Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 

„Hast du eine Ahnung, worum es hier geht?“

Tedeya sah vom Bildschirm auf und ihren Bruder an.

„Nein. Bisher dachte ich, dass wir Mutter entführen und uns dann in ein wenig besuchtes Gebiet zurückziehen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.“

Sie zeigte auf den Bildschirm auf dem Tisch. „Hier! Das sind die Daten, die ich mitgenommen habe. Wie ich vorher sagte: Die Terminierung wäre nicht möglich gewesen.“

„Warum?“

„Weil der Verwaltungsprozess dazu gesperrt war. Auf Anweisung eines Amarr!“

Romar sah Tedeya ratlos an. „Das verstehe ich nicht.“

„Yolane hat uns gesagt, sie würde erpresst. Die Erpresser haben sichergestellt, dass sie nicht stirbt. Bevor, ja, bevor was eigentlich?“

„Bevor sie sie abgeholt haben? Immerhin haben sie ja die Verwaltung beeinflusst.“

Tedeyas Faust schlug mit solcher Wucht auf den Tisch, das Romar für einen Moment glaubte, die Metallplatte würde nachgeben.

„Verdammt! Du hast recht! Derek hat das Ganze veranstaltet, um Yolane vor dem Tod zu retten, aber es scheint nicht seine eigene Idee gewesen zu sein. Aber warum?“

„Hast du herausfinden können, wer die Anweisungen gegeben hat?“

„Es gibt da einen Namen. Sebard Veen, Imperial Academy. Amarr. Spezialist für Biokybernetik und Klontechnik. Eine bekannte und hoch ausgezeichnete Persönlichkeit der Akademie. Gibt bestimmt mehr über ihn zu erfahren, dafür brauche ich aber Zeit. Ein Genie auf seinem Gebiet. Warum interessiert der sich für Yolane?“

„Yolane ist resistent gegen alle bekannten Vitoc Gegenmittel.“

„Schon. Aber er hätte Yolane doch einfach untersuchen können. Sie wäre dankbar gewesen. Warum sie wegbringen wollen? Und warum auf diese Art und Weise?“

Der Schiffskommunikator meldete sich.

„Tedeya, Romar, hier ist Derek. Kommt bitte zu Yolane. Wir wollen besprechen, wie es weitergeht.“

Sie standen auf, und Tedeya steckte das Pad ein.

„Jetzt wird es interessant, Brüderchen.“

 

Yolane war immer noch zu schwach, um ohne Hilfe aufzustehen.

„Das wird noch einige Tage dauern, bis ich mich wieder auf eigenen Füßen allein bewegen kann“, entschuldigte sie sich. „Derek, übernimmst du bitte das Reden?“

„Na, die Chance lasse ich mir nicht entgehen!“

Derek übersah den Blick, der ein Schlachtschiff geschmolzen hätte.

„Zuerst einmal mein Dank an euch beide. Ohne euch wäre das nicht möglich gewesen. Aber ihr habt bestimmt Fragen, warum ich so scharf darauf bin, meine sterbende –“, er zögerte, „Geliebte aus dem Med-Center herauszubekommen. Ganz offen: Ich bin nicht so sentimental, dass ich zusammen mit ihr sterben wollte.“

„Vielen herzlichen Dank, mein geliebter Derek.“

„Ich dachte, du wolltest schweigen? Also. Der Grund ist: Ich, wir, werden erpresst. Die Erpresser haben in Aussicht gestellt, dass sie Yolane entweder wiederherstellen oder in einen Klon transferieren können, der nicht die durch Vitoc zerstörte DNA Struktur enthält.“

Yolande atmete scharf ein.

„Und was wollen sie dafür?“, fragte Tedeya.

„Gute Frage. Ich verstehe die Antwort der Erpresser nicht. Sie wollen einen Kristall, den ein Fremder Yolane im letzten Jahr geschenkt hat. Ein roter, daumennagelgroßer Kristall. Sonst nichts. Dafür bieten sie eine Leistung an, die mehrere hundert Millionen ISK wert ist. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass die uns am Leben lassen werden.“

„Wo ist das Ding?“

Romar blickte Yolane fragend an.

„Ich habe ihn vor einiger Zeit Derek geschenkt, als Erinnerung an schönere Zeiten. Ich hatte herausgefunden, dass der Kristall auf irgendeine Art und Weise Gefühle speichert und spiegelt, konnte darüber hinaus aber nichts damit anfangen. Es ließ sich nicht in meine Installationen einbauen.“

Tedeyas Augen blitzten. „Das Ding hätte ich mir auch gern mal näher angesehen.“

„Kann ich mir denken. Darum habe ich es verschenkt. Damit es weit weg ist.“

Tedeya knurrte etwas Unverständliches.

„Dann kamen die Amarr. Haben mich aufgefordert, den Kristall herauszugeben, mir gedroht. Mir! Einer halbtoten Vitoc Süchtigen drohen!“

Sie lachte auf.

„Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich zum Teufel scheren. Kurz danach wurde bei mir eingebrochen und das Vitoc war weg. Meine Quellen sind so schnell versiegt, dass jemand den ganzen regionalen Markt leergefegt haben muss. Vor zwei Wochen hat Derek mich dann einfrieren lassen.“

Sie sah Derek an.

