On my way

Hallo!

Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Irgendwas ist dran an der Behauptung, dass sie umso schneller vergeht, je älter man wird. Abgesehen von unvergesslichen Momenten scheint es einen Effekt zu geben, der dem aus Einsteins Relativitätstheorie entspricht. Wenn man sich die Lebenszeit als Beschleunigung vorstellt, dann kommt man mit jeder Sekunde näher an die Grenze, die sich nicht materiell überschreiten lässt. Am Ende befindet man sich in (nicht nur relativer) Ruhe, während sich die Welt mit unendlicher Geschwindigkeit weiterbewegt.
Zum Glück scheint bei mir gerade die Sonne, es ist ein schöner Tag, wenn auch eisig kalt, so dass ich diese Gedanken äußern kann, ohne in Depression zu verfallen. Das Leben ist nun einmal so, wie es ist. Oder, um mich selbst aus dem, was ich gerade schreibe, zu zitieren:

Es gibt nur die Mathematik. Alles andere ist das, was wir daraus machen.

Apropos Schreiben. Bei mir lief zwei Wochen lang gar nichts mehr. Nicht dass ich mit Fieber im Bett gelegen hätte. Es war mehr das permanente Bedürfnis nach Winterschlaf und eine ziemlich hohe Lustlosigkeit, mehr zu tun als das, wofür ich im Brotberuf bezahlt werde. Das erzeugt ein seltsames Gefühl der Leere und des Nicht-Vorhandenseins. Sich dagegen zu wehren ist anstrengend, es einfach zuzulassen auch nicht besonders hilfreich. Was mehr wirkt, ist sich eine Haltung der gespannten Erwartung anzueignen, was danach kommt. War zumindest mein Eindruck.
Es gibt immer ein Danach. Und, um auf das Schreiben zurückzukommen, ist es manchmal besser, das Mittendrin so zu gestalten, dass man einigermaßen heil im Danach ankommt. Manche Kämpfe können nicht in Sekunden gewonnen werden, viele Änderungen brauchen Zeit, um zu reifen. Das Wasser trägt Berge sanfter und sicherer ab als die gewaltigsten Explosionen. Dazu gehört, dass man dort, wo man gerade ist, akzeptieren muss, dass man vielleicht selbst nicht mehr an  das gesetzte Ziel kommt und das Land erreicht, in dem Milch und Honig fließen. Sollte man deshalb stehenbleiben und andere an sich vorbeiziehen lassen? Nein. Jeder mache sich mit seiner Kraft und in seinem Tempo auf den Weg, denn sonst bleibt das Ziel ein Traum. Wer nicht für seine eigenen Träume lebt, der lebt für die Träume anderer.

Wo stehe ich mit meinen Projekten?

Es gibt einen recht kurzen Text mit Inspektor Mops, der sich der Fertigstellung nähert. Wahrscheinlich werde ich damit demnächst Verlage belästigen oder ihn – wie meine anderen Texte – selbst veröffentlichen. 😉

Die Geschichten aus der Welt nach dem Letzten Krieg laufen derzeit zweigleisig. Es wird einen Teil geben, der nach dem extrem düsteren dritten Teil „Monstra Coelorum“ spielt. Da hadere ich noch ziemlich mit dem Plot, es gibt verschiedene Ideen, die noch nicht so richtig zusammenpassen. Dafür komme ich mit „Teil fünf“ recht gut voran, der vor den bisherigen spielen wird, kurz nach dem Ende des Letzten Krieges. Wer in der Historie meines Blogs etwas herunterscrollt, kann sich mit „Tod einer Königin“ einen ersten Eindruck verschaffen. Was mir da noch Kopfzerbrechen bereitet ist die Suche nach einem starken männlichen Mit-Protagonisten. Vielleicht geht es auch ohne, schauen wir mal. 😉 Der Plot verspricht auf jeden Fall sehr interessant zu werden und er beinhaltet ein paar Aspekte, die aus einer – meiner Meinung nach – recht ungewöhnlichen Perspektive betrachtet werden.

Ich werde also für die nächsten ein bis zwei Jahre schriftstellerisch gut beschäftigt sein.

©Ryek Darkener 2016

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2018: Looks like a plan

Das Ende eines Jahres und der Beginn des nächsten ist oftmals eine willkommene/lästige Gelegenheit, um Pläne für die kommenden Tage bis Silvester zu machen.

