Inspektor Mops – Common Sense

©Ryek Darkener 2017

„Die sehen wie Kerne aus.“
„Ja. Genauer gesagt sind es Kürbiskerne. Die habe ich im Schädel des Opfers gefunden. Ich vermute, dass sie die Todesursache sind.“
Mops drehte sich zum Geist des Toten. „Kürbiskernvergiftung?“
Der Geist zeigte Mops den Vogel.

 

Ab Anfang Juni als E-Book erhältlich.

Kann auch bei Lovelybooks zusammen mit anderen gelesen werden. 😉

Inspektor Mops ist auf dem Weg

Sooooo.

Der Text ist fertig. Das Cover ebenfalls. Alles wird in den nächsten Tagen hochgeladen bei neobooks, von wo es auf die E-Book-Plattformen verteilt wird.

Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion, ob der Klappentext den Inhalt auch wiedergibt, denke ich auf der sicheren Seite zu sein:

Urban Fantasy. So gut wie keine Six- oder Eightpacks, die durch den Plot toben, um kreischende Damsels in Distress zu was auch immer. 😉
Sondern eine, meine ich jedenfalls, wirklich abgefahrene (Kriminal) Story mit gelegentlich leicht verpeilten Protagonisten.  Ziemlich weit weg vom Mainstream.

Inspektor Mops – Süß oder Sauer

©Ryek Darkener 2016

©Ryek Darkener 2016

Passend zum Tag eine Szenenskizze aus dem Text, an dem ich gerade schreibe.

Viel Spaß beim Lesen!

31.10. 23:50
Die hagere Gestalt in der schwarzen Kutte bewegte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den dichten Nebel, der ab und zu von einer funzeligen Laterne erhellt wurde. Der Flüchtige stoppte an der Friedhofsmauer. Er warf sich herum, keuchend vor Anstrengung, das rote Haar klebte schweißnass am Kopf. Er ließ sein Messer aufschnappen. Der Verfolger hielt. Es klickte hart und metallisch, als die Klinge der Sense aus dem zwei Meter langen Stiel glitt und einrastete. Sie reflektierte das Laternenlicht wie weißes Feuer. Es beleuchtete ein Gesicht, das den zitternden Mann mit totenkopfgleichem Grinsen anstarrte. „Guten Abend. Schönen Samhain auch. Ich bin Mops. Inspektor Mops. Und du bist verhaftet.“

30.10. 23:55
Mops saß in der Küche und beschäftigte sich mit einem späten Abendessen. Kürbissuppe. Er liebte die Kürbissuppenzeit. Kürbissuppe passte zu allem. Zum Monat. Zum Wetter. Zur Laune. Die Suppe war heiß wie Lava. Mops genoss das Gefühl, wenn sie die Speiseröhre hinunter kroch, eine warme Spur hinter sich herziehend. Bald kam die fünfte Jahreszeit, und damit Auftritte als Gevatter Tod. Hager, ganz in Schwarz. Stilecht mit Sense. Er hatte das Gerät vor Jahren in einem Trödelladen erstanden. Der Besitzer schien erleichtert gewesen zu sein, dass dieses Ding aus der Auslage verschwand. Mops hatte die Sense mit viel Liebe aufpoliert. Ein ungewöhnliches Werkzeug. Der Stiel aus Eichenholz, hart wie Eisen. Und die Klinge! Als er das erste Mal mit dem mitgelieferten Schleifstein darübergefahren war, war der Rost wie Staub abgeglitten. Mops schliff die Klinge regelmäßig, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Die Gleichförmigkeit der Tätigkeit erlaubte es ihm, Gedanken zu sammeln, Spuren zu verknüpfen und zu Schlussfolgerungen zu kommen. Warum er immer häufiger zu Kindergeburtstagen als zu karnevalistischen Veranstaltungen eingeladen wurde, darüber dachte er lieber nicht nach. Schöne neue Welt. Generation Grusel!

