Der Geist der Zukunft(AT) – Status 170804

ryek

Die Überarbeitung schreitet voran. Das Schleifpapier wird feiner. 😉
Erste Kontakte mit Cover-Designern sind geknüpft. Das Thema des Romans in Szene zu setzen scheint nicht ganz trivial zu sein. Ich lerne durch die gestellten Fragen, meinen Text besser durch die Augen anderer Personen zu sehen – hier darf ich ihn ausnahmsweise einmal erklären.

Eine der wichtigsten Protagonistinnen in diesem Roman wird Rabea sein, die schon in „Spes Impavida“ auf dem Weg ins Rampenlicht war:

„Wo willst du hin?“ Siri sah ihre große Schwester fragend an.
Rabea blinzelte in die Taschenlampe und seufzte. „Wo will ich schon hin? Hast du Angst, dass ich weglaufe? Hier?“ Sie lachte traurig und deutete auf die Kabinenwand. Ein paar Millimeter Metall, die die Reisenden von der Kälte des Weltraumes trennten. Sie verbarg die rechte Hand auf den Rücken.
„Ich habe das Messer gesehen. Was hast du vor?“ Siris Stimme war verängstigt, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Rabea kam zu Siri ans Bett, setzte sich auf die Bettkante. Sie legte das Messer auf die Bettdecke. Ein Jagdmesser, mit einer rasiermesserscharfen Klinge. Ein Erbstück. Ihr Erbstück. Siri legte beide Hände darauf.
„Keine Angst, Kleines“, versuchte Rabea sie zu beruhigen.
„Ich bin nicht mehr klein!“, flüsterte Siri empört.
Rabea nickte. „Du hast recht. Wir sind alle große Mädchen und große Jungs, nicht wahr?“
„Was willst du mit dem Messer?“
Rabea legte ihre rechte Hand auf Siris. „Glaubst du, ich hätte es dich anfassen lassen, wenn ich etwas Böses vorhätte?“
Siri schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Gut. Dann mach jetzt keinen Lärm und lass mich tun, was ich tun muss. Gib mir die Taschenlampe und schlaf.“
Siri umarmte Rabea. „Versprich mir, dass du dir nichts antust.“
Rabea beugte sich über Siri und küsste sie auf die Stirn. „So leicht werdet ihr mich nicht los. Verlass dich drauf!“
Siri nickte stumm. Rabea nahm das Messer und die Taschenlampe. Sie schaltete die Taschenlampe aus und öffnete leise die Tür. Sie sah sich um, glitt auf den Gang hinaus und schloss die Tür. Dann schlich sie zum Sanitärbereich. Dort angekommen verschloss sie die Tür von innen.

„Das hat aber lange gedauert.“
Rabea atmete erschreckt ein, das Geräusch vermischte sich mit dem Zischen der schließenden Kabinentür. Sie ließ die Taschenlampe aus. „Wieso schläfst du noch nicht?“, flüsterte sie. „Ich habe dir doch versprochen, dass ich mir nichts antue.“ Sie verstaute im Dunkeln das Messer in ihrem Rucksack.
„Ich habe Angst. Ich kann nicht schlafen.“
„Ich dachte, du bist eine Große?“
„Ich habe gelogen.“ Siri lachte, erleichtert. „Kommst du zu mir?“
„Na gut.“ Rabea schlüpfte zu ihr unter die Decke. „Besser so?“
„Ja. Viel besser.“ Sie kuschelten sich aneinander.
Siri fuhr mit ihrer Hand durch Rabeas Gesicht, um sie zu streicheln. Die Hand bewegte sich nach oben. Verhielt. Zuckte zurück.
„Rabea!“ Bestürzung erstickte Siris Stimme.
Rabea legte ihr Gesicht an das der kleinen Schwester.
Siri spürte Rabeas Tränen auf ihrer Wange. „Deine schönen langen Haare! Du wirst aussehen wie Imara“, klagte sie.
„Ich weiß.“
„Warum?“
„Weil ich es Mutter schuldig bin. Ich will und werde es nie vergessen. Niemals! Niemals.“

 

Das Drama mit den Helden

©Ryek Darkener 2016

©Ryek Darkener 2016

Im vorherigen Beitrag gab es einige Punkte zum Thema Heldenreise, die mich zu weiteren Überlegungen angeregt haben.

