#litcamp17 – Bericht

Ryek myst

Nachdem ich  eines der begehrten Tickets über eine Verlosung ergattern konnte, fand ich mich am 24. Juni gegen 8 Uhr morgens am Dezernat16 in Heidelberg ein. Nach freundlicher Begrüßung bekam ich gleich einen großen Beutel mit Brot in die Hand gedrückt. Nicht zum Essen. 😉 Sondern um bei Aufbau des Frühstücks zu helfen. Merke: Barcamps funktionieren nur, wenn jeder etwas dazu (bei)trägt.

Um 09:30 begann dann der offizielle Teil. Hand aufs Herz: Wer hat jemals erlebt, dass Beamer und Funkmikros gleich am Anfang so funktionieren wie gewünscht? Ich noch nie, auch nicht in meinem Brotjob. Da muss es eine Verschwörung geben. Das Problem wurde gelöst und hinterließ bei mir den Eindruck professioneller Hemdsärmeligkeit im besten Sinne. An dieser Stelle ein großes Lob an das Orgateam und alle Helfer, die die Veranstaltung in den zwei Tagen so angenehm und für die Besucher reibungsfrei über die Bühne gebracht haben!
Nach der Kurzvorstellung der Teilnehmer (Name und 3 Hashtags) ging es in die Sessionplanung. Ab hier werde ich nur noch stichpunktartig über das berichten, was ich für mich mitgenommen habe.

 

Die erste Veranstaltung, an der ich teilnahm, war eine Diskussion über das Verhältnis zwischen Selfpublishern und Buchbloggern. Abgesehen davon, dass das Thema nicht vollkommen emotionsfrei ist, wurden die Standpunkte sowie die beschränkenden Randbedingungen sehr konkret und für alle nachvollziehbar dargestellt. Danke dafür. Auf einige – mit der Diskussionsrunde abgestimmte – Stichpunkte reduziert ist der Stand der Dinge und Meinungen (ohne Kommentar, der kommt getrennt):

  • Selfpublisher sollten sich selbst stärker organisieren und z.B. über Newsletter eine Vorsortierung für die Blogger leisten, im Sinne einer Buchvorschau. Sie sollten selbst dazugehörige Plattformen etablieren. Am besten genrespezifisch.
  • Buchblogger sind üblicherweise komplett ausgebucht, darum haben die meisten keine Zeit, um auf individuelle Anfragen zu reagieren.
  • Es ist unfair, sich gegenseitig vorzuwerfen, füreinander keine Zeit zu haben. Sondern es ist Fakt.
  • Selfpublisher sollten sich unbedingt mehr für Buch-Blogs interessieren, die zu ihren Genres passen.
  • Professionelles Miteinander ist Pflicht.
  • Generelles Problem ist die Informationsüberflutung und Zeitmangel für nicht primäre Tätigkeiten (Schreiben, Lesen, Bloggen).

So weit das Protokoll. Hier mein Kommentar, inklusive ein wenig Ironie:

Wenn ich die oben genannten Statements semantisch aufbereiteten, heißt das dann, sehr plakativ formuliert:
Aufgrund der hohen Auslastung mit einem Thema, das mit viel Herzblut betrieben wird, nehmen sich die meisten Blogger nicht (mehr) die Zeit, in der großen Auswahl von angebotenen Texten nach Perlen zu tauchen. Sie bevorzugen vorsortierte und qualitätsgesicherte Produkte. Daher sollten die SPler den Bloggern ihre Texte idealerweise über einen Publikumsverlag zur Rezension zukommen lassen. Klingt ein wenig nach Hauptmann von Köpenick, ist aber durchaus nachvollziehbar. Dasselbe Problem haben natürlich auch die Autoren, da bei ihnen nicht endlos Zeit für Marketingmaßahmen zur Verfügung steht.
Das auf diesem Weg auch sehr gute unbekannte Verlagsautoren kaum den Weg zu Buchbloggern finden, lasse ich einmal dahingestellt.

Ein anderer Vorschlag war, dass sich die SPler untereinander besser vernetzen und mehr über die Werke ihrer Schreibkollegen auf ihren eigenen Blogs berichten sollen. Unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen, sprich Zeit, wird das für die meisten wohl der realistische Weg sein, Leser zu erreichen. Und, ganz offen: Wir SPler können uns da an der eigenen Nase fassen (damit ist auch meine Nase gemeint). Ich bin auf Facebook in einigen Gruppen, in denen entweder begrenzt Werbung erlaubt ist oder die sogar eigene Werbegruppen haben. Wenn ich bei einer theoretischen Reichweite von 10.000 Facebookern mein Angebot nicht einmal 5 (in Worten: fünf) mal geteilt bekomme, dann stellt sich mir irgendwann die Frage, warum ich mein Wissen und meine Erfahrung mit anderen teilen soll für eine Handvoll Likes. Nein, es geht hier erst einmal nicht um Vertrieb und Verkauf, sondern darum, sich gegenseitig und fair einen Mehrwert zu liefern.

