldungen würden dazu führen, dass die Ströme eine andere Richtung nahmen. Neue Luftschlösser, neue Schulden, neues Glück, schneller und immer schneller.

Joret fragte sich zum wiederholten Mal, ob er es nicht lieber als Croupier in einer Kasino Station versuchen sollte. Die Kunden dort wussten wenigstens, dass ihre Kredits verloren waren.

 

Die Stimme seines Teamleiters weckte ihn aus seinen Überlegungen.

„Joret, BIST DU ÜBERGESCHNAPPT?“

Joret zuckte zusammen, drehte sich betont langsam um und sah in das rot angelaufene Gesicht seines Vorgesetzten. „Wie meinen?“

Für einige Sekunden war Todesstille, dann hatte sich sein Gegenüber so weit erholt, dass er mit normaler Stimme weiter sprechen konnte. „Die Transaktion 34-1785 von gestern, Kauf von angereichertem Uran, ist nicht durchgeführt worden! 1 Million Kredits, die 1,5 Millionen hätten werden sollen! Wieso hast du den Vorgang abgelehnt?“

Joret zog die Augenbrauen hoch. „Ich verstehe deine Frage nicht. Entsprechend der gesetzlichen Richtlinien dürfen Beträge dieser Größenordnung nur dann bewegt werden, wenn bekannt ist, aus welchen Quellen sie stammen. Ich habe gestern mehrfach nachgefragt, und keine Antwort erhalten. Somit habe ich korrekt gehandelt.“

„Joret, du hattest Anweisung, im Zweifel für den Kunden zu agieren. Außerdem, wo sind diese Nachfragen?“ Ein böses Grinsen unterstrich die Frage.

Joret ging die Aufzeichnungen des gestrigen Tages durch: Eingang des Betrages, Ablehnung der Transaktion, keine dokumentierten Nachfragen. Er sah ratlos auf. „Das verstehe ich nicht. Ich bin sicher, mindestens 4 Mal telefoniert und E-Mails ausgetauscht zu haben.“

„Davon sehe ich hier nichts.“

Joret schluckte. „Ich auch nicht.“ Dann fing er sich wieder. „Ich sehe hier aber auch nicht die notwendige Information, dass die Transaktion von den Behörden geprüft und freigegeben wurde. Zumindest können wir also nicht für Schäden haftbar gemacht werden. Und da wir gerade davon reden, dieser Kunde scheint sowieso zu viel Geld für ein Unternehmen seiner Größe zu bewegen.“

Er suchte weiter verwirrt in den Kommunikationsprotokollen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Joret nahm einen Datenstick und verband ihn mit dem System.

„Was tust du da?“

„Ich kopiere den Bereich. Und ich werde das Backup anfordern. Hier fehlen Daten, falls ich gestern nicht den ganzen Tag geschlafen haben sollte.“

Der Vorgesetzte drückte eine Taste auf seinem Kommunikator. Überraschend schnell standen zwei Sicherheitsleute vor der Kabine.

„Joret, du verlässt jetzt das Büro. Nimm die Hände vom Schreibtisch, lass alles so, wie es ist, auch den Datenstick. Wir werden das intern klären und dir morgen Bescheid sagen, ob du wiederkommen darfst. Aber an deiner Stelle würde ich nicht davon ausgehen. Das wars dann!“

 

Joret war wie vor den Kopf gestoßen. Er stand auf, griff nach seiner Jacke und musste zulassen, dass ein Sicherheitsmann sie durchsuchte, bevor er sie zurückbekam. Mit Ausnahme des Pads.

„Oh, neu? Ich wusste gar nicht, dass wir dir so viel bezahlen.“

Für einen winzigen Moment flackerte etwas in Jorets Augen. Die Sicherheitsleute griffen reflexartig nach ihren Waffen, zogen sie dann aber nicht. Joret nickte knapp und machte sich ohne ein weiteres Wort auf den Weg nach draußen.

