Adventskalender: Pivot

4. Zeitmanagement

Gegen zwölf Uhr verließ Elida das Haus des Quizmasters. Ihr Magen knurrte. Eine halbe Stunde mit dem Auto, und sie würde eine angenehme Weile in ihrer Vergangenheit verbringen können. Im Kühlschrank war immer etwas. Sie sah auf die Uhr. Ja, das passt. Diesen Roland konnte sie auch aus dem Auto heraus anrufen. Wahrscheinlich kamen Alwin und Vilja gerade von der Kita, wenn sie fertig war mit Kochen. Vorher anrufen? Nein, sie hatte ja den Schlüssel. Elida stieg ein und fuhr los.
Nach dem ersten Klingeln wurde abgenommen. „Da sind Sie ja.“
Die Stimme war klar, mit jugendlichem Charme und Humor, fast schon Schadenfreude.
Elida empfand ein seltsames Gefühl in der Magengegend. „Hallo?“
„Wieso hallo? Stellt man sich so heutzutage vor?“
„N-Nein, Entschuldigung“, stotterte sie.
„Gewährt. Und weiter?“
„Mein Name ist Elida Zwilling.“
„Ach? Wirklich?“
„Ja“, erwiderte Elida, überrascht über ihre Unsicherheit. Dann, mit fester Stimme. „Ich arbeite in einer Forschungsgruppe in einem kosmologischen Institut.“
„Ich weiß.“
„Kennen wir uns?“
„Nur von Facebook. Ich bin einer Ihrer vielen Fans. Ihren letzten Vortrag habe ich mit Interesse gelesen. Sehr nett gemacht.“
Das meint der doch nicht im Ernst! „Danke für Ihre Einschätzung. Man findet nicht oft Gesprächspartner auf gleichem Niveau.“
Ihre Ironie glitt spurlos an ihm ab. „Da bin ich sicher. Ist auch meine Erfahrung. Wollten Sie mit mir jetzt Ihre Matrix-Quanten-Theorie diskutieren, oder hat Ihr Anruf einen anderen Grund?“
Elida kam zur Sache. „Eigentlich habe ich Sie wegen einer anderen Sache angerufen. Die Zaubervorstellung in der Rateshow letzte Woche.“
„Ach das. Kleinigkeiten.“ Er klang enttäuscht und gelangweilt. Elida war verwirrt. Glaubte dieser ihr komplett unbekannte Roland wirklich, dass sie einfach so in eine ernsthafte Diskussion zu ihrem Spezialgebiet einstieg? Wenn er zu dem Thema veröffentlicht hätte, dann wäre es ihr ganz sicher nicht entgangen.
„Ich bin ein großer Fan solcher Kleinigkeiten. Ich würde gern erfahren, wie Sie das angestellt haben“, kam Elida auf ihr Anliegen zurück.
Er bestritt nicht einmal, dass er ‚etwas angestellt‘ hatte. „Meinetwegen. Was ist Ihre Gegenleistung?“
„Moment. So schnell geht das nicht bei mir. Ich wollte nur die Informationen, falls Sie die teilen wollen. Mehr nicht.“
„Mehr nicht. Das sagen alle. Und dann wollen sie doch mehr. Nichts ist umsonst. Also, was ist Ihre Gegenleistung, wenn ich Ihnen die Details erzähle?“
Elida überlegte. Dieser Roland schien in einem selbst geschaffenen Märchen zu leben. Was bot man jemandem an, der Zeit verkaufte? „Meine Seele?“
Stille.
„Hallo, Herr Menhir? Sind Sie noch dran?“
„Ja. Ist Ihr Angebot ernst gemeint?“ Seine Stimme verlor zum ersten mal ihre lässige Überheblichkeit.
Elidas Magen zuckte erneut, aber das war wohl der Hunger. „Na klar. Warum nicht?“
„Die Frage müssen Sie sich selbst beantworten. Ich nehme an.“ Seine Stimme war fest und ernst. „Kommen Sie heute um 18 Uhr. Ich meine genau 18 Uhr. Nicht früher, nicht später, sondern genau, auf die Sekunde. Wo ich wohne, gibt es genug Parkhäuser in der Nähe.“ Er nannte seine Adresse.
„Einverstanden.“
„Nochmals. Seien Sie pünktlich. Sie wissen, hier sind Weihnachtsmärkte rundherum. Da ist manchmal die Hölle los.“
Weihnachtsmärkte! Das hatte Elida total vergessen! In wenigen Wochen war Weihnachten. Dann war das Institut wieder für drei Wochen geschlossen. Wochen, in denen es nicht weiterging. Jedes Jahr der gleiche heilige Mist! Sie beendete das Gespräch und sprach die Adresse auf ihr Tab. Hunger! Das kam als Nächstes. Wieder ein Zwicken im Bauch, diesmal aber anders. Angenehm.