Mein Fazit:

  • Stärker mit anderen SP-autoren vernetzen.
  • Rezensionsexemplare an Blogger auch weiterhin gerne. Auf Nachfrage. Oder wenn es sich von selbst über Kontakte in den sozialen Medien (oder bei litcamps) ergeben sollte.

Denn alle Professionalität (die ich voraussetze) hilft nichts ohne die Bereitschaft zu einem konstruktiven Miteinander.

Wer in der Szene etwas bewegen will, der muss raus aus dem Kuschelkörbchen. Das war übrigens auch das Ergebnis aller Diskussionen zu anderen Themen, bei denen ich dabei war.
Wer mag, darf dazu gern einen konstruktiven Kommentar hinterlassen. Besser noch: einen konstruktiven Vorschlag.

 

In der nächsten Session ging es um Content Marketing. Ein Thema, vor dem ich mich immer drücke.
Ich war sehr positiv überrascht, dass man mit recht einfachen Mitteln dem Reizwort „Zielgruppe“ auch als Marketingverweigerer nahekommen kann. Das Modell der Charakterbeschreibung des typischen Lesers des eigenen Textes hat etwas. Wichtige Erkenntnis: Was tut dein simulierter Leser noch, außer dein Buch zu lesen? Gibt es zum Beispiel über gemeinsame andere Interessen die Möglichkeit, auf dein Buch aufmerksam zu machen? Eventuell in nicht-Schreib-Foren? Was mir sehr sympathisch war, dass es in der Veranstaltung nicht darum ging, zu zeigen, wie man auf Biegen und Brechen etwas verkaufen kann, sondern dass es viel besser über die Vermittlung von positiven Mehrwerten geht, die mit dem Produkt Buch nichts zu tun haben müssen.
Marketing muss ehrlich sein. Ist auch meine Meinung.

 

Nächste Session: Twitter
Ich fand es erstaunlich, dass jemand in einer Dreiviertelstunde erklären kann, wie Twitter für dich funktioniert und was du besser sein lassen solltest.
Wichtigste Erkenntnisse:
– Beschäftige dich mit deinen Followern. Persönlich. Nicht mit Tweetgeneratoren.
– Tritt professionell und authentisch auf.
– Keine Crosspostings.
– Du bist für deine Follower so attraktiv wie deine letzten 20 Tweets. Falls die nur aus Werbung für dein vertriebliches Anliegen bestehen sollten, nunja, siehe den vorherigen Textblock  …

 

Die Session über Dos und Dont’s des Selfpublishing brachte mir ebenfalls einige interessante Erkenntnisse. Viele junge Leser scheinen Literatur im Sinne einer Telenovela zu konsumieren. Daher sollte die Veröffentlichungsfrequenz eines Verlagsautors bei einem Buch pro Jahr liegen, bei einem Selfpublisher mindestens bei zweien. Wenn man vom Schreiben leben will und kein gefragter Bestseller-Autor ist.
– Die Vermarktung muss rechtzeitig VOR der Veröffentlichung beginnen.
– Entwickle deine Autorenmarke.
– Halte regelmäßigen Kontakt zu deinen Lesern, binde sie in den Prozess der Erstellung deines Buches mit ein.
– Die eigene Webseite ist Pflicht. Idealerweise auch ein Newsletter.
– Orientiere dich mit dem Preis deines Buches am Wettbewerb. Was nicht heißt: Ich kann billig. Denn das können alle.

Den Bericht über den sogenanntem gemütlichen Teil lasse ich aus. 😉 Für mich waren beide Tage sehr angenehm, offen, konstruktiv und unterhaltsam. Wenn auch etwas anstrengend. 😉

In der Session über Coverdesign wurde kurz zusammengefasst, mit welchen Dingen man sich unbedingt beschäftigen sollte, bevor man ernsthaft darüber nachdenkt, selbst ein Buchcover zu erstellen. Wie zum Beispiel Typografie, sowie Grundlagen der Farbenlehre und Bildgestaltung. Frei nach Ratatouille: Jeder kann Cover, wenn er das Handwerk kennt und entsprechend lange übt. Wer lieber schreibt, sollte sich umsehen bei denen, die lieber Cover designen als Bücher schreiben. Um ein gutes Cover zu erstellen, braucht es zwei bis fünf Tage. Wenn man weiß, was man tut. Sonst entsprechend länger. Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Meine Cover sind maximal brauchbar für den Zweck, aber immer mit dem Thema des Buches verbunden. Was ebenfalls wichtig ist. Trotzdem verschenkt man mit weniger guten Covers Marketingpotential, denn der erste Blick des potentiellen Lesers geht zum Cover.