Was ist ein Held in der Belletristik? Die Person, die auf das Geschehen den größten – oder zumindest entscheidenden – Einfluss hat. Der Held reißt das Steuer herum, wenn alles verloren scheint, zieht alleine los, um die Welt zu retten, überwindet alle Widerstände, schlägt den Bösen vernichtend und bekommt am Ende die Prinzessin.

 

Tatsächlich?

 

Der (arche)typische Held ist eine Person, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt der Erzählung deutlich von seinen Mitspielern unterscheidet. Sei es, dass er eine einschneidende Erfahrung macht, sei es eine Entscheidung, die er trifft oder die für ihn getroffen wird (Beispiele: Frodo Beutlin, Harry Potter). Ab da ist für den Helden die Welt nicht mehr so, wie sie zuvor war. Er wird als (möglicher) Held sichtbar. Für seine Umgebung, seine Freunde, seine Widersacher. Irgendwann auch für sich selbst.

Was bedeutet das für den Helden? Er steht außerhalb der Norm. Mit Norm sind weitesten Sinne persönliche und gesellschaftliche Normen gemeint. Der Held erhält vom Autor die Generalabsolution, alles, wirklich alles, zu tun, um seiner Sache zum Sieg zu verhelfen oder beim Versuch zu scheitern. In nicht wenigen Romanen wird genau das sehr früh entweder ausdrücklich geschrieben oder plakativ offensichtlich gemacht, damit jeder Leser es mitbekommt: Vorsicht! Held!

Im weiteren Verlauf der Handlung wird der Held mit immer größerer Konsequenz von dieser Generalabsolution Gebrauch machen. Der Leser, da vorgewarnt, wird ihm folgen und weder seine Motive noch seine Taten in Zweifel ziehen. Was auch immer der Held tun wird, es ist „gut“, „richtig“, „notwendig“. Dass die andere Seite zumeist in gleicher Weise agiert, ist „böse“, „grausam“, „falsch“.

Bei den einfacher gestrickten Geschichten triumphiert der Held in einer Weise, die beim Leser den Wunsch erweckt, seine eigenen Probleme ebenso lösen zu können. Die Welt ist schwarz und weiß. Schwarz ist erlaubt, solange am Ende Weiß herauskommt.

 

Hierzu ein klassisches Zitat der Jesuiten:

„Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“

Für den Helden des Romans gilt dieser Satz ebenfalls, durch eine geringfügige Änderung des Textes:

„Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es der Autor so definiert.“

 

Womit, wieder einmal, bewiesen ist, dass die Feder mächtiger ist als das Schwert.

 

Zurück zu unserem Helden. Er ist zum Ergebnis des Plots verdammt. Macht ihn das glücklich? Interessanterweise ist die Antwort Nein. Dieses Nein ist vorhersehbar. Der Held hat sich, bewusst oder gezwungenermaßen, aus dem Rahmen gelöst, der für alle anderen, mit Ausnahme seines Gegenspielers, verbindlich ist. Der Held hat im Namen dessen, was er für richtig hält, Dinge getan, die für alle anderen, selbst wenn technisch möglich, unvorstellbar zu tun gewesen wären. Nun ist seine Aufgabe erledigt, der Feind besiegt. Wer braucht ihn jetzt noch? Das Ideal, für das er gekämpft hat? Seine Umgebung? Er ist allem entwachsen, selbst seine engsten Freunde werden ihn nicht mehr verstehen.

An diesem Punkt der Geschichte trifft der Held eine wichtige Entscheidung, die in ihrer Tragweite vom Leser oft unbemerkt bleibt.