Die Turmuhr wies mit klarem Läuten darauf hin, dass ein neuer Tag angefangen hatte.
„Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen:
Unsere Glock hat zwölf geschlagen!
Zwölf, das ist das Ziel der Zeit!
Mensch bedenk die Ewigkeit!“, summte Mops vor sich hin.

Ein zartes Räuspern kam von der anderen Seite des Tisches. Mops sah von der Suppe auf. Ihm gegenüber saß ein Mann, den er noch nicht kannte. In Mops’ Kopf formte sich ein Bild: Der Mann lag in einem Steinbruch, ein Einschussloch im Kopf und den Himmel verwirrt und tot anstarrend.
Das Einschussloch war immer noch da, doch der Blick, der ihn ansah, war alles andere als verwirrt.
„Inspektor Mops?“
Mops seufzte. „Wen hast du erwartet? Den Weihnachtsmann? Ende Oktober?“
„Ehrlich gesagt habe ich gedacht, dass der Engel mir einen Bären aufbinden wollte.“
Mops runzelte die Stirn. „Wieso? Menschen, die Geister sehen, sind häufiger, als man glaubt.“
Der Geist lächelte knapp. „Das ist ein weit verbreiteter Irrtum bei den Lebenden. Du bist  tatsächlich ein echter Kommissar?“
„Inspektor.“
„Von mir aus. Muss wohl reichen.“
„Ihr kommt zu mir, wenn ein Mord begangen wurde, den ich bearbeiten werde. Macht euch über mich lustig. Niemand fragt, ob ich das lustig finde.“
„So ist es.“
„Ihr sagt mir nie, wer’s war.“
„Stimmt.“
„Aber ich habe immer gewonnen!“
„Bisher …“
Mops unterbrach ihn. „Es war der Gärtner. Richtig?“
„Der Gärtner? Wieso der Gärtner, nein, es war …“ Der Geist schloss seinen Mund und warf ihm einen strafenden Blick zu. „Das ist unfair!“
Mops grinste. „Das Leben ist nun mal nicht fair. Oder findest du das Loch in deinem Kopf o.k.?“
„Natürlich nicht!“
„Dann ist das ja geklärt. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“
Der Tote schüttelte den Kopf. „Für mich wahrscheinlich nicht mehr. Aber vielleicht für andere.“
„Wie meinst du das? Du bist ein Standard-Mord. Typ 4 nach meiner Kategorisierung. Jemand hat dich in den Steinbruch gefahren, oder du jemanden, nehme ich an. Dann seid ihr ausgestiegen, habt ein nettes Gespräch geführt, und der Andere hat aus einem Grund, den ich noch nicht kenne, eine Waffe gezogen und dir die Grenzen des Lebens aufgezeigt. Bumm und weg.“
Der Geist schüttelte den Kopf. „Ich habe dich für intelligenter gehalten.“
„Das tun viele.“
„Wir sehen uns in der Autopsie.“
„Ich lasse mir doch nicht …“
Der Stuhl am anderen Ende des Tisches war leer.

Inspektor Mops – Dialogfragment

Ryek_2016

Ein Dialogfragment aus dem Text, an dem ich gerade arbeite. Wer sucht, der findet mehr in der Historie des Blogs. 😉

„Sind wir jetzt tot?“, fragte Leonie.
Mops brach in Lachen aus und stützte sich auf die Sense.
„Was ist daran so komisch?“, fauchte Leonie.
Mops grinste breit. „Den Tag muss ich mir im Kalender anstreichen. Ich hätte nie erwartet, dass du so eine Frage im Ernst stellst, nachdem der Kerl uns offensichtlich abserviert hat.“
„Offensichtlich? Du meinst wohl eher scheinbar.“
„Anscheinend ist unsere Geschichte noch nicht zu Ende.“
Leonie trat Mops gegen das Schienbein.
„Aua!“
„Sind sie fertig mit dem Liebesspiel?“, fragte der Schreiber.
Leonie gluckste. „Entschuldigung. Ich bin zum ersten Mal tot. Soweit ich mich erinnern kann.“

Inspektor Mops: Scharfe Sachen (Teil2)

***

 

