Ein kleines Vorweihnachtsgeschenk

ryekPassend zur Jahreszeit habe ich mir den ersten Text angesehen, den ich als E-Book veröffentlicht habe. Eine weihnachtliche Fantasy Geschichte. Ja, man merkt ihm an, dass eine Überarbeitung nicht verkehrt wäre. Aber bis Weihnachten 2017 ist ja noch ein wenig Zeit. 😉
Viel wichtiger ist mir, dass die zugrundeliegende Idee auch nach Jahren unverändert das ist, was ich schreiben wollte.

Daher, leicht aufpoliert, ein Stück aus dem Kurzroman „Pivot“. Viel Spaß beim Lesen. Und macht es besser, als Elida es macht.

Gegen neunzehn Uhr kam Elida bei Alwin und Vilja an.
Sie umarmte ihren Mann und die fünfjährige Tochter. „Ich hatte einen fürchterlichen Tag. Und ihr?“
„Uns ist es gut gegangen. Vilja hat mich in Mathe abgefragt, und zur Belohnung durfte ich sie mit Kuchen füttern.“
Vilja lächelte Elida an.
Elidas Tablet klingelte.
Vilja warf einen ausdruckslosen Blick darauf. Ein Zittern ging durch ihren Körper.
Alwin zog sie zu sich. „Keine Angst. Elida ist gleich für uns da, nicht wahr?“
Elida flog mit ihren Fingern über das Tablet, wie ein Schmetterling über eine besonders nahrhafte Blüte. Hin und her. Hin und her. Nach einer Weile beendete sie ihr Tun und schaute sich die Welt um sie herum an, als sei sie soeben aus dem Kokon geschlüpft. Sie lächelte, ahnungslos. „So, das war’s dann, hoffentlich. Wollen wir?“
„Gerne“, antwortete Alwin. Seine Augen flackerten kurz auf.

Nach dem Abendessen besserte sich die Stimmung. Elida ließ sich von Vilja erzählen, was sie die Woche über gemacht hatte, und erzählte ihr ein wenig über ihre Arbeit am physikalischen Institut. Roland ließ sie komplett aus. Sie sammelte Viljas Wunschzettel ein, der in perfekter Schönschreibschrift verfasst war und steckte ihn ein, ohne ihn wirklich zu lesen. Die Dinge würden schon bezahlbar sein. Alvin hatte die Liste nicht gelesen. Vilja hatte darauf bestanden, sonst würden ihre Wünsche ja nicht in Erfüllung gehen. Alwin kramte ein Brettspiel aus der Sammlung. Sie bauten Straßen und Burgen, vertrieben Räuber oder handelten. Alwin war ein guter Verlierer, denn gegen diese zwei Frauen hatte er keine bessere Alternative. Man konnte zusehen, wie Vilja langsam auftaute und mehr und mehr zum Kind wurde.

Elidas Tablet klingelte. Sie wollte danach greifen, aber Vilja war schneller. Elida und Alwin nahmen die Bewegung wie in Zeitlupe wahr. Vilja stand auf, schnappte das Gerät, drehte sich wie eine Ballerina. Mit der tödlichen Perfektion eines Ninjas warf sie das Tablet an die Wand, wo es wie ein Meteor in das gerahmte Foto der Drei einschlug. Es hinterließ einen kleinen Krater dort, wo Elida auf dem Bild zu sehen gewesen war. Dann fiel es zu Boden. Auf dem Bildschirm waren Risse zu sehen, wie von Spinnweben.

„NEIN!“ Elida schoss sie aus dem Stuhl und stürzte zur Unglücksstelle. Sie hob das Tab auf und tippte wild darauf herum. „Au, verdammt!“
Vilja sah Elida mit leerem Blick an.
Der Bildschirm blieb dunkel. Elidas Zeigefinger fing an zu bluten.
Alwin hob Vilja hoch und drückte das schweigende Kind an sich. Er sah Elida an, mit Augen wie Laserpointer. Der Moment ging vorbei. Elida wartete erstarrt auf den tödlichen Schuss. Alwin drehte sich um, hielt Vilja weiter mit einem Arm an sich gedrückt, zog mit der Rechten ein Blatt Küchenkrepp aus dem Spender und reichte es Elida.
„Du gehst jetzt“, stellte er fest.
„Aber …“
„Ich melde mich bei dir. Vielleicht. Vielleicht auch nicht mehr. Nie mehr. Machs gut, und danke für den Fisch.“
Er ließ sie stehen und ging mit Vilja nach oben.

Elida warf sich ihren Mantel über und verließ fluchtartig das Haus. Erst auf halbem Weg nach Frankfurt kam sie zu sich, und konnte sich nicht erklären, wie sie bis hierhin gekommen war.
Als sie ihre Wohnung betrat, war es, wie aus einem bösen Traum zu erwachen und in den nächsten hinein zu fallen. Ihr rechter Zeigefinger blutete immer noch ein wenig, tat höllisch weh und verschmierte das beschädigte Display. Etwas knisterte in ihrer linken Hosentasche. Sie zog einen Zettel heraus, der ihr bekannt vorkam, irgendwie, aus einem anderen Universum. Sie schaffte es, ihn mit der Linken zu öffnen. Ganz oben stand:

* Eine Sanduhr, gefüllt mit Mamas Zeit

Der Rest verschwamm vor Elidas Augen. Sie brauchte eine Weile, bevor sie begriff, dass es ihre eigenen Tränen waren. Eine kosmische Gewalt ergriff sie, und mit einem Schrei der Verzweiflung schleuderte sie das Pad gegen die Wand. Diesmal zerbrach es.

 

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