Entweder: Der Held bleibt Held, sieht seinen Weg als Bestimmung an. Akzeptiert, dass er sich auf einer Reise befindet, die ihn weiter tragen wird. Dass seine Gefährten immer temporäre Begleiterscheinungen bleiben werden. Im klassischen Western reitet er dann gen Westen in die untergehende Sonne. Frodo Beutlin.

Oder: Der Held verschwindet von der Bildfläche. Er versteckt oder zerbricht die Insignien seiner Macht, lässt es sogar zu, öffentlich demontiert zu werden, findet zu seinen persönlichen, menschlichen Zielen zurück. Entscheidet sich, zumindest für eine Weile, für den Weg des normalen Sterblichen und dessen Freuden und Leiden, wird zum Teil des Systems, welches er geschaffen hat. Harry Potter.

 

Was bedeutet das für mich als Autor?

Erstens: Frage danach, wo sich dein Held am Ende der Geschichte befindet, bevor du ihn durch den Plot hetzt.

Zweitens: Ein Held kann jederzeit seine Meinung ändern. 😉

 

 

Das Feuer Gabriels

Ryek myst
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

 (… Interessanterweise ist die Schlacht, die alles entscheidet, oft nur von kurzer Dauer. Der Grund ist darin zu finden, das alles, was bisher erzählt wurde, zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, zusammenläuft. Die meisten Geheimnisse werden aufgeklärt, die meisten Pläne werden nun, ohne weiteren Aufschub, erfolgreich sein oder scheitern. In gewisser Weise ist die finale Schlacht noch einmal die komprimierte Erzählung, die Essenz der Ziele von Protagonisten und Antagonisten  …)

Mr. Smith aktivierte das Mikrofon. „Showtime!“

Die vereinten Flotten richteten sich auf die angegebenen Koordinaten aus.

„Noch einmal. Alle Hilfs-Energie auf die Schilde der Onyx, damit sie möglichst lange hält. Angriff auf die danebenliegende, mit den Scannern erfassbare Struktur. Sie werden Sie erfassen können, solange das ECM und die Warpunterbrechung aktiv sind, danach feuern sie auf Sicht. Ignorieren sie die Komponentenschiffe, bis die zentrale Struktur zerstört ist.“

„Und wenn das nicht funktioniert?“

„Dann seien sie froh, dass sie den Tod ihres Volkes nicht miterleben müssen.“

 

Die Hangartore hatten sich weit genug geschlossen, um das Tarnfeld der Onyx zusammenbrechen zu lassen. Das Schiff aktivierte das Warpunterbrechungsfeld und ECM.

„Mr. Smith? Hier Derek. Wie weit sind Sie?“

„Ausgerichtet und unterwegs. Ihr Status?“

„Die Waffe wird uns sehr bald erfasst haben. Mehr als einen Volltreffer halten wir nicht aus ohne Hilfe.“

 

Die Komponentenschiffe hatten sich vom Torus gelöst und fokussierten die Onyx.

„Das sieht aber gar nicht gut aus“, meinte Romar.

Ryek aktivierte die Überladung der Systeme.

„Jetzt wird’s wild“, kommentierte er.

Die geballte Energie der Komponentenschiffe fraß sich in Sekundenschnelle durch den Schild und den größeren Teil der Panzerung. Der Torus verlor in der Umgebung der Onyx seine Struktur, nur noch ein Gerippe von Kabeln war zu sehen.

„Woher wusstest du?“, fragte Yolane. Ryek grinste.

„Der Funkverkehr, als die Waffe beim ersten Mal entdeckt wurde. ‚… bewegt sich wie ein Kreuzer…‘. Auch für die Engel gilt die Physik, sobald sie menschliche Gestalt annehmen.“

 

Der Weltraum brach auf und spie Tausende von Schiffen aus, die sich sofort in Schussposition brachten. Erste Energietransfers fanden statt.

 

„Überlastungsgrenze erreicht“, stellte Derek fest.

