Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 (… )

„Wir werden alle wahnsinnig werden und sterben. Alle drei. Wenn du versuchst, Details zu erfahren.“

Nama rang mit der Fassung.

„Das eben war – fast – eine Geistesverschmelzung. Eine Summenbildung. Viel mehr Vergewaltigung geht nicht. Ich frage mich langsam, zu welchem Zweck dieses Ding hier tatsächlich gemacht wurde. Aber im Moment ist nicht die Zeit für Fragen. Wir können es nutzen, rudimentär.“

Sie hob die Stimme.

„Tedeya!“

Tedeya fuhr zusammen.

„Rudimentär! Die Leute, die das hier gebaut haben, sind im Gehirn anderer Menschen spazieren gegangen wie in einem Einkaufszentrum! Mit dem Ding als Einkaufstasche! Und dass es nicht nur empfangen, sondern auch senden kann, das wissen wir schon lange, sonst wären wir heute nicht hier!“

Sie beruhigte sich.

„Unser Wissen, unsere Gedanken, unsere Gefühle sind in diesem Kristall Daten in einer Metadatenbank. Wenn wir nicht verdammt aufpassen, werden sie nur noch dort sein.“

Tedeya sah Nama mitfühlend an. Sie nahm ihre Hände.

„Jetzt verstehe ich. Du bist genau so ein Freak wie ich.“

Nama nickte.

„Ja. Natürlich. Alle Menschen sind das. Aber wir beide sind ausgebildete Freaks.“

Sie lachte hart.

„Ted, kriegst du das hin? Ich muss den Kristall moderieren und kann dir nicht helfen bei deiner Arbeit. Wenn du die Synapsen da drin nicht allein reppen kannst, müssen wir aufgeben, sonst gehen wir dabei drauf.“

Tedeya atmete tief ein und aus.

„Wir versuchen es noch einmal.“

„Bleib an der Oberfläche. Das reicht. Stelle eine virtuelle Struktur auf, mit der sich das eingeschlossene Bewusstsein verbinden kann; es muss ein Loch von innen in die Wand schlagen und braucht dann etwas, um sich daran festzuhalten. Sonst geht es verloren. Anders gesagt: Die Person stirbt dann.“

Tedeya zuckte zurück.

Nama lächelte hintersinnig. „Es wird schon schiefgehen. Kannst du singen?“

„WAS?“

„Ob du singen kannst. Immerhin bist du die Tochter einer künstlerischen Mutter.“

Tedeya grinste schief.

„Ja. Ein wenig. Darin bin ich aber nicht so gut wie bei den Martial Arts.“

„Kannst du allein in einem Raum singen? So das jemand dich durch eine dünne Wand hören könnte? Etwas Bewegendes? Dieser blöde Kristall benötigt Emotionen als Katalysator. Emotionen der Person, dessen Daten bearbeitet werden sollen. Wenn du eine Vorstellung von Musik erzeugen kannst, egal ob allein oder mit Orchester, dann würde es die Chancen auf Erfolg deutlich steigern. Du musst nicht wirklich …“

Sie lachte.

„Verdammt, es ist doch sowieso alles nur virtuell. Also …“

Tedeya unterbrach sie.

„Ich weiß. Ich habe schon einiges, angeblich nur virtuell, gemacht, was du sicher nicht wissen willst.“

„Umso besser. Also?“

„Na gut.“ Selbstbewusst. „Ja, das bekomme ich hin.“

Nama sah Tedeya nachdenklich an.

„Gut. Dann lass es uns noch einmal versuchen. Wir kennen das Risiko und wir meinen, der Typ da drin ist es wert. Yolane hat den Apparat zusammengebaut, wir können ihn bedienen. Weil wir ausgebildete Freaks sind. Pass auf, dass du dich nicht verliebst. Dieser virtuelle Kontakt ist – du sagtest ja schon, dass du das kennst – sehr nah an der Realität.“

Tedeya sah Nama ungläubig an.

„Darf ich dich daran erinnern, dass dieser Ryek mich bei unserer ersten Begegnung um ein Haar getötet hätte? Dass er uns alle wie Schachfiguren einsetzt, wie es ihm gerade passt? Und wir beide, seine Opfer, halten es für eine gute Idee, ihn nicht einfach hirntot da liegen zu lassen. Romantische Gefühle stelle ich mir anders vor!“

„Du machst dir etwas vor. Du bist so, wie du bist, weil du es so wolltest. Keiner hat dich je gezwungen, deinen Kopf mit Nanotechnik vollzustopfen. Das ist auch nicht sehr romantisch.“

„Wenn schon!“

Sie warf ihren Kopf zurück.

„Hey, er könnte, seinem Klon-Alter nach, mein Vater sein!“

Nama verkniff sich das ’na und?‘. „Ich wollte eigentlich nur sagen, das du auf dich aufpassen sollst. Und auf mich. Und auf Yolane. Technisch gesehen werde ich das Fundament sein, auf dem du arbeitest. Bau. Also. Keine. Scheiße!“

Tedeya brauchte ein paar Sekunden, um das Konzept in ihre Implantate zu übertragen und zu akzeptieren.

„Aye. Jetzt habe ich es kapiert, glaube ich. Lass uns anfangen, bevor ich es mir anders überlege.“

Sie hielten sich eine Weile fest. Dann nickten sie sich zu.

Nama seufzte.

„Falls es dir hilft: Ich habe mich  schon häufig gefragt, ob ich überhaupt noch ein Mensch bin. Die Antwort ist simpel: Es ist meine Entscheidung.“

 (Fortsetzung folgt)

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