Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 (… und notwendige Reparaturen durchzuführen …)

 

Sie waren am Hangar angekommen. Romar hastete zum Fahrzeug, das sich in Bewegung setzte, sobald er eingestiegen war.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“, führte Derek das Gespräch fort.

„Was für ein Schiff? Mit wie viel Mannschaft?“

„Eine Pilgrim. Ohne Mannschaft.“

„Mit Feldgenerator für interstellare Sprünge?“

„Natürlich. Aber wohin soll ich springen ohne Gegenstation?“

„Ich dachte, zum nächsten CONCORD Sprungpunkt?“

 

Das Fahrzug hielt vor der Pilgrim. Nama und Yolane trugen Tedeya zwischen sich. Mr. Smith entriegelte die Schleuse.

„Nein. Das geht nicht. Haben Sie es immer noch nicht verstanden, Derek?“

„Erklären Sie es mir.“

„In dem Moment, in dem ich uns bei CONCORD abliefere, wird das politische System des Empire aufhören zu existieren. CONCORD wird aufhören zu existieren. Und wir werden uns in einem galaxisweiten Bürgerkrieg befinden.“

„Wegen dieses einen Kristalls?“

„Ja. Weil ‚dieser eine Kristall‘ nicht kopierbar ist und weil er der Schlüssel zur absoluten Technologieführerschaft auf dem Gebiet des Klonings ist. Auf Jahrtausende hinaus.“

 

Sie betraten den Aufzug zur Kommandozentrale.

„Mr Smith, Sie bleiben doch bei uns?“, fragte Yolane.

„Wie meinen Sie das?“

„Kein Pod. Sie steuern aus der Kommandozentrale. Wir übernehmen die Systeme, die Sie nicht gleichzeitig bedienen können.“

Mr. Smith sah sie an und versuchte erst gar nicht zu widersprechen.

„Aye.“

„Dann teilen Sie uns ein und bringen uns hier raus.“

„Nama?“

„Ja, ich kenne das Modell.“ Sie zitterte.

„Nama? Alles in Ordnung mit Dir?“

„Nein. Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit.“

„Ok, nimm die Ortung, Yolane die Kommunikation, Derek die Waffen, Romar die Navigation.“

„Und Sie?“

Mr. Smith lächelte knapp.

„Ich bin der Kapitän und passe auf, dass Sie nichts verkehrt machen. Ich werde versuchen Tedeya zu wecken. Was ist mit ihr passiert?“

„Nervenschock, nehme ich an“, sagte Yolane. „Sie hat die Klonsprungeinrichtung bedient.“

Mr. Smith zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Direkt?“

„Die Konsole war gesperrt.“

„Das allein war es aber nicht, richtig?“

„Nein.“ Yolane stockte. „Wir wissen nicht, ob der Transfer geglückt ist. Und wir wissen nicht, was da sonst noch vielleicht alles schiefgelaufen ist.“

 

Die Pilgrim verließ die Station und schoss in den Raum, um nach Sekunden getarnt weiterzufliegen.

„Ich glaube, ich kann etwas helfen. Ich habe ein paar gute Amarr Geräte in der Medizinstation und …“

Er zögerte und sah Yolane verlegen an.

„Etwas Vitoc. Nur für den Fall …“

„Danke. Ich werde es brauchen.“

„Derek, können Sie das Schiff allein an einen sicheren Punkt fliegen, den ich nenne?“

„Wenn ich die Finger von den amarrspezifischen Tasten lasse, denke ich schon.“

 

 

* * *

 

 

Nama schlug ihren Kopf auf die Konsole und verbarg ihn zwischen den Händen.

Derek sah Romar an, dann Mr. Smith.

„Vergesst die Ortung. Derek, fliegen Sie uns hier raus.“

„Aye.“

Er gab ihm die Koordinaten und überließ ihm das Schiff.

„Romar: In der Kabine rechts neben dem Ausgang findest du das Passende. Die blauen Kapseln auf dem Tisch. Eine.“

Romar sah Mr. Smith fragend an.

„Sie wird eine Weile schlafen. Wir brauchen Zeit, um zu überlegen, wie es weitergehen soll. Sie wird nichts verpassen.“

Romar nickte und wollte Nama aufhelfen. Sie schlug nach ihm.

„Fass mich nicht an!“

Romar machte einen Satz zurück.

Nama schüttelte heftig den Kopf und sah Romar entschuldigend an.

„Hilf mir, bitte.“

Er führte Nama hinaus.

„Wollten Sie uns alle damit außer Gefecht setzen?“, fragte Yolane.

„Ich hatte es ursprünglich vor. Aber die Situation ist jetzt eine andere. Kommen Sie mit, Yolane. Wir kümmern uns um Tedeya. Ich hoffe, dass bei ihr keine wichtigen Sicherungen durchgebrannt sind.“

Mr. Smith nahm Tedeya auf und trug sie zur Med Abteilung, die sich hinter der Kommandozentrale befand. Dort legte er sie auf eine Untersuchungs-Liege.