„In einer Minute ist das Schiff tot.“

„Ich glaube, so lange haben wir nicht“, meinte Romar.

Die Komponentenschiffe schlugen ein zweites Mal mit vernichtender Wucht zu. Die Onyx zerplatzte wie eine Seifenblase. In der Ringstruktur der des Planetenkillers bildete sich ein langer Riss, erzeugt durch die Doomsday-Waffen der Titane.

Die Steuerkapsel, der Pod, löste sich vom Wrack der Onyx und trieb weg vom Schlachtfeld.

 

„Was zur Hölle?“

Eine Anathema Aufklärungsfregatte enttarnte sich vor dem Pod und schluckte ihn in ihren Laderaum, um einen Moment später mit irrwitziger Geschwindigkeit zu beschleunigen.

„Können sie das Schiff orten und verfolgen?“, fragte Mr. Smith.

„Negativ. Nur visuelle Erfassung. Jetzt geht es in den Warp. Die Computerauswertung sagt, dass kein Schiff mit derartigen Parametern bekannt ist.“

„Ich kümmere mich später darum.“

„Mr. Smith?“

„Ich kümmere mich später darum. Steuern sie zu den angegebenen Koordinaten und öffnen die Außenschleuse für das Bergungsteam, und zwar schnell!“

„Aber da ist ein Komponentenschiff!“

„Führen Sie Ihre Befehle aus!“

Die zentrale Struktur der Waffe ging in einem spektakulären Feuerball unter. Die Flotte nahm jetzt die Komponentenschiffe unter Feuer, leichte Ziele, die planlos im All trieben und sich offensichtlich selbst zerstörten, so sie nicht vorher getroffen wurden. Das Schiff, auf das Mr. Smith hatte zusteuern lassen, löste sich auf. Die Reste verwehten in Sekundenschnelle im Sonnenwind. Übrig blieben sechs aneinander geklammerte Menschen.

„Worauf warten Sie noch? Bergen Sie die Personen! Und dann weg von hier!“

Die Mannschaften im Laderaum waren gut eingespielt. Jeder flog zielstrebig auf einen der im All treibenden Anzüge zu, packte ihn, und die Kollegen im Schiffsinneren zogen sie schnell an Leinen zurück, während das Schiff sich bereits zum Warpflug ausrichtete. In dem Moment als die Laderaumschleuse dicht war, aktivierte der Warpantrieb. Das Letzte, was die Ortung noch sah, war eine Anathema Fregatte, die einen Moment später an dem Ort auftauchte, wo ihr Schiff gerade gewesen war.

„Der Punkt geht an mich, Sebard“, kommentierte Mr. Smith die Aktion.

 (Fortsetzung folgt)

Business as usual

Ryek mystBusiness as usual (BAU) – the normal execution of standard functional operations within an organization.
Die Biografie eines erfundenen Menschen. In einer andern Welt. In einer anderen Zeit.

(in diesem Abschnitt kommt die detailliertere Vorstellung des Protas, sowie einer Nebenrolle. Außerdem ein wenig Weltenbau.)