„Willst du zusehen?“

„Wenn es nichts ausmacht.“

Leonie seufzte. „Warum frage ich eigentlich?“ Sie beugte sich über den entkleideten Toten. „Todesursache sind eindeutig die Schrapnells in seinem Körper, welche mit letaler Wucht eingedrungen sind. Du sagst, das Zimmer sei völlig verwüstet gewesen. Trotzdem hat die Spurensicherung keinen Sprengstoff feststellen können, obwohl es aussah, als ob da eine Handgranate gezündet worden wäre?“

„Genau. Seine Stereoanlage war total zerfetzt. Die Boxen waren nur noch Sägemehl.“

Leonie zuckte mit den Schultern und ging zum Ghettoblaster, der ein wenig abseits auf einem Tisch an der Wand stand. Sie tippte sie die „Start“-Taste, kehrte zum Gerätetisch zurück, streifte sich die Handschuhe über und griff nach dem Skalpell. „Jetzt sehen wir uns die Dinger mal genauer an.“

Die Stakkatos des Speed-Metal Stückes sägten an Mops’ Nerven, wohingegen der Geist und die Pathologin entspannt mitwippten. Sie machte die Schnitte mit ruhiger Hand, unbeeindruckt vom höllischen Tempo der Gitarrenriffs, entfernte einige der Metallteile aus dem Körper und ließ sie im Takt der Musik in eine bereitstehende Schüssel fallen.

Mops sah zum Geist, der begeistert ansah. Er grinste hämisch.

„Du nicht! Nicht mehr!“

Der Geist starrte Mops wütend an.

„Was?“ Leonie schreckte aus ihrer Konzentration auf. „Verdammt! Beinahe hätte ich mich geschnitten!“

„Weißt du was? Wir sind uns gar nicht so unähnlich. Abgesehen vom Musikgeschmack vielleicht. Um auf unser letztes Gespräch zurückzukommen: Was hast du denn so an scharfen Sachen zu Hause?“

Leonie richtete sich auf, nahm beide Hände über den Kopf und hielt das Skalpell so, als ob sie den bereits Toten erstechen wollte. Für einen langen Moment sah sie aus wie eine Druidin bei der Arbeit.

Der Moment ging vorüber. Mops wagte, vorsichtig weiterzuatmen.

Er räusperte sich. „Hast du viele Probleme mit den Nachbarn?“

„Wegen der Musik? Nein.“ Sie lächelte.

Mops lief es erfrischend kalt den Rücken hinunter.

Da kam ihm ein Gedanke. Er ging zur Musikmaschine und schaltete sie ab. Griff nach dem Smartphone. „Müller? Ja, ich bin’s, Mops. Sagen Sie mal, was hatte unser Toter denn so in seiner Musiksammlung?“ Er lauschte gespannt. „Aha. Gab es Probleme mit den Nachbarn? Aha? Alle Nachbarn vernommen? Aha. Und seit wann ist der angeblich im Urlaub? Aha. Was macht der beruflich? Na so was! Besorgt euch einen Durchsuchungsbefehl und seht in der Wohnung nach. Die Kollegen von der Spurensicherung sollen einen Energietechniker hinzuziehen.“

Er sah den Geist an. „Wie war ich?“

„Ohne die wärst du nie darauf gekommen!“, heulte der Geist und zeigte auf Leonie, die dem vermeintlichen Selbstgespräch nicht folgen konnte.

„Stimmt.“ Er drehte sich zu Leonie und warf einen auffordernden Blick in ihre Richtung.

„Mit wem redest du?“, wollte sie wissen.

„Willst du die Wahrheit hören oder eine diplomatische Antwort?“

„Die Wahrheit natürlich. Oder was deine Version davon ist.“

„Du zeigst mir deine Musiksammlung, ich bringe die Sense mit? Und einen guten Wein? Nur reden. Nichts anfassen. Einverstanden?“

Leonie nickte vorsichtig zustimmend. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Als was verkleidest du dich eigentlich zu Fasching?“

„Rate mal.“

Hinter seinem Rücken hörte Mops ein verwehendes „Wenn ich meine Hormone noch hätte, dann würde ich …“

Inspektor Mops: Scharfe Sachen

Ryek mystHier einmal wieder etwas von meinem Inspektor Mops, der mein Opfer für nicht ganz ernst gemeinte Kurzgeschichten ist. Vielleicht spendiere ich ihm einmal einen längeren Text, wer weiß?