Yolane ließ einen prüfenden Blick über die Einrichtung schweifen. Sie nickte anerkennend.

„Sie scheinen medizinisch gut ausgerüstet zu sein. Besser als Standard.“

„Weit besser als Standard.“

Er sah Yolane an.

„Ich kenne Ihre Erfolge auf dem Gebiet der technisch-biologischen Systemintegration. Sie werden einiges finden, von dem ich weiß das Sie es haben, obwohl es offiziell gar nicht existiert.“

Er lächelte wissend, Yolane nickte und lächelte zurück.

„Dieses Schiff hat nur einen Zweck. Die Personen, die jetzt hier an Bord sind, insbesondere Sie, Yolane, und Nama. Den Kristall. Tedeya ist ein – Bonus. Die anderen sind nur Werkzeuge, Verbrauchsmaterial.“

Yolane hätte sich fast auf ihn gestürzt.

„Das sind die Fakten. Trotzdem bedauere ich es, das Ryek nicht hier ist.“

„Ich hatte nicht gewusst, das CONCORD so monströs ist.“

„CONCORD ist das kleinere Übel. Für die meisten. Mehr nicht.“

Er aktivierte einige Geräte. Mit einem leisen Summen glitt ein Scanner auf einem Suspensorfeld über Tedeya und verharrte über ihrem Kopf. An der Wand leuchtete ein zwei Quadratmeter großes Display auf. Es zeigte Tedeyas Körperstruktur, und in Vergrößerung ihren Kopf als Tomografie.

„Interessant“, sagte Mr. Smith. „Sehr interessant. Ich habe nicht gewusst, dass man diese Implantate miteinander kombinieren kann.“

„Das haben Sie sehr vorsichtig ausgedrückt, Mr. Smith. Insbesondere, weil die Hälfte von ihnen verboten ist.“

„Das ist hier und jetzt nicht wichtig. Sehen Sie: Die Computer geben eine Regenerationswahrscheinlichkeit von fast neunzig Prozent an. Die anderen zehn schaffen wir mit der Technik hier.“

Yolane atmete auf. „Wenigstens etwas Positives heute.“

Mr. Smith bediente die Systeme so, das Yolane es sehen konnte.

„Für eine Künstlerin verstehen Sie eine Menge von diesen Dingen.“

„Ja. Ich nutze Technik, um die Gefühle meiner Kunden anzusprechen. Aber ich mache die Modifikationen außerhalb von Körpern. Ethik, falls das Ihnen etwas sagt.“

„Nur auf intellektueller Ebene.“

„Hab ich mir gedacht. Wann wird sie aufwachen?“

„In frühestens vier Stunden.“

Romar betrat den Raum.

„Sie ist – seltsam gewesen. Hat nichts Zusammenhängendes mehr gesagt, bevor sie eingeschlafen ist.“

Yolane wandte sich an den CONCORD Agenten.

„Mr. Smith?“

„Ja?“

„Haben Sie Musikinstrumente an Bord?“

Mr. Smith sah Yolane überrascht an.

„Bitte?“

„Haben Sie oder haben Sie nicht?“

„Ein Amarrisches Klangset“, sagte er, etwas verlegen. „Jetzt halten sie mich bitte nicht für einen besonders gläubigen Menschen. Aber die Teile sind leicht zu transportieren, und es lenkt ab und zu ab von den fürchterlichen Dingen, die ich zu tun habe.“

Er sah Yolane an.

„Sie finden es im Spind in meiner Kabine, wo Nama jetzt liegt. Machen sie ruhig alles auf bei der Suche, meine anderen Sachen sind nicht der Rede wert. Können Sie etwas damit anfangen?“

Yolane lächelte.

„Nicht ich. Romar.“

„Immerhin bin ich der Sohn einer musischen Mutter“, sagte Romar mit verlegenem Stolz.

Yolane führte ihre Idee aus. „Um es einmal technisch zu sagen: Nama hat einige Dinge getan, für die sie nicht konfiguriert war. Sie ist genauso überlastet wie Tedeya. Aber sie kann man nicht mit Technik reparieren, ohne sie zu zerstören.“

Sie sah ihren Sohn an.

„Wie gut verstehst du dich mit ihr?“

„Schwer zu sagen. Immer hat sie recht oder will mich umbringen.“

Er lachte auf.

„Ja, ich mag sie. Wie kann ich helfen?“

„Lenk sie etwas ab. Und pass auf sie auf.“

„Wenn wir Nama verlieren, ist die Mission gescheitert“, ergänzte Mr. Smith.

„Mr Smith. Ich erwarte, dass Sie uns das erklären, sobald wir wieder einsatzfähig sind.“

„Das meiste haben Sie sich doch schon zusammengereimt.“

Yolane gab Romar ihren Blaster.

„Mr. Smith wird sich weiter um Tedeya kümmern. Erschieß ihn, wenn er sich verdächtig benimmt.“

„Aye.“

Yolane sah Romar an. „Hast du es bei dir?“

„Ja.“

Er zog den Kristall aus der Innentasche seiner Jacke. Ein sanftes rotes Licht durchdrang den Raum. Yolane schien plötzlich überall zu sein.