Ich fange mit etwas anderem an, nämlich dem, was schon fertig geworden ist.
Zuerst einmal vielen Dank an die Leser der von mir als Adventskalender hier veröffentlichten Weihnachtsgeschichte „Pivot“. Ich habe mich sehr über das Interesse gefreut. Und ich habe das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Was heißt, dass ich den Text, der während der Postings leicht aufpoliert wurde, verwendet habe, um das vorhandene E-Book zu aktualisieren:

Jetzt kommt der Werbe-Blockg:

Der Preis des E-Books „Pivot“ ist 99 Cent. Es handelt sich hierbei nicht um ein Sonderangebot, sondern um das Angebot, sich mit meinem Schreibstil bekannt zu machen und den Text als Ganzes zu haben.

Wenn „Pivot“ dir gefallen hat, erzähle es bitte weiter (oder schreibe eine Rezension). Denn sonst erfährt es kaum jemand. Mein Werbebudget ist – vorsichtig gesprochen – sehr begrenzt.
Ich freue mich natürlich auch, wenn meine anderen Texte zufriedene Leser finden. 😉

Was will ich in 2018 schriftstellerisch tun?

Im letztjährigen NaNoWriMo habe ich einen „Inspektor Mops“ Text verfasst, der mittlerweile schon recht weit gediehen ist. Er wird dieses Mal nicht so abgefahren sein wie „Common Sense“. Man kann sich auch in Urban Fantasy Geschichten mit relevanten Dingen beschäftigen, unterhaltsam sein, ohne seicht sein zu müssen. Diesen Text möchte ich, wenn möglich, noch dieses Jahr unter die Leute bringen.

Meine „Geschichten aus der Welt nach dem Letzten Krieg“ sind mittlerweile ziemlich umfangreich geworden und mit dem veröffentlichten dritten Teil „Monstra Coelorum“ noch nicht am Ende angekommen. Hier ringe ich noch mit dem Plot, denn es bieten sich diverse Möglichkeiten, die Geschichte fortzuführen. Ich habe, im Unterschied zu anderen Autoren, nicht alles komplett durchgeplant, bevor ich sie schreibe. Es gibt eine globale Storyline und einen übergeordneten Weltenbau, aber ich behalte mir vor, die Geschichte so zu erzählen, wie meine Protas es mir anbieten. Wie im richtigen Leben ist nicht alles planbar und alles, was geschieht, kann der Ausgangspunkt für interessante Weiterentwicklungen sein.

Darüber hinaus liegen bei mir noch einige recht rohe Ideen herum.
Sowie eine, von der ich nicht mehr weiß, wo ich sie abgelegt habe. Was ziemlich nervig ist. Man sucht immer das am intensivsten, was unauffindbar erscheint. Ihr kennt das. 😉

Adventskalender: Pivot

Elida stößt die Haustür auf und stürzt ins Haus. Niemand da. Es ist leer und dunkel. Wo sind sie? Sie rennt die Treppe hinauf. Niemand da. Nicht im Kinderzimmer, nicht im Schlafzimmer. Verzweiflung überwältigt sie. Die Pakete fallen achtlos auf den Boden. Sie sieht auf die Uhr.

19:15.

„Ich bin zu spät.“
Ihr ist kalt, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie lässt den Mantel fallen und geht langsam die Treppe hinunter. Jemand schließt die Tür.
Alwin steht am Fuß der Treppe, mit Vilja, und beide sehen sie überrascht und gleichzeitig besorgt an.
„Elida, geht es dir –“
Ich kann nicht tiefer fallen als die Erde tut sich auf und verschlingt sie.

25.12. – Sonntag
Es riecht nach Kaffee und nach Tanne, und unter der Decke ist es schön warm. Nein, bloß nicht aufwachen. Zeit für den Winterschlaf. Elida entspannt sich und dämmert hinüber ins Traumland.
Was ist?
Eine Hand berührt sie vorsichtig, rüttelt sie zärtlich.
„Ja? Was ist denn?“, murmelt sie und überwindet ihren inneren Widerstand. Wieder eine Entscheidung. Kann mich nicht einfach jemand tragen?
„Du bist mal wieder untragbar!“, lästert eine Stimme.
‚Hey, wer hat das gesagt? Ich? Egal. Dann muss es wohl sein.‘ Elida schlägt die Augen auf.
Alwin und Vilja sitzen am Bett und betrachten interessiert, wie sie aufwacht.
„Frohe Weihnachten, mein Engel“, flüstert Alwin.
‚Was soll denn das jetzt, ich bin doch nicht seine Tochter. Vilja ist der Engel.‘ Aber Elida ist geschmeichelt. Die Wärme kommt nicht mehr nur von der Bettdecke. „Ja. Guten Morgen ihr zwei.“ Elida fährt hoch, sieht die beiden verwirrt an. „Welchen haben wir heute?“
„Den Fünfundzwanzigsten. Wir haben die Bescherung verschoben, damit du dabei sein kannst“, sagt Alwin. Er sieht Elida fragend an. „Was war gestern los? Als Vilja und ich nach Hause gekommen sind, bist du die Treppe heruntergeschwebt und mir in die Arme gefallen. Schon lange her, dass du so etwas zuletzt getan hast.“
„Ja. Zu lange.“ Elida wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Alwin, ich muss den gestrigen Tag erst sortieren, bevor ich das erklären kann. Gib mir bitte ein wenig Zeit.“ Sie lächelt entschuldigend.
Alwin nickt zustimmend, nimmt Vilja an die Hand, sie stehen auf.
„Wenn du nicht wieder einschläfst, können wir zusammen frühstücken“, sagt er einladend.