Die Tür links neben dem Energieaggregat öffnete sich.
„Ryek Darkener?“
Eine Frau, unverkennbar Gallente, hochgewachsen, im (Klon)Alter irgendwo zwischen 25 und 35, stand in der Tür. Sie trug einen dunkelblauen Geschäftsanzug, der vom Zuschnitt her an eine Uniform erinnerte, elegant und bequem. Die anderen Personen im Raum sahen gespannt in ihre Richtung, als ob sie erwarteten, im nächsten Moment an die Arbeit geschickt zu werden. Ryek stand auf und deutete eine Verbeugung an.
„Bianca Bluestar, nehme ich an?“
„Ja. Danke das du dir die Mühe gemacht hast. Wie war die Reise?“
„Wie erwartet.“
Bianca runzelte die Stirn. „Wenn du es so siehst. Einen Kaffee, bevor wir anfangen?“
„Danke, ich hatte schon das Vergnügen. Wir können sofort starten“.
Bianca trat zur Seite und gab den Weg in das Büro frei. Rye nahm sein Pad auf, steckte es samt Schreiber in die rechte Jackentasche und folgte der Aufforderung. Die Tür schloss sich und die Mitarbeiter hatten es eilig, aus dem Kantinenbereich zu kommen.
Das Büro war einfach eingerichtet: Ein Schreibtisch mit einem Stuhl auf jeder Seite, ein Besprechungstisch mit 6 Sitzgelegenheiten, einige Regale an den Wänden sowie eine große Multifunktionswand hinter dem Schreibtisch. Darauf war das bekannte Universum zu sehen, mit einigen farbigen Markierungen, deren Sinn unklar blieb. Die Wände selbst sahen auf den ersten Blick nackt aus, schienen bei näherem Betrachten eine flieshafte Struktur zu haben und sich ständig farblich zu ändern. Nanobeschichtung? Sensoren? Wenn ja, war die Menge des hier verbauten Materials ein Zeichen von erheblichem Reichtum. Links neben der Tür hing eine Holztafel, mit Spuren von Wurfgeschossen: Darts? Der Fußboden war mit neutral-grauem Belag versehen, der die Schritte deutlich dämpfte. Sie nahmen gegenüber am Schreibtisch Platz. Ryek zog das Pad aus der Jacke und legte es auf den Tisch.
„Du nimmst unser Gespräch doch nicht etwa auf?“
„Natürlich nicht. Ich würde gern einige Punkte mitschreiben, wenn es recht ist“.
Bianca nickte. „Ich habe dich von einem unserer Kunden empfohlen bekommen. Allerdings hat er mir nicht allzu viel über dich erzählt“.
Ryek lächelte. „Das hätte mich auch gewundert“.
Die folgende Pause zog sich in die Länge.
Bianca seufzte. „Na gut. Aber etwas mehr wüsste ich schon.“
„Mein Name ist Ryek Darkener. Dies hier ist nicht mein Originalkörper und auch kein Klon desselben. Das gewählte Modell entspricht einem Alter um 50 Standardjahre. Warum ich heute hier bin: Wegen der angebotenen, angeblich ruhigen, Position als Allround-Mitarbeiter in der Sicherheit. Was auch immer das heißen mag“.
Bianca hakte nach. „Das verstehe ich nicht. Nicht dein Originalkörper?“
„Genau. Gewissermaßen das Geschenk eines anderen.“
„Soll heißen: Du hast keine Vergangenheit. Man sagt, dass jemand, der keine Vergangenheit hat, auch keine Zukunft hat. Wie stehst du dazu, Ryek?“
„Ich gebe nicht viel auf das was andere sagen, ohne es beweisen zu können. Genau genommen habe ich ja eine Vergangenheit. Sie beginnt nur etwas später als bei den meisten Menschen.“
Bianca lächelte undurchdringlich. „Wir haben wohl alle unsere kleinen Geheimnisse. Nun gut, nachdem du mich in alles eingeweiht hast, was dich betrifft, erzähle ich dir jetzt etwas über diese Firma:
BL-E ist eine etwas andere Bank. Wir sind ein vollwertiges Kreditinstitut und haben uns vom ersten Tag an auf profitable Dienstleistungen für Privatkunden ausgerichtet. Kunden, die privat bleiben möchten. Das heißt für den Bank-Teil: Unsere Kunden geben uns ihr Geld, sie bekommen es mit Zinsen zurück. Sie leihen sich Geld von uns und wir bekommen es, hoffentlich, mit Zinsen zurück. Unsere Konditionen sind nicht besonders gut, aber wir haben einen guten Ruf, was die Auszahlung des erhaltenen Kapitals und der Zinsen betrifft. Was unsere eigentliche Arbeit ist, mit der wir die Bank finanzieren: Transport, Produktion, Aufträge von Behörden und anderen Corps, Erzabbau. Für jeden ist etwas dabei, jeder kann nach seinen Wünschen und Möglichkeiten agieren. Die Aufträge sind mal leicht, mal schwer, mal sauber, mal schmutzig. Keine finanziellen Experimente, keine aktive Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen. Da wo Krieg ist gehen wir üblicherweise nicht hin.“
Ryek nickte und schwieg.
„Ich habe an Informationen erhalten, dass du selbstständig arbeitest, aber loyal bist. Zumindest für die Dauer des Auftrages.“
Ryek machte sich eine Notiz auf dem Pad, dann lehnte sich im Stuhl zurück, die Füße parallel auf dem Boden. Bianca griff nach dem Brieföffner aus Schiffsmetall, der auf dem Schreibtisch neben ihren Unterlagen lag, hielt ihn in beiden Händen, drehte ihn hin und her.
„BL-E ist multikulturell . Wir machen keine Unterschiede zwischen den Rassen von New Eden. Es gibt die Hierarchien, die es in allen Corps gibt. Wir machen hier unsere Jobs sehr individuell, das heißt: Zusammenarbeit wo nötig, Einhaltung der Regeln, keinen Streit anfangen mit Kunden oder dem Rest des Universums ohne Auftrag und Zustimmung der Geschäftsleitung. Jeder arbeitet als freier Agent, plus gemeinsamer Aktionen und hat Zugriff auf das Wohlwollen seiner Kollegen. Kein Festgehalt,  90% der Bezahlung für erledigte Aufträge gehen an die Mitarbeiter; der Rest an BL-E“.
Ryek nickte und Bianca fuhr fort.
„Wir bevorzugen niemanden und es ist nicht unsere Aufgabe als Unternehmen, Rechtmäßigkeit oder Gerechtigkeit hinterfragen. Wir bewegen Geld, that’s it. Wir sind Opportunisten, allerdings nicht um jeden Preis. Was sind deine Prinzipien, falls vorhanden?“
Ryek überlegte eine Weile. „Ich übernehme Aufträge, die von den Administrationen der verschiedenen Regionen und Organisationen legitimiert sind: Transporte, Beschaffungen, Vernichtungen. Ich bediene alle gleich. Ich kann es mir leisten, Aufträge abzulehnen. Ob dahinter persönliche moralischen Prinzipien stehen, darüber kann man diskutieren. Mein Geschäftsmodell ist also kompatibel.“
Bianca sah Ryek direkt an. „Eine andere Frage, gewissermaßen an den männlichen Caldari und Feind in Dir: Hast du ein Problem damit, dass deine Vorgesetzten weibliche Gallente sind?“
Ryeks Mine blieb neutral . „Würde es deine Entscheidung erleichtern, wenn ich behauptete, dass ich schwul bin und Gallente Frauen in Führungspositionen für überrepräsentiert halte?“
Bianca zuckte zurück, die Spitze des Brieföffners zeigte jetzt auf Ryek.
„Es ist für mich irrelevant. Ich arbeite mit den Leuten zusammen, denen ich weit genug traue, um das zuzulassen. Allerdings ist mein Vertrauen in andere Personen üblicherweise äußerst begrenzt“. Er notierte etwas auf dem Pad.
„Und wenn deine Erwartung nicht erfüllt wird?“
„Dann gibt es keinen Vertrag, keine Verpflichtung, keine Loyalität. Nichts.“
„Das ist nicht gerade eine karriereorientierte Einstellung.“
Ryek lächelte hintersinnig. „Suchst du jemanden, der der an deinem Stuhl sägt?“
„Eigentlich nicht. Zu einem anderen Punkt: Was sind deine Schwächen?“