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Klatsch!

Mops rieb sich die linke Wange.

Die dunkelhaarige Frau, von guten Bekannten, zu denen sich Mops bisher gezählt hatte, Leo genannt, schoss einen Blick auf ihn ab, der bei anderen Gemütern ein Loch zwischen den Augen hinterlassen hätte. „Du Schürzenjäger!“, schimpfte sie.

„Wie meinen?“

„Ehrlich! Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“

„Soll ich jetzt diplomatisch antworten?“

Leonie holte überrascht Luft. Ihre Kollegen hatten sie gewarnt. Mops, dieser Spinner, der angeblich mit den Toten sprach. Trotzdem fand sie ihn interessant. Bisher. Oder immer noch? Eine solche Kaltschnäuzigkeit hatte sie jedenfalls nicht erwartet.

„Das will ich hören. Wie du das diplomatisch erklären willst.“

Mops langte nach dem Weinglas und leerte es auf einen Zug. Der Grüne Veltliner schüttelte ihn kräftig durch. Er hielt sich die Hand vor den Mund, um höflich und unüberhörbar zu rülpsen. „Verzeihung.“

„Sehr diplomatisch.“

Mops lächelte, ähnlich wie Tod einen Klienten anlächeln würde. Seine große, hagere Gestalt unterstützte den Eindruck.

„War’s das jetzt?“ Leonie griff nach ihrer Jacke.

„Nicht ganz. Es fehlt der diplomatische Teil.“

Leonie zog ihre Jacke über.

„Was genau hat dich eigentlich so hochgehen lassen? Ich dachte, wir kämen beide gut voran, bis du …“

„Du weißt es wirklich nicht?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Mich fragen, ob ich deine Sense sehen will! Hallo? Wie plump ist das denn!“

Mops klapperte überrascht mit den Augenlidern. „Wo ist das Problem? Ich dachte, du stehst auf scharfe Sachen. Oder machst du deine Gäste mit dem Stumpfen auf?“

Leonie sah ihn entgeistert an. „Sagt dir Sexismus irgendwas?“

„Wenn du die Sense nicht sehen willst, hätte ein einfaches Nein genügt.“ Er rieb sich erneut die Wange.

Leonie war irritiert. „Sag mal, Inspektor Mops, wolltest du mich etwa NICHT flachlegen?“

Mops zuckte mit den Schultern. „Doch, schon. Aber was hat das mit meiner Sense zu tun?“

„Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.“

„Sieht so aus.“

„Begleitest du mich? Biss vor die Tür.“

Mops stand auf. „Natürlich, Kollegin. Danke für den netten Abend.“

 

Zu Hause angekommen genehmigte Mops sich ein Bier. Dann ging er ins Arbeitszimmer und schloss den Waffenschrank auf. Als er die Sense aus dem Futteral zog und sie aufklappte, lief ein weißer Schimmer an der Schneide entlang. Mops prüfte die Sense, indem er ein seidenes Tuch an der Klinge entlangzog. An einer Stelle gab es einen leichten Widerstand. Mops setzte sich, nahm den Schleifstein vom Tisch und begann mit der Arbeit.

 

***

 

„Erst Krieg, nun Frieden.“ Der Tote, für alle außer Mops unsichtbar, stand neben seiner Leiche und machte einen unglücklichen Eindruck.

„Jetzt komm schon“, drängte Mops. „In der Pathologie erfahre ich es sowieso. Was ist passiert?“

Er zeigte auf das Chaos ringsherum. Die Stereoanlage des Opfers hatte sich in Trümmer aufgelöst, die ehemaligen gewaltigen Boxen ebenso wie Teile der umstehenden Möbel. Das allein hatte nicht den Tod bewirkt. Der Tote war von kleinen Löchern übersät, deren Verursacher die Kleidung ohne großen Widerstand durchdrungen zu haben schienen.