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Adventskalender: Pivot

Elida sah sich die Aufzeichnung an, beobachtete genau und schrieb einige Dinge auf ihrem Tab mit.
„Sie wollten ihn schnell loswerden, richtig? Aber er hat Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.“
Der Quizmaster hob überrascht die Augenbrauen. „Wie kommen Sie darauf?“
„Ihre Körperhaltung. Ich dachte, im Showbusiness gibt es Trainer, die das ausbügeln.“
„Ja.“ Mit einem eindeutigen Grinsen in ihre Richtung. „Gibt es.“
„Ihre Fragen waren allesamt unfair. Keine Einzige auf Einsteigerlevel. Ich hätte die meisten nicht beantworten können, und ich bin sicher, dass ich die Hälfte davon auch nicht bei Google finde.“
„Stimmt.“
„Aber es hat nicht geklappt. Und dann ist auch noch das Licht ausgegangen. Kann ich die letzte Minute noch einmal sehen?“
„Na klar doch.“
Sie betrachtete genau das Verhalten des Kandidaten, und als er die Sanduhr auf seine Uhr setzte, murmelte sie vor sich hin. „Tscherenkow? Niemals!“
„Tscherenkow?“
„Es gibt Umstände, in denen sich Licht scheinbar schneller bewegt als es im Medium möglich ist. Dabei entsteht ein blaues Leuchten.“
„Überlichtgeschwindigkeit?“
„Nein. Nicht wirklich. Nur im Verhältnis zu etwas, was dichter ist als das Vakuum.“
„Nicht meine Baustelle.“
„Aber meine.“ Elida zögerte. „Können Sie die Datei bitte auf den Anfang des Werbeblocks fahren und die Zeitstempel einblenden?“
„Gerne. Bitte sehr. Und jetzt.“

Der Film war durchgelaufen. Elida starrte den Quizmaster an. „Wollen Sie mich verarschen, Mann? Was haben Sie herausgeschnitten?“
„Bitte? Ich verstehe nicht.“
„Der Film. Wie lang ist er?“
Der Quizmaster schluckte. „So lang wie die Sendung. Sechzig Minuten. Bei uns wird nicht überzogen. Nach genau 60 Minuten kommt der Werbeblock, und wenn die Welt untergeht.“
„Dann erklären Sie mir, was Sie sehen.“
Er sah hin. Der Zähler für die Aufnahmedauer zeigte neunundfünfzig Minuten. Er suchte eine andere Kameraeinstellung, auf welcher die Studiouhr zu sehen war. Sie zeigte exakt 21:00 Uhr, und sie war von einem schwachen blauen Leuchten umgeben.
„Wie oft werden die Uhren im Studio mit der Normalzeit synchronisiert?“
„Keine Ahnung. Kostet mich einen Anruf.“
„Bitte.“