 

Das war’s dann wohl! Joret schüttelte den Kopf. Seit geraumer Zeit waren bei ihm seltsame Dinge gelandet. Er hatte sie gemeldet, aber nie eine Rückmeldung bekommen. Statt dessen war sein Zugriff auf Daten immer weiter eingeschränkt worden.

Er sah auf die Uhr und lief in leichtem Trab weiter, in Richtung der nächsten Haltestelle. Sein persönlicher Plan B trat mit sofortiger Wirkung in Kraft. In der Innenstadt angekommen besorgte er sich einen Standardkommunikator ohne Registrierung. Dann rief er bei der örtlichen medizinischen Einrichtung mit Bewusstseinstransfer-Ausrüstung an. Nicht nur sein Job würde heute beendet werden! Und er musste schnell sein, bevor jemand anderes auf den gleichen Gedanken kam.

Der angerufene MedTech war überrascht, als Joret ihm sagte, dass er einen Termin bei ihm hätte. Der Hinweis auf Details seines Depots sorgte dafür, das dieser Termin bestätigt wurde.

 

***

 

Im Büro kam Joret gleich zur Sache. „Du stellst alternative Körper für Verbrecher zur Verfügung.“

Der Techniker wehrte sich, aber nicht überzeugend. „Das können Sie nicht beweisen.“

„Stimmt, aber ich kann beweisen, dass du in den letzten 2 Monaten Beträge bewegt hast, die in Summe den Schwarzmarkterlös für 3 Transfers darstellen. Erzähl jetzt nicht, dass dein Gehalt entsprechend erhöht wurde.“

„Was wollen Sie?“

„Das, was du verkaufst, jetzt und umsonst.“

Der MedTech entspannte sich. Ohne die entsprechende Ausbildung würde von seinem Klienten nur eine leere Hülle übrig bleiben. Wenn er so Selbstmord begehen wollte, warum ihn daran hindern? Er meldete sich am System an und öffnete die Bedienungselemente des Datentransporters. Als er durch die Liste ‚endgültige Transporte‘ ging, bemerkte er eine schemenhafte Bewegung; zu spät.

Joret legte den Briefbeschwerer wieder an seinen Platz und sah sich das System an. Wie für alles was im Detail hochkompliziert ist, waren die Bedienungselemente dafür sehr einfach gehalten. Joret wählte ein zufälliges Element aus der verschlüsselten Liste der Ersatz-Klone sowie die anschließende Tötung des Transfergerät-Benutzers mit Systemfehler und totalem Datenverlust. Ob das die Standardausfertigung des Programms war? Er bezweifelte es. Egal. Es würde die notwendige Aufmerksamkeit auf diesen Ort lenken. Joret verriegelte er die Tür von innen, schob einen Aktenschrank davor und vergewisserte sich, dass der Angestellte noch bewusstlos war. Er übertrug das Gewünschte in die Transfereinrichtung und löschte alle Daten, die er mit den Rechten seines Opfers erreichen konnte; für seinen Geschmack erstaunlich viele. Dann nahm er im Gerät Platz und aktivierte es. Er konnte nur hoffen, dass sein Sprungziel einigermaßen kompatibel mit seiner Gehirnstruktur war. Hoffentlich nicht weiblich. Immer noch besser, als hier auf diesem Planeten auf den Tod zu warten. Der war unvermeidlich, sobald sein Pad entschlüsselt war.

Ein Piepsen zeigte ihm an, das die Vorbereitungen bald abgeschlossen waren, und eine Computerstimme forderte ihn auf, anschließend den finalen Scan des Gehirns freizugeben.

 

Ein schwerer Schlag erschütterte die Tür.

„Wie soll ich mich bei dem Lärm entspannen?“, fragte Joret sich belustigt. Er sah auf den Timer. Noch eine Minute. Die Tür gab nach, und der Schrank wurde unter erheblicher Anstrengung zur Seite gerückt. Schritte näherten sich. Der Sicherheitsmann stand in Jorets Sichtfeld, ganz nah, und seine Waffe war Zentimeter von seinem Kopf entfernt.