Mr. Smith trat einen Schritt zurück.

„Ich möchte vermeiden, aus Versehen getötet zu werden“, sagte er, doch seine Augen klebten an dem Kristall. Yolane nahm ihn und steckte ihn in ihre Pillendose, neben das Vitoc. Sie klappte den Deckel zu, aber die Präsenz blieb schwach erhalten.

„Er lässt sich kaum abschirmen. Nur durch den Wunsch des Trägers“, sagte Mr. Smith.

Die Präsenz verschwand, alle atmeten auf.

„So nah war ich dir zuletzt, als du mich in dir rumgeschleppt hast“, flüsterte Romar verwirrt. „Aber daran kann ich mich nicht so gut erinnern.“

Mr. Smith meldete sich zu Wort.

„Ich mache nur ein paar Einstellungen. Keine Angst. Ich werde alle Räume auf die Brücke legen. Es wird uns nicht entgehen, wenn Tedeya aufwacht oder etwas braucht. Romar, bitte keine Panik, die spitzen Sachen, die ich jetzt an ihr anbringe, sind notwendig. Danach verordne ich uns allen Ruhe. Wenn es sie beruhigt, dann schließen sie mich in einer beliebigen Kabine ein. Wir brauchen eine Auszeit, egal was passiert.“

Yolane nickte.

„Gute Idee, akzeptiert. Morgen versuchen wir herauszufinden, wo Ryek ist. Und ob er noch am Leben ist.“

Sie wandte sich an Romar.

„Für dich habe ich einen Sonderauftrag. Morgen früh.“

 

 

* * *

 

Das gleichmäßige Summen der Generatoren wirkte einschläfernd. Nama drehte sich auf die andere Seite. Nein, sie wollte nicht aufwachen, nicht jetzt. Überhaupt nicht mehr. Im Hintergrund ihres Bewusstseins spielten sich die Szenen der letzten Tage ab, facettenhaft, gläserne, rasiermesserscharfe Bruchstücke in einem See aus Blut. Jeo, Ryek. Waren sie wirklich entkommen? Warum fühlte sie keinen Schmerz, keine Verzweiflung? Eine Watteschicht lag zwischen ihrem Denken und ihrem Fühlen. Sie erinnerte sich an Mr. Smiths Medikament, welches Romar ihr gegeben hatte. Danach war alles schwarz geworden. Sie bedauerte, dass es nicht so geblieben war.

Die Watte wurde dünner. In einigen Minuten würde nichts sie vor den Erinnerungen schützen. Sie konnte Mr. Smith nach dem Medikament fragen. Für einen Moment erschien es ihr erstrebenswert, nichts mehr fühlen zu können, auf Dauer. Schlafen. Lange schlafen. Bis die Welt sich weitergedreht hatte und das alles hier vorbei war.

 

„Nama? Bist du wach?“

Nein, bin ich nicht. Ich bin gestorben. Lass mich liegen und verschwinde, Sklave!

„Nama?“

Eine Hand berührte sie sanft und kurz an der Schulter. Sie bemerkte, das Romar einen schnellen Schritt zurück machte.

Gut so! Er hat gelernt. Jetzt mach einfach die Tür von der anderen Seite zu!

Sie hörte, das Romar in den Schränken kramte. Hoffentlich suchte er Messer. Dann war es zumindest nicht ihre Schuld, wenn das alles jetzt vorbei war!

Romar schien einen schwereren Gegenstand mit einiger Mühe vorsichtig auf dem Tish abzusetzen. Für eine Weile war ein leises Klappern zu hören, manchmal der melodische Klang von Holz und Metall.

Was treibt der da?

Sie drückte den Kopf tiefer in das Kissen.

Sie erkannte das Instrument. Ein Amarr-Klangset.

Interessant. Das Mr. Smith so etwas mit sich herumschleppte. Und so egal, lasst mich schlafen und sterben. Was will dieser Minmatar-Wilde damit?

Romar strich mit den Schlägeln sanft über die Metallröhren und spielte dann eine einfache, meditative Melodie. Nama fühlte sich an ihre Heimat erinnert. Es war schon ein Sakrileg, das ein Nicht-Amarr dieses Instrument spielte, aber sie musste zugeben, das Romar die Komposition im Griff hatte.

Immerhin. Er macht das nicht zum ersten Mal. Das sich ein Minmatar für die Musik des Feindes interessiert. Naja, Halb-Minmatar, auch nicht besser.

Die Melodie veränderte sich, es kamen jetzt Töne der Holz-Röhren des Instrumentes hinzu, die einen fast bläserhaften Klang entwickelten.

„Nama?“

Nein. Niemand hier.

Ihre Erinnerungen überwältigten sie. Es gab nur einen Weg, ihnen zu entkommen und wieder rein zu werden. Sie würde das Schiff verlassen. Gleich. Ohne Raumanzug. Aber zuerst sollte der Minmatar-Sklave sie noch eine Weile unterhalten mit seinem Spiel.

 

 (Fortsetzung folgt)

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