Wenig später hatte Elida die Antwort.
„Die Uhren werden im Zehn-Sekundenrhythmus synchronisiert.“
„Ich hab’s befürchtet. Wie lang ist die Aufzeichnung, hier, in echt, und physikalisch? Und wie passt das zu ihrer Behauptung, das die Sendezeit immer genau 60 Minuten ist?“
Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. „Gar nicht. Scheiße! Und was heißt das?“, fragte er verwirrt.
„Sieht so aus, als ob jemand eine Minute Ihrer kostbaren Sendezeit geklaut hat.“
„Geklaut?“
„Tick. Tack. Weg.“ Elida stand auf. „Haben Sie die Adresse oder Telefonnummer des Kandidaten?“
„Natürlich. Aber das darf ich nicht rausgeben.“
„Er heißt Roland Menhir.“
„Das stand auch in der Programmzeitschrift. Ich nehme mal an, Leute mit dem Namen gibt’s nicht so viele in Köln. Vielleicht hat er ja eine öffentliche Telefonnummer.“
Sie tippte auf ihrem Tab.
„Ja, hat er. Und außerdem, das ist ja interessant.“
„Was?“
„Nicht wichtig für Sie. Ich glaube, Sie können mir im Moment nicht mehr viel weiterhelfen. Eines noch. Die Sanduhr. Wo ist sie?“
Der Quizmaster zögerte. „Ich habe sie mitgenommen, als Erinnerung an diese miese Veranstaltung.“
„Kann ich sie sehen? Bitte.“ Es war keine Bitte.
„Von mir aus.“
Er führte sie ins Wohnzimmer, welches von einem steinernen, offenen Kamin dominiert wurde. Allerhand Sachen standen auf dem Sims, diverse Erinnerungsfotos mit schönen Frauen, einige Preise und eine teuer aussehende mechanische Standuhr. Eine Grande Complication? Zumindest mit Mondphasen, Tierkreiszeichen und unter dem Glasgehäuse Rädchen und Federn in stattlicher Anzahl. Daneben die Sanduhr, billige Kaufhausqualität.
Er nahm die Sanduhr in die Hand und schüttelte sie hin und her. „Oh, kaputt. Wohl feucht geworden.“
„Darf ich?“
Er reichte sie ihr. Elida nahm sie entgegen und schraubte das Gehäuse ab. Sah die Sanduhr genau an. Dann fuhr sie vorsichtig mit dem rechten Zeigefinger über die Einschnürung. Sie drehte die Sanduhr hin und her, aber der Sand blieb, wo er war, und regte sich nicht. Auch Schütteln änderte nichts daran.
„Nein. Sieht nicht so aus. Seltsam.“
Sie verstaute die Phiole wieder im Gehäuse und gab die Sanduhr zurück. „Bitte werfen Sie sie nicht weg. Ich möchte sie später vielleicht noch einmal untersuchen.“
„Von mir aus.“ Er legte die Sanduhr unsanft flach auf dem Kamin ab.
Elida wurde von einem leichten Schwindelgefühl erfasst. Sie atmete scharf ein. „Vorsicht!“
Er grinste sie unverschämt an. „Aha. Sie hat also doch Gefühle.“
„Wie meinen sie das?“
„Schätzchen, ich habe schon mehr Frauen gehabt als du alt bist. Aber keine von denen war auch nur annähernd so weit weg von allem wie du. Wie sieht es da oben aus? Gibt’s da noch Luft zum Atmen? Andere? Vielleicht sogar Menschen?“
Elida schluckte. „Ich muss jetzt gehen. Vielen Dank für Ihre Zeit.“
Er zuckte zusammen, als ob sie ihn geschlagen hätte. „Sagen Sie das nie wieder zu mir!“