„Das musst du selbst herausbekommen. Du kennst die Regeln.“

Mops wand sich. „Ja. Natürlich. Ich wollte nicht schummeln. Aber die Pathologin, die Leo“, er räusperte sich, „ist im Moment nicht gut auf mich zu sprechen. Ich dachte, du sagst mir vielleicht vorab, was sie finden wird. Dann brauche ich nur ihren Bericht zu lesen.“

Der Geist schüttelte den Kopf und grinste hämisch. „Ist heut nicht deine Woche, wie es aussieht.“

Mops biss die Zähne zusammen. „Na gut. Wenn du es auf die harte Tour willst, ist es mir auch recht.“

„Wie du richtig vermutest, stecken Metallteile in mir, die meisten ziemlich zackig. Du stellst dir sicher die Frage, wie die in mich hineingekommen sind.“

„Ja. Tue ich. Ist mein Job.“

„Genau das darf ich nicht verraten. Aber möglicherweise ist deine Pathologin ja hilfreich.“

„Wobei?“

Der Geist sah Mops indigniert an. „Sagt dir Sexismus was?“

„Fang du nicht auch noch damit an.“ Er öffnete die Zimmertüre und winkte den Kollegen, die Leiche abzutransportieren.

Zweiter Teil demnächst in diesem Theater …

Inspektor Mops: Pantha Rhei

Die Häuser mit der vorgelagerten Beleuchtung reihten sich entlang der Straße wie eine Perlenkette. Inspektor Mops trat das Gaspedal durch. Die Perlenkette verschwamm zu einer Linie gelben Lichtes, rhythmisch aufgelockert von der Reflexion des Blaulichtes auf der nassen Straße.

