Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

Tedeya blieb vor der Tür stehen und blickte sich um. Außer ihr war niemand auf dem Gang zu sehen. Sie wartete eine Minute, in der sie interessiert die hellbeige gestrichenen Wände mit den grünen Führungsstreifen betrachtete. Dann klopfte sie erneut an die Tür.

 

Der Angestellte öffnete und sah sie überrascht an.

„Haben Sie etwas vergessen?“

„Ja. Das hier.“

Ihr erster Schlag brach seine Nase, ihr zweiter gegen die Kehle beendete den Schrei. Der Tritt gegen den Solarplexus warf ihn in das Büro zurück, wo er zusammengekrümmt und bewusstlos liegen blieb. Tedeya betrat das Büro und schloss die Tür. Dann untersuchte sie ihr Opfer.

Er wird es überleben, dachte sie mit leichtem Bedauern.

Sie fesselte und knebelte ihn mit dem vorhandenen medizinischen Material. Danach wusch sie sich im Waschbecken das Blut von den Händen. Die Schlüssel und seine ID-Karte fand sie in seinen Taschen und auf dem Schreibtisch.

Sie aktivierte ihren Kommunikator.

„Ja?“, fragte eine jugendliche Stimme.

„Das Goldfischglas ist defekt, wir brauchen ein neues.“

Die Stimme am anderen Ende fluchte leise. „Ok. Ich habe eins auf Lager. Übermitteln Sie mir die Lieferadresse, so schnell sie können.“

„Einverstanden. Ich melde mich, wenn ich sie habe.“

Sie schob die ID-Karte in das Terminal und ermittelte den Standort ihrer Mutter. Ja, das sollte gehen. Die Räume rechts und links neben ihrem Zimmer waren leicht zu evakuieren, und es lag glücklicherweise an der Außenseite des Gebäudes, was die Sache vereinfachen würde. Im dreiundzwanzigsten Stockwerk. Man konnte nicht alles haben. Sie erteilte sich eine Erlaubnis zum Betreten des Bereiches und kopierte alle zugänglichen Daten des Systems auf ihr Pad. Dann zog sie die Karte aus dem Terminal und steckte sie ein.

Der Angestellte stöhnte und bewegte sich. Tedeya trat ihm in gegen den Kopf, und er wurde wieder still.

„Nimm es nicht persönlich“, flüsterte sie, als sie das Büro verließ. Sie schloss von außen ab.

 

Mit der ID Karte war es kein Problem, den Aufzug zu betreten. Als sich die Tür am Ende der Fahrt öffnete, atmete Tedeya schockiert ein. Während im Verwaltungsbereich die Farbgebung noch einigermaßen freundlich gewesen war, herrschte auf diesem Stockwerk die schiere Sachlichkeit. Die Wände waren, wie der Boden, hellgrau gefliest, indirektes weißes Licht ließ keinen Platz für Schatten, die Türen wirkten wie Eingänge zu Grabkammern. Hier lagen die Menschen, für die es nur wenig Hoffnung gab, erhalten von moderner Technik, solange das Geld der Patienten oder der Goodwill der Behörden reichte. Tedeya hatte das Gefühl, ein Schlachthaus betreten zu haben.

Die hohe Automatisierung machte nur wenige Menschen erforderlich, die in grüner, steriler Kleidung durch die Gänge liefen. Tedeya erntete mehr als einen überraschten Blick, sowohl dafür, dass sie eine einem Kampfanzug ähnliche Kleidung trug, wie auch für die Tätowierung auf der linken Gesichtsseite.

Sie wartete, bis sie mit einem Angestellten allein auf dem Gang war. Der legte in einem scherzhaften militärischen Gruß seine Hand an die Stirn. „Was kann ich für dich tun, großer Häuptling?“

Tedeya fasste ihn mit der linken Hand an die Kehle und drückte fest genug zu, dass er sofort begriff, dass auch mehr ging.

„Zimmer 23.134. Sofort!“

Der Mann nickte entsetzt und leistete keinen weiteren Widerstand. Er führte sie hin und schloss die Tür auf. Tedeya nahm ihm die Schlüssel und seinen Kommunikator ab und sperrte ihn in das Zimmer auf der anderen Gangseite. Sie schob die Patienten der links und rechts liegenden Zimmer auf den Gang. Anschließend verschloss und sicherte sie diese Zimmer. Dann ging sie zurück und verschloss auch das gesuchte Zimmer von innen.

Die aufgehende Sonne tauchte den Raum weiches, rotgoldenes Licht. Im Zimmer befand sich ein Mini-Stasis-Container. Üblicherweise waren diese Behältnisse nur für Materialtransporte geeignet, es hatte sich aber gezeigt, dass man auch Menschen für eine gewisse Zeit darin aufbewahren konnte. Das suspendierte Leben ermöglichte es, in Extremsituationen die Zeit zu verlängern, die man auf Hilfe warten konnte. Oder auf den Tod.

Tedeya nahm Verbindung mit ihrem vorigen Gesprächspartner auf.

„Ja?“

„Ich bin am Platz. Kannst du mich einpeilen?“

Es vergingen einige Sekunden.

„Ich habe dich. Drei Minuten.“

Auf dem Gang schrillte der Sicherheits-Alarm.

„Ok. Zwei Minuten.“

Tedeya stellte auf Hilfsenergie um und trennte die Energieversorgung vom Container. Dann zog sie ein Universalkabel für Neuronalverbindungen aus ihrer Jackentasche. Sie schüttelte den Kopf und ließ ihn dabei nach vorne sinken. An der hinteren Schädelbasis wurde das Neuro-Interface sichtbar. Sie verband das Kabel mit dem Interface an ihrem Kopf sowie dem Datenanschluss an der Wand hinter dem Container. Für einige Sekunden wurden ihre Augen glasig, als ob sie in weite Ferne blicken würde. Die LEDs an der Tür flackerten, um dann von Grün auf Rot zu springen; diese Tür würde sich mit keinem Schlüssel der Welt mehr öffnen lassen, genau so wenig wie alle anderen Türen des Stockwerks. Sie löste die Verbindung und atmete tief durch. Dann ging sie zwischen Container und Wand in Deckung.

(Fortsetzung folgt)

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s