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3. Recherche

Elida war sauer. Wirklich sauer.
„Diese Pappnase! Wieso fährt er nicht selber nach Köln! Glaubt der, dass sich meine Arbeit von alleine macht! Und ich nichts Besseres zu tun habe, als mich stundenlang von einem Stau zum nächsten durchzuschnecken! Trottel! Trottel! Trottel!“
Eigentlich hätte sie bei ihrem Team sein müssen, um die Daten weiter auszuwerten, weitere Untersuchungen zu planen. Hings hatte ihr einen Termin beim Quizmaster der Sendung beschafft und ihr aufgetragen, den wissenschaftlichen Teil fürs Erste ihren Assistenten zu übergeben.
Ja, ihr Passbild hatte Wunder gewirkt, denn der Herr schmückte sich wohl gern mit schönen Dingen. Aber er hatte eine vollständige Aufzeichnung der Sendung, alle Kameras. Und er war nun einmal am nächsten dran gewesen, als es passierte.
Bezüglich des Termins hatte Elida keine Befürchtungen. Mit solchen Leuten kam sie schon lange gut klar. Der eigentliche Grund für ihren Ärger war persönlicher Natur.
„Ich hätte in Geschichte bei den Vestalinnen aufpassen sollen.“
Doch für das reine Leben für die Wissenschaft hatte sie sich zu spät entschieden. Eine Tochter zu spät. Sie hatte sich von der Familie abgekoppelt, um mehr Zeit für den Beruf zu haben. ‚Sechzig Stunden pro Woche sind einfach nicht genug für diesen Job. Ich brauche mehr. Außer mir versteht niemand, was ich tue, darum muss ich es selber machen.‘
„Du hast 5.000 Spezialisten weltweit in deiner Community und 50.000 Fans auf deiner Quanten-Homepage. Nur eine Handvoll von denen ist in der Lage, sich auf deinem Niveau mit dir über dein Spezialthema zu unterhalten? Für wen machst du das Ganze eigentlich?“, hatte Alwin, ihr Immer-noch-Ehemann, sie gefragt.
Sie hatte seine Frage nicht verstanden.
Alwin hatte einen pragmatischen Vorschlag gemacht. „Wenn es so ist, dann ist es so. Wir werden klarkommen. Kommst du ab und zu vorbei? Es wäre gut für Vilja, bis sie verstehen kann, dass du weg bist.“
Das war vor drei Jahren gewesen. Nein, sie hatten sich nicht scheiden lassen, es war ja nichts Persönliches. Vilja war jetzt fünf. Manchmal hatte Elida das Gefühl, das schlechtere Los gewählt zu haben. Verdammte Schuldgefühle!
Sie stieg auf die Bremse, als jemand vor ihr einscherte. „Was glaubst Du eigentlich? Dass ich die Zeit anhalten kann?“
Sie überholte das Fahrzeug rechts, und als der Fahrer zu ihr hinüber sah, zog sie einen Schmollmund, für den Marilyn Monroe gemordet hätte. Die Wirkung blieb nicht aus. Um ein Haar wäre der andere in die Mittelleitplanke gekracht.
„Ihr seid alle Äffchen!“, höhnte Elida.
„Etwas mehr Wachheit deinerseits wäre, vielleicht, auch nicht verkehrt“, meldete sich ihr Gewissen.
„Ach was! Ich schlafe, wenn ich tot bin!“
Elida verließ die Autobahn und erreichte ohne weitere Zwischenfälle das Haus des Quizmasters, einen modernen zweistöckigen Bau, umgeben von einem großen Gartengrundstück. Elida schätzte den Immobilienwert im mittleren einstelligen Millionenbereich. Sie war sicher, dass der Quizmaster sich nicht für ihren Beruf interessierte. Nicht wirklich. Aber er würde ihr alles sagen, was sie wissen wollte.

„Wow!“
Elida zuckte mit den Schultern und seufzte gelangweilt.
„Nachdem wir das jetzt hinter uns gebracht haben, können wir zur Sache kommen?“
Seine Augen blitzten für einen Augenblick auf, aber er verbiss sich die Gegenfrage. „Ja, Verzeihung. Kommen Sie herein, ich habe alles vorbereitet. Die Aufzeichnung meine ich, natürlich. Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
„Nein, danke. Meine Zeit ist begrenzt.“
„Gilt das nicht für uns alle? Na gut, folgen Sie mir.“
Er führte sie zum Heimkino in seinem Haus. Zwanzig Sessel, eine komplette Ausstattung, und im Hintergrund ein Aufnahme-Studio.
Elida war beeindruckt.
„Nehmen Sie Platz, ich fahre das gleich ab. Sagen Sie einfach, was Sie brauchen, es ist die rohe Aufnahme mit allen Zusatzdaten.“
Er nahm zwei Sitze rechts neben ihr Platz und betätigte die Start-Taste der Fernbedienung.

 