Derek nickte. „Die Puppenspieler sind zu mir gekommen. Offensichtlich sind mein Herz und mein Kopf weicher als deiner. Nun kommt der interessante Teil. Die Puppenspieler haben uns nach Pamah beordert. Das sind nur einige Sprünge von hier aus. Keine Systeme mit hoher Gefahr, überfallen zu werden. Die schlechte Nachricht ist: Der Schiffsverkehr wird nach unserer Aktion genau kontrolliert werden. Am Sprungtor muss ich die Tarnung aufheben, um die Sprungfreigabe zu bekommen.“

„Welche Schiffe werden eigentlich am wenigsten überwacht?“, fragte Tedeya.

Derek sah Romar an. „Na, Herr Anwärter?“

„Das sind doch Basics.“ Romar war gereizt. „Die geringste Aufmerksamkeit gilt den Schiffen, die einen automatischen Flug machen. Die kommen fünfzehn Kilometer vor den Toren aus dem Warp. Da haben die Behörden genug Zeit, sie zu überprüfen. Außerdem sind diese Flüge auf Risiko des Unternehmers. Falls ein Überfall stattfindet, zahlt die Versicherung nur das Schiff, nicht die Fracht. Eher was für Piloten, die den Abend zuvor zu heftig gefeiert haben.“

„Und was passiert, wenn ich einen automatischen Flugplan abgebe, es mir aber anders überlege?“, fragte Tedeya.

Derek wurde hellhörig.

„Dann musst du den Sprung in jedem einzelnen abweichenden Fall lokal anmelden. Sonst bekommst du eine böse Mitteilung und eine Strafe aufgebrummt.“

„Aber im Prinzip kann ich so bis direkt ans Tor warpen und den Sprung initiieren? Am Ziel haben wir dreißig Sekunden, bis die Warpblase verschwindet. Dreißig Sekunden, in denen wir schneller sein können als die örtlichen Behörden?“

„Nicht ganz. Das klappt vielleicht einmal, aber dann sperren sie die Tore für das Schiff mit der entsprechenden Signatur. Und zu hoffen, dass wir ein Wurmloch finden, das uns direkt ans Ziel bringt und dazu noch ungefährlich ist, halte ich für zu optimistisch.“

„Ich glaube, dass ich die Erfassung der Tore kurzzeitig stören kann.“

Tedeya ignorierte das Erstaunen der beiden.

„Nein, nicht die technische Erfassung, aber die dazugehörigen Daten. Zumindest für eine Weile. Wenn wir also einen automatischen Flugplan abgeben, uns nicht daran halten, und eine falsche Signatur hinterlegen –“

„Das ist doch illegal!“

„Ach? Tatsächlich? Romar, erklär mir doch kurz, was wir gerade hier machen, getarnt auf einem Safe Spot mitten in diesem System.“

„Auch wieder richtig. Aber ob wir damit durchkommen?“

„Keine Ahnung. Wir können es versuchen, solange es klappt. Falls wir entdeckt werden, müssen wir schnell ausweichen, am besten über Systeme mit niedriger Sicherheitseinstufung. Zur Not müssen wir einen Transportservice bei den örtlichen Piraten einkaufen.“

Derek und Romar sahen sich an.

„Ich habe keinen besseren Plan“, stimmte Derek widerwillig zu.

„Wir werden, wenn es klappt, mindestens zwei Tage unterwegs sein. Die Puppenspieler haben uns sieben zugestanden. Auf diese Weise bekommen wir vielleicht einen Puffer, um unser weiteres Vorgehen zu überlegen.“

 

* * *

 

„Sie sind unterwegs.“

„Das heißt?“

„Sie haben die Geisel wie geplant entführt und sind jetzt im Pozirblant System, auf einem Safe Spot.“

„Wie werden sie weiterkommen?“

„Ich gehe davon aus, das Tedeya die Sicherheitssysteme der Flugkontrolle unterlaufen kann.“

„Heißt das, wir tun nichts dagegen?“

„Nein. Zuerst einmal müssen wir herausbekommen, wie sie es anstellt. Da werden wir einen Schritt zu spät sein am Anfang. Ich gehe aber davon aus, dass das Ziel der Gruppe einige Sprünge weg ist. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit das Verschleierungsmuster wiederholen. Oder wir bekommen aus einer anderen Quelle, wo sie hin wollen.“

„Und dann?“

„Sperren wir den Weg. Und werden sie umleiten, zu der von mir aufgestellten Falle.“

„Wie weit sind wir da?“

„Ich nehme Kontakt auf. Wir brauchen keine lange Vorbereitung.“

„Warum sind Sie da so sicher?“

„Ich weiß es, weil ich die Aktion schon lange vorbereitet habe.“

„Wollen Sie uns nicht einweihen? Wir könnten unterstützen.“

„Nein, jetzt noch nicht. Nur ich kenne den Plan. Jede Unterstützung birgt die Gefahr des Verrats. Und meine Erfolge geben mir recht. Habe ich ihre Zustimmung bis auf Weiteres?“

„Ja. Aber die Sache gefällt uns so nicht.“

„Ich weiß. Sie können jederzeit jemand anderen beauftragen. Ich werde mich dann zurückziehen. Und zwar so weit es in diesem Universum irgend möglich ist.“

„Dann machen Sie es so.“

 (Fortsetzung folgt)

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