Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 (… Wer den Text von Anfang an gelesen hat, dem wird klar sein, dass das folgende Gespräch kommen musste. Moderne Technik bringt immer auch Probleme mit sich, die es ohne sie nicht gäbe …)

Nach einem langen, und in der Hauptsache für die Männer, anstrengenden Tag hatte man sich darauf geeinigt, dass die Herren sich nach einem Waffenladen und einem Restaurant umsahen, während die Damen ihren Jäger und Sammler Leidenschaften in den Einkaufshäusern weiter nachgehen durften. Obwohl schon einige tausend Jahre außer Betrieb, war die Kultur des Planeten so weit auf Raumflüge eingestellt gewesen, dass viele der Gegenstände des täglichen Lebens in Behältnissen verpackt waren, die auch einen Aufenthalt im Weltall überstanden hätten. Die Forscher hatten sich in den letzten Jahren daraus bedient und die Simulation des damaligen Lebens erstellt, mit sich selbst als Teilnehmern. Das hatte zu einem besseren Verständnis der Kultur des Planeten geführt, doch warum die Waffe damals alles menschliche Leben vernichtet hatte, war im Dunkeln geblieben. Insbesondere die amarrischen Wissenschaftler glaubten an ein Gottesgericht, wie im biblischen Sodom und Gomorrha, konnten aber nicht schlüssig belegen, welche Sünde die Ursache dieser finalen Bestrafung gewesen war. Mord an einem Gesandten der pre-Jove, die sich vielleicht selbst für Götter gehalten hatten? Dafür hätte man mehr über die lebenden Jove wissen müssen, doch die waren sehr zurückhaltend mit Informationen und hatten ihre eigenen Probleme, ihre Rasse am Leben zu erhalten.

Nach einigen Stunden hatten sich Yolane, Nama und Tedeya im größten Kaufhaus eingefunden, um ihre Errungenschaften durch noch fehlende Kleinteile zu komplettieren. Yolane saß in der Kantine, die voll automatisiert und in Betrieb war, bei einem Glas Saft, währen Tedeya und Nama noch herumstreiften.

 

Tedeya kam und setzte sich zu Yolane an den Tisch.

„Kannst du mir weiterhelfen?“

Yolane sah Tedeya überrascht an.

„Wobei?“

„Bei Ryek. Er ist so zurückhaltend. Alle meine Versuche, ihn herumzukriegen, sind gescheitert. Ich bin sicher, dass er Interesse hat, aber er drückt sich. Redet sich heraus, dass er darüber nachdenken muss.“

Sie lächelte gequält.

„Bisher habe ich so etwas noch nie erlebt. Normalerweise stellen sich die Kerle an, um ein Date bei mir zu bekommen.“

„Scheiße!“, flüsterte Yolane bei sich.

„Vielleicht hat er tatsächlich wichtige Gründe. Die er dir nicht sagen will?“ Das Eis unter Yolanes neuen Schuhen wurde immer dünner.

„Ich weiß, der Altersunterschied, er könnte mein Vater sein. Aber in fünfundsiebzig Jahren ist er nicht mehr fast doppelt so alt wie ich.“

Yolane schlug die Hände vor ihr Gesicht und atmete tief durch. „Das Problem ist: Er ist dein Vater.“

Tedeya starrte ihre Mutter entsetzt an.

„Willst du mich auf den Arm nehmen? Joret, mein Vater, war Gallente. Ryek ist ein Caldari, wie es nur einer sein kann!“

„Er ist … Nein, er ist nicht … Verdammt, wie soll ich das erklären?“, fragte Yolane sich selbst, laut und verzweifelt.

„Versuch es!“

Yolane zwang sich zur Ruhe.

„Er ist es und er ist es nicht. Er ist dein geistiger Vater, in einem sehr wörtlichen Sinne.“

Tedeya sah ihre Mutter an, als vermutete sie, dass diese jetzt komplett übergeschnappt wäre.