Adventskalender: Pivot

Elida dachte nach. Eigentlich war es trivial. Niemand machte derzeit vergleichbare Experimente, das war viel zu teuer. Aber genau gehende Uhren gab es überall. Sie klapperte einige Minuten lang die anderen Wissenschaftsnetze ab, den Wetterdienst, die Flugsicherung. Danach übertrug sie, was sie herausbekommen hatte in die grafische Auswertung. „Here we are!“
Hings wurde ein wenig blass um die Nase. „Das gibt es nicht! Elida, wenn ein schwarzes Loch die Erde durchquert hätte, dann wäre das nicht so spurlos an uns vorbeigegangen. Das hier ist unmöglich.“
„Unmöglich?“
„Unmög…“ Hings schluckte. „Nein, bleiben wir exakt, hm. Unwahrscheinlich, extrem unwahrscheinlich.“ Er sah sie neugierig an. „Haben Sie sonst noch etwas Ungewöhnliches festgestellt? Können Sie ermitteln, wann“, er zögerte, „wann das passiert ist?“
Elida wandte sich wieder dem Internet zu.
Hings schrieb mit. „Na wunderbar. Um zwanzig Uhr war die Welt noch in Ordnung, und um einundzwanzig Uhr gingen unsere Uhren um bis zu einer Minute nach. Noch was?“
„Ja, hier. Im Triangulationspunkt, also dem Sender, lief das Quiz ‚Top oder Hopp‘.“
„Kenn ich. Das ist so was von öde. Ergänzen Sie sinngemäß ‚lapperschlange‘. Babykram. Aber eine gute Einschaltquote haben die.“ Er flüsterte ihr verschwörerisch zu. „Meine Frau liebt die Sendung.“
„Heute gab es einen Eklat. Der Kandidat ist aus der Sendung verschwunden, ohne dass der Quizmaster und die um die beiden herum sitzenden Zuschauer etwas mitbekommen haben. Gegen Ende der Sendung, um genau zu sein. Steht jetzt schon im Netz. Das muss wirklich für Wirbel gesorgt haben.“
„Nicht rausgeschossen worden, wie üblich?“
„Nein. Und schauen Sie sich mal die Fragen an, die er alle beantwortet hat. Der Quizmaster scheint ihn nicht gemocht zu haben. Ich wäre schon bei Frage zwei geflogen. Wow! Der hatte was drauf.“
„Aber geholfen hat es ihm am Ende nichts.“
„Dazu gibt es verschiedene Meinungen. Bei der letzten Frage konnte nicht geklärt werden, ob er sie richtig beantwortet hat.“
„Worum ging es?“
„Er hat behauptet, die Sandkörner in einer Sanduhr zählen zu können, eine Zahl genannt, und dann gemeint, eigentlich wäre das Ergebnis Null.“
„Ah, ein Quantenphysiker. Noch einer. Da muss ein Nest sein.“
„Dann hat er etwas Seltsames gesagt, und sich anschließend in Luft aufgelöst.“
„Einfach so?“
„Der Strom ist kurz ausgefallen. Als die Scheinwerfer wieder angingen, da war der Kandidat weg.“
„Faszinierend“, höhnte Hings. „Der älteste Trick der Welt! Und was hat der Herr als berühmte letzte Worte von sich gegeben?“
„Vielen Dank für Ihre Zeit und auf Wiedersehen.“
„Dann war es wohl der Weihnachtsmann. Ho, ho, ho. Immerhin bringt der ja überall gleichzeitig die Geschenke. Wie soll das denn gehen, ohne dass er genug Zeit dafür hat?“
„Sie meinen, der Kandidat hat Zeit eingesammelt, die laut unseren Geräten fehlt? Für den Weihnachtsmann?“ Elida runzelte übertrieben die Stirn.
Hings prustete. „Super Idee. Auf so einen Quatsch kann nur ein Wissenschaftler kommen. Hm, Köln?“
Er sah Elida direkt in die Augen. „Sie haben das Rätsel entdeckt. Also werden Sie es auch lösen.“

