Das Drama mit den Helden

©Ryek Darkener 2016

©Ryek Darkener 2016

Im vorherigen Beitrag gab es einige Punkte zum Thema Heldenreise, die mich zu weiteren Überlegungen angeregt haben.

Was ist ein Held in der Belletristik? Die Person, die auf das Geschehen den größten – oder zumindest entscheidenden – Einfluss hat. Der Held reißt das Steuer herum, wenn alles verloren scheint, zieht alleine los, um die Welt zu retten, überwindet alle Widerstände, schlägt den Bösen vernichtend und bekommt am Ende die Prinzessin.

 

Tatsächlich?

 

Der (arche)typische Held ist eine Person, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt der Erzählung deutlich von seinen Mitspielern unterscheidet. Sei es, dass er eine einschneidende Erfahrung macht, sei es eine Entscheidung, die er trifft oder die für ihn getroffen wird (Beispiele: Frodo Beutlin, Harry Potter). Ab da ist für den Helden die Welt nicht mehr so, wie sie zuvor war. Er wird als (möglicher) Held sichtbar. Für seine Umgebung, seine Freunde, seine Widersacher. Irgendwann auch für sich selbst.

Was bedeutet das für den Helden? Er steht außerhalb der Norm. Mit Norm sind weitesten Sinne persönliche und gesellschaftliche Normen gemeint. Der Held erhält vom Autor die Generalabsolution, alles, wirklich alles, zu tun, um seiner Sache zum Sieg zu verhelfen oder beim Versuch zu scheitern. In nicht wenigen Romanen wird genau das sehr früh entweder ausdrücklich geschrieben oder plakativ offensichtlich gemacht, damit jeder Leser es mitbekommt: Vorsicht! Held!

Im weiteren Verlauf der Handlung wird der Held mit immer größerer Konsequenz von dieser Generalabsolution Gebrauch machen. Der Leser, da vorgewarnt, wird ihm folgen und weder seine Motive noch seine Taten in Zweifel ziehen. Was auch immer der Held tun wird, es ist „gut“, „richtig“, „notwendig“. Dass die andere Seite zumeist in gleicher Weise agiert, ist „böse“, „grausam“, „falsch“.

Bei den einfacher gestrickten Geschichten triumphiert der Held in einer Weise, die beim Leser den Wunsch erweckt, seine eigenen Probleme ebenso lösen zu können. Die Welt ist schwarz und weiß. Schwarz ist erlaubt, solange am Ende Weiß herauskommt.

 

Hierzu ein klassisches Zitat der Jesuiten:

„Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“

Für den Helden des Romans gilt dieser Satz ebenfalls, durch eine geringfügige Änderung des Textes:

„Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es der Autor so definiert.“

 

Womit, wieder einmal, bewiesen ist, dass die Feder mächtiger ist als das Schwert.

 

Zurück zu unserem Helden. Er ist zum Ergebnis des Plots verdammt. Macht ihn das glücklich? Interessanterweise ist die Antwort Nein. Dieses Nein ist vorhersehbar. Der Held hat sich, bewusst oder gezwungenermaßen, aus dem Rahmen gelöst, der für alle anderen, mit Ausnahme seines Gegenspielers, verbindlich ist. Der Held hat im Namen dessen, was er für richtig hält, Dinge getan, die für alle anderen, selbst wenn technisch möglich, unvorstellbar zu tun gewesen wären. Nun ist seine Aufgabe erledigt, der Feind besiegt. Wer braucht ihn jetzt noch? Das Ideal, für das er gekämpft hat? Seine Umgebung? Er ist allem entwachsen, selbst seine engsten Freunde werden ihn nicht mehr verstehen.

An diesem Punkt der Geschichte trifft der Held eine wichtige Entscheidung, die in ihrer Tragweite vom Leser oft unbemerkt bleibt.

Entweder: Der Held bleibt Held, sieht seinen Weg als Bestimmung an. Akzeptiert, dass er sich auf einer Reise befindet, die ihn weiter tragen wird. Dass seine Gefährten immer temporäre Begleiterscheinungen bleiben werden. Im klassischen Western reitet er dann gen Westen in die untergehende Sonne. Frodo Beutlin.

Oder: Der Held verschwindet von der Bildfläche. Er versteckt oder zerbricht die Insignien seiner Macht, lässt es sogar zu, öffentlich demontiert zu werden, findet zu seinen persönlichen, menschlichen Zielen zurück. Entscheidet sich, zumindest für eine Weile, für den Weg des normalen Sterblichen und dessen Freuden und Leiden, wird zum Teil des Systems, welches er geschaffen hat. Harry Potter.

 

Was bedeutet das für mich als Autor?

Erstens: Frage danach, wo sich dein Held am Ende der Geschichte befindet, bevor du ihn durch den Plot hetzt.

Zweitens: Ein Held kann jederzeit seine Meinung ändern. 😉

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s