„Willst du dich umbringen?“ Die Person auf dem Beifahrersitz hatte eine gewisse Teilnahmslosigkeit in der Stimme, obwohl sie nicht angeschnallt war.
Mops grinste. „Du bist tot. Warum solltest du mich begleiten, wenn ich mein Ziel nicht erreiche? Ich werde jetzt nicht sterben. Nicht, solange du neben mir sitzt.“
„Erzähle es bitte nicht weiter.“
„Wer würde mir das glauben.“
Mops riss das Lenkrad herum und zog die Handbremse. Der Einsatzwagen drehte sich mehrmals wie ein Kreisel und kam entgegen der Fahrtrichtung an der Einfahrt des Hauses zum Stehen. Ein anderes Polizeifahrzeug sowie ein Rettungswagen hatten bereits für einige Aufmerksamkeit gesorgt.
Mops stieg aus und ignorierte die umstehenden Zuschauer. „Müller, schon den Mörder verhaftet?“
Müller warf seinem Chef einen leidgeprüften Blick zu. „Inspektor, wir sind erst dreißig Minuten am Tatort, was erwarten sie? Glauben Sie, dass die Tote uns sagt, wer es war?“
„Nein, das tun sie nie“, murmelte Mops mit einem Seitenblick auf den ebenfalls ausgestiegenen Fahrgast, den außer ihm niemand sehen konnte. „Was habt ihr bisher herausbekommen?“
„Können wir reingehen? Hier sind zu viele Ohren auf der Straße“, schlug Müller vor.
„Meinetwegen.“
Im Inneren angekommen bot sich ein gewohntes Szenarium. Auf dem Fußboden der Küche lag eine Frau tot neben dem Stuhl. Ihr langes schwarzes Haar verdeckte das Gesicht. Auf dem Küchentisch waren ein Glas, halb gefüllt mit Orangensaft, ein Kugelschreiber, ein paar beschriebene Blätter.
„Gab es eine körperliche Auseinandersetzung?“
„Nein. Wie es aussieht, hat die Frau sich vergiftet.“
Mops sah den Arzt an. „Freiwillig? Womit?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Wie freiwillig Selbstmorde sind, ist eher ein Thema für die Philosophen. Womit? Auf der Spüle steht ein Glasbehälter. Wenn die Aufschrift stimmt, dann enthält er Herbstzeitlosen-Samen. Daneben ein Mörser.“ Er schüttelte den Kopf. „Nicht das einzige seltsame Gewürz, das die Dame im Schränkchen aufbewahrte.“ Er zeigte auf den geöffneten Gewürzschrank. Dort waren, fein säuberlich aufgereiht und beschriftet, diverse giftige Pflanzen und Pflanzenteile aufgereiht. „Genug um die halbe Stadt einzuschläfern.“
„Der Name der Frau ist, Verzeihung, war Margarethe Frage“, gab Müller bekannt.
Mops drehte sich zum Geist, legte die Hand an die Stirn und intonierte: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich gute Frau, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“
„Sehr komisch.“
„Irgendwelche Bekannten oder Verwandte?“, fragte Mops niemanden im Besonderen.
„Eine Schwester. Die hat ein Alibi“, gab Müller zur Antwort.
„Was macht sie so sicher?“
„Nun, als wir sie angerufen haben, sagte sie, dass sie nicht allein sei. Seit Stunden.“
„Sie lügt!“
„Sie lügt?“, echote Mops.
Müller war verstimmt. „Sie lügt? Das geht jetzt zu weit, Inspektor. Ich hatte auch ihren Mann am Telefon.“
„Sie lügt!“, heulte der Geist. „Sie lügt! Sie lügt! Sie lügt!“
Mops schüttelte benommen den Kopf.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Arzt.
„Ich bin nicht sicher. Da haben wir ein Opfer, das sich für den Schierlingsbecher entschieden hat, und ich habe trotzdem den Eindruck, dass es Mord war?“
„Es war Mord!“, schrie der Geist.
„Jaja, schon gut!“
„Mit wem reden sie dauernd?“ Der Arzt machte eine besorgte Miene und sah Mops etwas professioneller an als bisher.
„Mit der Toten.“ Mops wies fahrig in die Richtung.
„Das macht er immer so“, erklärte Müller entschuldigend. „Seine Art, die Fälle anzugehen.“
„Haben sie schon mit einem Facharzt über das Thema gesprochen?“
„Ja. Der ist jetzt in der Geschlossenen, aber in einem Jahr oder so darf er wieder raus.“
„Aha.“
Mops drehte sin zu Müller. „Was steht eigentlich in diesem Brief?“
„Das Übliche. Wollen sie die Kurzfassung?“
„Ich bitte darum.“
Müller nahm die Zettel auf und hangelte sich durch das Dokument. „Da ist von einer Nebelwand die Rede, die verhindert, dass ein Begehren erfüllt wird. Heute würde sie den Fluss überqueren, die letzte Grenze. Ich werde das Siegel zerbrechen, steht hier, kein Wagnis ist zu groß, um zu dir zu kommen, mein Geliebter. Und so weiter. Dann wird die Schrift immer krakeliger.“
„Muss ich das verstehen?“, fragte Mops, etwas ratlos. „Irgendetwas fehlt.“
„Was soll fehlen?“
„Das Motiv, Müller, das Motiv. Das hört sich doch wie eine Gebrauchsanleitung an. Aber wofür?“ Mops kratzte sich mit der Rechten hinter dem Ohr. „Laden Sie die Schwester und ihren Mann für morgen ins Präsidium, wegen der Aufnahme der Aussagen. Fragen Sie bei den Nachbarn, mit wem die Tote Kontakte hatte, und wie gut diese waren. Natürlich vor ihrem Ableben.“
Der Geist nickte zustimmend.
„Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“
„Wie bitte?“
Mops sah den Arzt teilnahmslos an. „Ach, nichts. Soll ich sie irgendwohin mitnehmen?“
„Nein, danke. Das wäre mir doch ein zu großes Wagnis.“