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2. Physik für Zauberer

„Meister, ich spüre eine Erschütterung der Macht.“
„Jetzt werden Sie mal nicht komisch, Frollein!“
Professor Hings wandte seinen Blick widerwillig von den Messinstrumenten ab, um seiner Kollegin Aufmerksamkeit zu schenken. Dreißig Jahre alt und auf dem Weg zum Physik-Nobelpreis. Oder in die All-Time Top Ten der Centerfolds, wenn sie es gewollt hätte. Oder beides, verdammt. Hings hatte nie verstanden, warum solche Menschen sich das Leben mit Randgebieten von Physik und Mathematik versauten, wenn es doch auch entspannter ging. Sie würde ihn, was seine Arbeit anging, eines Tages beerben, einfach weil sie besser war. Hings freute sich auf diesen Tag.
„Frollein? Da haben Sie aber was verschlafen, mein Herr!“, erwiderte die Angesprochene.
„Ja, ja, ist ja gut. Entschuldigen Sie. Was gibt es denn?“
„Unsere Messgeräte müssen kalibriert werden.“
Hings war begeistert. „Nicht schon wieder! Das hatten wir erst letzte Woche! Bauen diese Techniker denn nur noch Schrott?“
Elida sah von ihrem Terminal auf. „Unwahrscheinlich, wenn ich mir das hier ansehe. Herr Professor, können Sie mir bitte helfen?“
„Zeigen Sie mal.“
Der Datenraum, ein Großraumbüro mit zwanzig Bildschirmarbeitsplätzen, verbunden mit einigen der leistungsfähigsten Computersysteme der Welt, war nahezu verwaist. Nur Hings und Elida hielten sich hier auf, die anderen waren bereits im Wochenende. Elida wies auf den Bildschirm, auf dem eine Karte mit Messpunkten abgebildet war.
„Wir synchronisieren die Detektoren mit der Atomuhr. Also müssten alle, nach Rückrechnung durch Herrn Einstein, ihre Daten gleichzeitig erfassen und senden, sonst würde das Experiment nicht funktionieren.“ Elidas Stimme klang trotzig, fast weinerlich, als ob jemand ihr Spielzeug kaputtgemacht hätte.
Hings kam zu Elidas Arbeitsplatz. „Und wo ist das Problem?“ Fast hätte er ihr tröstend die Hand auf die Schulter gelegt.
„Die Sensoren laufen nicht synchron. Und sie laufen nicht wirklich verkehrt. Sondern auf gleiche Weise falsch.“
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Ich wiege 85 Kilo, das schaffen Sie nicht.“ Wobei die 85 nach unten korrigiert waren. Erstaunlich, die Messfehler von Digitalwaagen. Er strich sich gedankenverloren über sein nicht mehr allzu reichlich vorhandenes graues Haar.
„Sehen Sie sich die Sensoren an, bitte. Fast ganz Deutschland blinkt grün. Aber da ist ein Gebiet, das sich widersetzt.“
„Hören Sie auf, Filme und Comics falsch zu zitieren, und kommen Sie zur Sache.“
Elida biss die Zähne zusammen. „Ich habe es farblich markiert. Die grünen Sensoren sind synchron. Die Blauen gehen zwanzig Sekunden nach, die gelben vierzig, die roten sechzig. Davon abgesehen, dass wir die Geräte neu kalibrieren müssen, was sehen Sie?“
Hings kratzte sich mit der rechten Hand am Kinn. „Kreise! Kreise! Na klar doch, Kornkreise! Bei einem Experiment zur Gravitation. Zu meiner Assistenten-Zeit wurden solche Scherze noch körperlich bestraft“, merkte er an.
Elida gab nicht nach. „Dieses Verhalten stände meinen Zielen im Wege.“
„Hm.“ Er sah sie mit einem seltsamen Blick an. „Welche Ziele meinen Sie genau?“
„Wenn Sie nicht sofort zur Sache kommen, und zwar zu dieser“, Elida zeigte energisch zum Bildschirm, „dann rede ich mal ernsthaft mit Ihrer Frau.“ Sie grinste ihn unverschämt an.
„Bloß nicht!“ Er räusperte sich und zwinkerte ihr zu. „Und jetzt im Ernst, bitte.“
Elida nickte lächelnd. „Ok. Im Ernst. Ich verstehe das nicht. Und ich habe nicht mit dem Zentralrechner gespielt. Es sieht so aus, als hätte jemand in diesem etwa ringförmigen Areal Zeit geklaut. Außen zwanzig, dann vierzig und innen sechzig Sekunden. Ich kann es sogar triangulieren.“ Elida vertiefte sich einige Minuten in die Daten und die Landkarte. „Sehen Sie: Im Schnittpunkt steht einer von den Kölner Fernseherlebnis Zwei Punkt Null Sendern, ich glaube, der heißt W&Q, Werbung und Quiz oder so. Dass die anderen Leuten die Zeit stehlen, ist ja allgemein bekannt“, meinte sie mit einem ironischen Lächeln.
„Ah, den kennt meine Frau. Gut. Dann machen wir das Ganze doch mal professionell. Was haben Sie sonst noch gemacht, außer gebannt auf den Bildschirm zu starren und loszuheulen?“
„Bitte?“
„Habe ich mich unklar ausgedrückt? Was haben Sie getan, um das Ergebnis Ihrer Beobachtung zu verifizieren?“