 

Hochinteressant auch der Beitrag, welche Dinge man aus Pen-and-Paper Spielen für den Weltenbau und das Schreiben mitnehmen kann. Insbesondere dann, wenn man den Spielleiter gibt:
– Macht das Setting für den Leser greifbar. Aber verhindert, dass er in Details festhängt.
– 20 Stunden Recherche für ein zum Weltenbau gehörendes Strukturelement, zum Beispiel Wetter, ersetzen zwar kein Studium, vermitteln aber genug Wissen, um keine offensichtlichen Fehler beim Setting zu machen.
– Struktur muss da sein, bevor die Akteure anfangen, sich zu bewegen.
– Jede Handlung des Charakters bestimmt, was er in Zukunft kann. Aber seine Umwelt wird ihn über die Zeit formen.
– Die Struktur steuert den Charakter indirekt. So kann Deus es Machina verhindert werden.
– Gebe der Exposition den Vorzug vor der Informationsvermittlung.
– Kenne die Fachgebiete und ihre Zusammenhänge, die du zum Weltenbau benötigst.
– Die Struktur bestimmt die Welt. Und, situationsbezogen, die Handlung des Charakters. Spontan und logisch.

 

Zwischendurch ein Einblick in ein sehr spezielles Verlagsthema: Heftromane! Gibt es immer noch. Für die an der Session Beteiligten war es sehr interessant, zu erfahren, wie die Heftromanserie „Perry Rhodan“, die seit September 1961(!) ununterbrochen jede Woche erscheint, produziert wird. Und dass es durchaus nicht so ist, dass jede Neuerung im Buchsektor automatisch dafür sorgt, dass die Leser darauf abfahren. Nicht nur der Verkauf des Themas, sondern auch das jeweilige Medium und die Präsentation haben enormen Einfluss auf den Erfolg. Abhängig von der Leserschaft kann sogar das alte Format das gewinnbringendere sein. Ich wünsche der Serie auf jeden Fall noch einen langen Bestand. Denn abgesehen davon, dass auch mancher bekannte deutsche SF-Autor hier seine Spuren hinterlassen hat, ist sie ein einzigartiges Zeitdokument, da die erzählten Geschichten immer eine Referenz zu aktuellen Weltpolitik sowie der Gesellschaft hatten und haben.

 

Die Vorstellung dessen, was Lektoren machen, hat auf interessante und nachvollziehbare Weise gezeigt, was sie leisten können. Ja, sie können, zusammen mit dem Autor, aus einem guten Text ein besser lesbares Buch machen. Aber nur dann, wenn alle beteiligten Seiten (Autor, Lektor (Verlag)) das auch gemeinsam wollen. Es ist und bleibt eine wertvolle und sehr persönliche Dienstleistung.

 

Das sind in Kürze die Highlights, von denen ich annehme, dass sie für die Leser dieses Blogposts interessant sind.

Da eine Veranstaltung wie ein #litcamp ohne Sponsoren nicht zu einem Preis angeboten werden kann, den sich alle leisten können, hier der Link auf die Sponsorenliste des diesjährigen litcamps.

Für mich waren es zwei hochinteressante Tage, in denen ich viele Menschen kennengelernt habe, mit denen man sich gut unterhalten konnte, auch wenn die Meinungen ab und zu auseinandergingen. Mich hat die Veranstaltung weitergebracht und am Ende war ich ziemlich geschafft. 😉

Nochmals ein großes Dankeschön an alle, die so etwas durch ihren ganz persönlichen Einsatz möglich machen. Und für das leckere vegane Essen! Und, und, und …
Ich werde gern auch im nächsten Jahr wieder nach Heidelberg kommen. Lieber als zu einer Buchmesse.

 

©Ryek Darkener 2016

©Ryek Darkener 2016

Wie immer, nur meine 5 Cent.

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3 Kommentare zu “#litcamp17 – Bericht

  1. Hat dies auf Tintenspuren rebloggt und kommentierte:
    Was man so alles auf einem Barcamp lernen kann … Marketing (mich nur für SPs) professionelle Zusammenarbeit und sogar der ein oder andere handwerkliche Tipp. Eine sehr informative Zusammenfassung von Ryek Darkener.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Babsis #Litcamp17 Rückblick – Babsi taucht ab

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