„Dein Vater ist Joret Cheng.“

Tedeya nickte. „Das weiß ich selbst. Und ich kann mich sogar noch an ihn erinnern. Was soll das also?“

„Er starb, nach unserer Trennung, auf einem anderen Planeten in einer medizinischen Einrichtung. In einem Gehirnscanner für Klontransfers, unter merkwürdigen Umständen. Es ist absolut sicher, dass Jorets Körper keinen Klon hatte. CONCORD hat damals das ganze Universum auf den Kopf gestellt und nichts gefunden.“

„Ja. Das hast du mir schon damals gesagt.“

„Und jetzt muss ich mich wohl, zumindest teilweise, korrigieren.“

Sie verstand nicht.

„Bin ich jetzt Jorets Tochter oder bin ich es nicht?“

„Ryek ist genetisch mit dir genauso viel verwandt wie mit mir. Mit anderen Worten: Ryek ist nicht dein biologischer Vater. Ein Gentest würde keine Vaterschaft zeigen.“

Tedeya war erleichtert, aber nur für den Moment, bis ihre Mutter weiter redete.

„Der Körper Deines Vaters ist tot. Aber irgendwie hat Joret es geschafft, an einen fremden Klon zu kommen. Ryeks Körper. Das ist so illegal, dass niemand zugeben würde, dass das überhaupt geht. Ich war sicher, dass alle, die so etwas versuchen, dabei draufgehen. Das Mindeste, was an Schäden auftritt, ist eine multiple Persönlichkeit und Verfolgungswahn. Erinnerst du dich noch, als du ihn zurückgeholt hast? Beim ersten Versuch hin und her geworfen? Joret ist nicht allein in diesem Körper. Aber irgendwie haben die sich arrangiert.“

Tedeya überlegte eine Weile.

„Und du? Liebst du ihn immer noch?“

Yolane fühlte eine heiße Woge in ihr Gesicht steigen.

„Nein. Es klingt jetzt zwar technisch, aber Liebe ist ein überwiegend bioelektrischer Prozess. Gefühle, das ganze Drumherum, alles Chemie.“

Sie grinste.

„Naja. Nicht alles. Ich will es kurz machen: Joret und ich waren eine Zweckgemeinschaft. Es war sehr schön und hat uns beiden Spaß gemacht, so lange wie es dauerte. Und auch darüber hinaus, meine Tochter. Aber Joret ist tot. Für mich endgültig. Sein Körper existiert nicht mehr. Ryek ist eine Kombination aus Jorets Bewusstsein und“, sie stockte, „jemand anderem. Er ist für mich nicht mehr als ein guter Bekannter. Die Kombination aus Körper und Geist, die ich liebe, heißt Derek. Daran gibt es für mich keinen Zweifel.“

Tedeya nickte.

„Jetzt verstehe ich, warum Ryek so zurückhaltend ist. Seelenverwandtschaft. Er war dabei, als ich gemacht wurde.“

Sie kicherte.

„Und er weiß nicht, wie er mir gegenüber damit umgehen soll.“

Yolane machte ‚Pffft!‘, und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

„Was für ein Mist! Das halbe Universum ist auf der Jagd nach uns, und ich verliebe mich in meinen Vater!“

Tedeyas Miene hellte sich auf.

„Aber eigentlich nicht. Er ist nicht mein Vater. Nicht wirklich! Was solls. Wir werden hier alle sterben. Sollten wir uns da nicht noch etwas Spaß gönnen?“

Yolane stand auf. Ihre Schultern strafften sich.

„Tedeya?“ Das war keine Frage, sondern ein Befehl.

„Ja?“

Yolane leckte sich die Lippen.

„Ich habe das in einem sehr alten Buch gelesen. Was ‚dressed to kill‘ heißt. Wir drei Ladies werden unseren Herren der Schöpfung jetzt zeigen, was damit gemeint ist. Und dann rocken wir das Universum.“

Tedeya stand auf und warf ihren Kopf zurück.

„Ja!“

„Wir suchen Nama. Widerstand ist zwecklos! Ich habe irgendwo Schuhe mit verboten hohen Absätzen gesehen …“

 

 (Fortsetzung folgt)

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