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Das ging nun fast 60 Minuten so, die Sendung näherte sich dem Ende. Der Kandidat hatte jede Hilfe ausgeschlagen, war nie auf eine Sicherheitsposition gegangen, hatte immer Doppelt oder Nichts gespielt. Eine Million Menschen sahen eine Show, die, obwohl Live übertragen, wie eine zensierte Aufzeichnung wirkte. 60 Millionen Minuten pure Langeweile, Zeit ohne Sinn, wie auf die Bank gebracht.
‚Was hätte ich alles Schöneres in dieser Stunde machen können‘, dachte der Quizmaster bei sich. ‚Egal. Jetzt mache ich was. Dich fertig!‘ Er holte tief Luft. „Herr Roland Menhir! Ich nehme Sie beim Wort. Sie behaupten, dass Sie jede Frage beantworten können, auf die es eine eindeutige Antwort gibt. Stehen Sie immer noch dazu?“
„So ist es.“
Der Quizmaster stand auf und sah auf den Kandidaten herab. „Ich stelle Ihnen jetzt also die letzte Frage. Und Sie setzen alles auf diese letzte Antwort?“
Der Kandidat erhob sich ebenfalls und stand dem Quizmaster nun Auge in Auge gegenüber.
„Ich setze immer alles auf die letzte Antwort.“
Der Quizmaster zögerte. Ein kalter Schauer ergriff ihn, für einen Moment hatte er das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Warum fühle ich mich wie jemand, der alles auf eine Karte setzt? Er nickte der Assistentin zu und gab ihr ein abgestimmtes Handzeichen.
Die wie üblich hübsche und schweigsame Dame unbestimmbaren Alters reichte dem Quizmaster eine Sanduhr. Der feine, weiße Sand befand sich am unteren Ende.
Der Quizmaster nahm die Sanduhr vorsichtig entgegen und zeigte sie dem Kandidaten. „Dann wollen wir mal. Meine letzte Frage: Wie viele Sandkörner befinden sich in dieser Sanduhr?“
„Darf ich?“ Der Kandidat nahm dem Quizmaster die Sanduhr aus der Hand, bevor er reagieren konnte, und betrachtete sie intensiv. Dann drehte er die Sanduhr um und setzte sie auf seine Armbanduhr, als ob er die beiden Gegenstände miteinander synchronisieren wollte.
Die Zeit schien stehen zu bleiben. Endlos.
Sand rieselte durch die Engstelle.
Der Quizmaster, die Assistentin und das Publikum atmeten tief ein.
„Und?“, keuchte der Quizmaster. Seine Knie zitterten.
„Ihre Frage ist unzulässig, weil sie mehrere eindeutige Antworten hat.“
Der Quizmaster grinste erneut, siegessicher, stolz auf seine Menschenkenntnis. Jetzt hatte er ihn. Wenn Roland das Geld gewollt hätte, dann hätte er schlicht die Frage als nicht beantwortbar ablehnen können. „Wie soll ich das verstehen?“
Roland lächelte zurück, entspannt, überlegen. Das Lächeln des Siegers. „Na gut. Wie Sie wollen. In diesem Augenblick befinden sich 361 Millionen, 423 Tausend und neunhundertfünfzehn Sandkörner im Gefäß. Das ist genau und ohne Abweichung die Anzahl der Sekunden, die wir gemeinsam, mit allen Zuschauern, bis zu diesem Moment, in dieser Sendung verbracht haben.“ In seiner Stimme lag nicht der Hauch eines Zweifels. Seine Armbanduhr fing an zu leuchten.
Der Quizmaster sah Roland ungläubig an. „So viele? Und das wissen Sie genau?“
„Ich bin noch nicht fertig. Das ist die erste Antwort. Die zweite ist: In dem Moment, in dem Sie diesen Gegenstand für sich nutzen werden, ist die Antwort: Null.“
Roland gab die Sanduhr zurück, nickte dem Quizmaster und der Kamera zu. „Vielen Dank für Ihre Zeit. Auf Wiedersehen.“
Es gab einen kurzen blauen Blitz, dann war alles dunkel.
„Licht! Licht! Verdammt, ich will sofort Licht haben!“
Die Scheinwerfer flammten auf und blendeten den Quizmaster. Ein erstauntes Raunen ging durch den Raum. Im Zentrum, umringt von den Zuschauern, standen der Quizmaster und seine Assistentin, ratlos und allein. Der Quizmaster blickte auf die Sanduhr in seiner Hand. Der Sand war auf dem Boden des oberen Glases, und er bewegte sich nicht mehr.