„Ich bin paranoid und schizophren.“
„Bitte??“
„Ich werde verfolgt. Immer. Ich kann mit mir selbst diskutieren und mit zwei verschiedenen Meinungen aus der Diskussion kommen. Immer. Das liegt an der Vergangenheit vor meiner Vergangenheit und daran wie ich in die Gegenwart gekommen bin.“
Bianca schüttelte den Kopf. „Ein Psycho in der Sicherheit. Ich muss ebenfalls verrückt sein“.
„Wie der Rest des Universums nehme ich an?“
Bianca entspannte sich etwas. „Was fehlt deiner Meinung nach bei uns?“
Ryek grinste. „Ein Automat, der echten Kaffee liefert.“
„Willst du BL-E ruinieren?“
„Mitnichten. Sieh dir mal die Mitarbeiter und die Kunden der Kantine an. Alle fühlen sich wohl in diesem Raum, und Werbung mit exklusiven Dingen ist ein Pluspunkt, gerade bei exklusiver Kundschaft. Oder ist das hier die BL-E Variante um der Kundschaft Cost-Savings zu demonstrieren?“
„Was hat das mit Sicherheit zu tun?“
„Viel. Wer sich wohlfühlt und entspannt ist wird, zumindest nicht sofort, etwas Böses tun. Ich habe gehört, das BL-E in der Hauptsache den eigenen Ruf als Kapital hat. Das die Kundschaft, sagen wir es einmal so, recht vielfältig ist. Eine Umgebung anzubieten die sicher und entspannend ist, bietet viele Möglichkeiten. Die gefühlte Sicherheit bietet der Schildgenerator. Mich würde interessieren wie BL-E die Genehmigung dafür bekommen hat. Hier fehlt nur noch ein wenig mehr Ambiente. Müssen ja nicht gleich Exotic Dancers sein, da könnten sich die heiligen Amarr dran stoßen.“
Bianca verschluckte sich und kaschierte den Hustenanfall mit einem Räuspern. Sie stand auf, Ryek ebenfalls.
„Danke für das interessante Gespräch. Ich werde mir die Sache überlegen, besonders die mit dem Kaffee und mich bei dir melden. Um ehrlich zu sein: Ich habe Zweifel. Auf der anderen Seite hast du sicher deine Gründe, mir die Entscheidung nicht leicht zu machen.“
„Ich bin bis morgen in der Station, um auf die Antwort zu warten. Wie du weißt, werde ich verfolgt.“
Er wandte sich um und ging zur Tür.
Bianca wartete bis Ryek dort angekommen war, sagte „Fly safe, Ryek“, holte mit dem Brieföffner zum Wurf aus. Auf dem Scheitelpunkt der Bewegung trennte Ryeks Laser die Klinge über dem Griff ab. Das Metall prallte auf die Multifunktionswand hinter Bianca und verursachte ein faustgroßes Loch in der Bildwand über dem Einschuss des Lasers, bevor die Klinge auf den Boden fiel. Zwei rote Punkte und ein grellweißer Strahl verblassten im Nachbild. Ryek stand an der halb offenen Tür und hatte den ‚E-Pen‘ in der Hand.
Bianca atmete hörbar aus, und blickte auf ihre Hand, überrascht, dass sie noch da war, wo sie sein sollte. „Verdammt, das war knapp. Mit der Nummer kannst du im Zirkus auftreten.“
„Ja, könnte ich.“ Er verbeugte sich knapp und schloss die Tür.

Um 05:30 Stationszeit piepte das Pad. Ryek hatte den Laser-Pen in der Hand, noch bevor er richtig wach war. Keine Gefahr. Er ging in den normalen Betriebsmodus und aktivierte das Display. Eine Mitteilung von BL-E. Ein Arbeitsvertrag, gültig ab 06:00. Aber nur, wenn er bis dahin in seinem Büro sitzen würde. Sowie eine Rechnung für zerstörtes Inventar. Ryek grinste. Er rief die Mitteilung des Stationshangars mit dem Erlös für das Recyclen des Shuttle auf und transferierte den Betrag zu BL-E. Die Kredits scheinen sich bei mir nicht richtig wohlzufühlen, dachte er mit leichtem Bedauern. Dann stand er auf und machte er sich auf den Weg in die aktuelle Richtung seiner Zukunft.