***

Am nächsten Vormittag fanden sich Margarethes Schwester und ihr Mann auf dem Revier ein.
Das Büro von Mops war, wie immer, total überheizt. Dennoch hatte er seinen schwarzen Trenchcoat an, so dass er den Eindruck eines hageren Höllenfürsten machte.
Bereits nach der Aufnahme der Personalien war das Paar schweißgebadet. Mops bestellte sich bei Müller einen Kaffee, ’schwarz wie die Nacht, heiß wie Lava‘ und bot seine Gästen ebenfalls Kaffee an, was sie dankend ablehnten.
Zusammen mit dem Kaffee brachte Müller einen Beutel aus der Asservatenkammer herein, in den die Spurensicherung einen Glasbehälter gepackt hatte. Mops stellte ihn vor sich auf den Schreibtisch.
„Sagt ihnen das irgendetwas?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Meine Schwester besaß einen Schrank mit, naja, seltsamen Dingen, da könnte das her sein. Oder?“
„Ihr Name ist Helena? Auf dem Formular sieht er etwas schräg geschrieben aus.“
„Nein. Das ist schon richtig. Ich heiße Hel-Ena. Ein Doppelname.“ Sie lächelte doppeldeutig.
„Wo bekommt man so einen Namen genehmigt?“
„Ach, wissen sie Herr Inspektor, hinter der Grenze sieht man das nicht so eng.“
Irgendwie gefiel Mops der Satz nicht. Er blickte sich im Raum um. Seltsam, der Geist der Toten war nicht zugegen. Die ließen sich Verhöre eigentlich nie entgehen.
„Wie gut kamen sie mit ihrer Schwester aus? Entschuldigung, aber das ist eine Standardfrage“, versuchte Mops das Gespräch in Fluss zu bringen.
Hel-Ena lächelte erneut. „Wir sind ein Herz und eine Seele. Seit ich mich erinnern kann, haben wir alles schwesterlich geteilt.“
Wieder hatte Mops das deutliche Gefühl, dass die Antwort mehr sagte, als  man sofort hörte. Er wandte sich an den Mann.
„Herr Möbius, seit wann sind sie verheiratet?“
Möbius zögerte, was ihm einen drohenden Blick seiner Angetrauten einbrachte. Er räusperte sich. „Seit etwas über sieben Jahren. Aber wir kennen uns schon länger. Also ich, Hel und Margarethe. Eine Ewigkeit eigentlich.“
Mops fröstelte. Erinnerungen, die er nicht haben konnte, stiegen in ihm hoch. In seinem Kopf tauchte Margarethe auf, wie aus einer Nebelwand heraus. Er deutete auf das Glas. „Daraus wurde der Schierlingsbecher zubereitet. Ihre Schwester ist, wie es aussieht, allein gestorben. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass Sie kein Alibi haben, obwohl Sie beide zusammen waren, als der – Übergang – passierte.“
Hels Augen blitzten belustigt. „Ja, das ist dann wohl die Margarethchenfrage. Übrigens, es sind natürlich Herbstzeitlose. Diese plumpe Fangfrage hätten sie sich schenken können. Ich muss es wissen, denn ich war dort. Nicht Margarethe. Und ich war allein. Sehen sie Mops, und ich weiß, dass sie es sehen: Unsere Existenz ist wie eine Perlenkette. Ohne Anfang und ohne Ende. Für uns gibt es keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft. Gelegentlich streiten Gretchen und ich, aber glauben sie mir, es kommt alles wieder ins Lot. Mit der Zeit.“ Sie lachte leise und zog eine Fotografie aus ihrer Handtasche. „Hier. Sehen sie, was ich meine. Ein Foto von der Hochzeit.“
Möbius warf einen verklärten Blick darauf. „Ja, das war eine Feier! Das stolze Paar vor dem Standesamt, im Vordergrund die Schwester als Brautjungfer. Ein Moment für die Ewigkeit.“ Er hauchte Hel einen Kuss zu.
Mops sah auf das Foto. Dann sah er noch einmal hin, damit seine Augen dem Kopf bestätigten, was nicht sein konnte. Die Frau neben Möbius war Gretchen.