„Fail!“, dachte Joret. „Dann eben auf die harte Tour.“

Bevor sein Gegner reagieren konnte, drehte er die Waffe in dessen Hand und drückte ab. Die Computerstimme meldete, dass die Rohdaten des Klon-Transfers übertragen waren. Weitere Schritte näherten sich dem Büro, aufgeregte Stimmen waren zu hören. Zumindest stürmte niemand mehr einfach in diesen Raum.

„Ich glaube das, was ich jetzt mache, ist keine gute Idee“

Joret bestätigte den Scan, der sein Gehirn beim Auslesen zerstören würde und richtete den Blaster auf seinen Kopf. Als der nächste Sicherheitsmann in der Tür erschien, drückte er ab.

Das Universum riss ihn langsam in Stücke.

 

***

 

„Ryek?“

Ryek? Wer ist Ryek?

„Ryek Darkener? Kannst du mich hören?“

Verdammt ja, aber wer ist Ryek? Besser: Wer bin ich? Wo bin ich? Wer ist da noch?

Ryek (?) öffnete langsam die Augen (?). Zahlenkolonnen rasten durch seinen Kopf, als ihm unbekannte Geräte nach ihm unbekannten Kontakten suchten. Eine Systemübersicht baute sich in seinem Inneren auf:

 

Technische Komponenten: Check. Ok

Biologische Komponenten: Verbindung wird hergestellt Übergabe der Kontrolle an die biologischen Komponenten in 10 Sekunden

Ryek schloss die Augen wieder und zählte von 1 bis 10, in tausend Schritten. Dann öffnete er die Augen erneut.

„Ja, ich bin es wohl“, sagte er mit großer Anstrengung.

Der MedTech atmete erleichtert auf. „Das war knapp.“

„Kam mir auch so vor.“

„Ja. Der Datentransfer wurde hart unterbrochen. Was ist passiert?

Ryek schüttelte langsam den Kopf. Die Welt drehte sich. „Keine Ahnung. Eben saß ich noch in einer Steuerkapsel in …“, er stockte. „In …“ Er schüttelte erneut den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr.“

„Das glaube ich. Laut Scan hast du noch einiges mehr verloren. Wir haben einen Teil deiner Daten mit statistischen Werten füllen müssen. Falls du also gelegentlich das Gefühl hast, das du nicht allein in deinem Kopf bist, liegt es wahrscheinlich daran. Ich hoffe, dass du nicht schon vorher schizo warst.“ Der MedTech grinste. „So wie es aussieht, wird es eine Weile dauern, bis du wieder du selbst bist. Du kennst die Regeln. Wir haben dir die neue Hülle bereitgestellt. Samt dem, was in unseren Datenbanken war. Alles Weitere kostet extra. Ich denke, dass du in 24 Stunden unseren Service nicht mehr benötigst.“

Er legte ein Pad auf den Tisch neben Ryeks Bett. „Hier drin ist das, was wirtschaftlich von dir übrig geblieben ist, deine Registrierung bei den Behörden sowie ein Plan der Station, damit du dein Schiff findest.“

Er zwinkerte und hielt Ryek das Pad hin. Ryek nahm es und führte die Aktivierung mit Daumenabdruck, Augenerkennung und einem der Implantate durch.

„Viel Spaß in deinem neuen Lebensabschnitt Ryek. Fly Safe, wie man bei euch sagt.“

Der MedTech stand auf und verließ den Raum. Am Eingang drehte er sich noch einmal um. Sein Gesichtsausdruck war sehr ernst. „Ein Ratschlag vom Experten umsonst. Was auch immer du getan hast, um so hier anzukommen, mach es nicht noch einmal. Mit noch weniger lässt sich kein Klon mehr reaktivieren.“

 

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