„Erst etwas ausruhen, aber so in zwei Wochen muss ich wieder los.“
„Gut.“
Sie ist enttäuscht. „Wie soll ich das jetzt verstehen, Alwin?“
„Sie war ihm bei des Hauses Pflege seit langer Zeit … , grinst er.
„Du Mistkerl!“ Sie stürzt sich auf ihn, und er muss sich von Vilja retten lassen.

Als sie sich wieder beruhigt haben, fragt er im Ernst. „Was sind Deine Pläne?“
„Ich habe herausgefunden, dass ich meine Ziele besser erreiche, wenn ich meine Zeit besser nutze. Auch für Dinge, die anderen wichtig sind. Eigentlich trivial, oder? Das zu beweisen wird Jahre dauern.“
„Das heißt?“
Elida wird ein bisschen rot, schüchtern. „Ich will versuchen, mehr Gleichgewicht in mein Leben zu bringen. Wir werden mehr Zeit miteinander verbringen können. Wenn ihr das wollt.“
„Peng!“ prustet Vilja.
Alwin hält sich befreit lachend am Tisch fest. Elida sieht ihn überrascht und irritiert an.
„Entschuldige, das soll Vilja dir erklären. Mir würdest du es nicht glauben“, meint Alwin, als er wieder zu Atem gekommen ist. „Vielen Dank für Deine Zeit.“ Er zwinkert ihr zu.
Elida sieht ihn und ihre Tochter mit einem seltsamen Lächeln an. „Nicht dafür“, sagt sie leise, „Nicht dafür.“

8. Epilog

Der Quizmaster hatte eine unruhige, einsame Nacht hinter sich. Ein Gefühl zwang ihn, aufzustehen und ins Wohnzimmer zu gehen, wo sich die Sanduhr befand. Immer noch, er hatte es nicht über sich gebracht, sie wegzuwerfen. Genauer gesagt, er hatte sich davor gefürchtet. Aber jetzt war er da, der Moment der Wahrheit.
Er nimmt die Sanduhr auf, und stellt sie, mit dem auf dem Boden des Kolbens klebenden Sand nach oben, wieder hin. Für einen Moment verharrt der Sand, und der Moment nimmt kein Ende.
TICK.
Er spürt, wie ihm der Schweiß ausbricht. „Jetzt bin ich wohl tot. Und niemand da, den das interessiert.“
Das erste Sandkorn fällt, ein verirrter Sonnenstrahl lässt es wie einen Diamanten gleißen. Dann zischen die anderen Körner wie ein Strom durch die Engstelle. Eine Welle aus Licht und Zeit durchflutet den Raum. Er glaubt ein Rauschen zu hören, wie einen Wasserfall in der Ferne, verklingend und doch ewig dauernd. Kein einziges Korn erreicht den Boden der Sanduhr. Sie bleibt leer zurück.
TACK.
Er sieht auf die mechanische Uhr, deren Sekundenzeiger sich um eine Sekunde weiterbewegt hat. Dann auf die Sanduhr. Und bewegt den Hebel, der seine Welt verändern wird.

„Elida? Hast du uns ein Geschenk unterschlagen?“
„Nein! Ihr habt doch alle Pakete aufgemacht.“
Alwin zeigt Elida ein Päckchen, faustgroß, mit blauem Papier eingepackt und einer goldenen Schleife geschmückt.
„Ist wohl gestern in der Aufregung aus Deinem Mantel gefallen. Hast du einen heimlichen Verehrer?“
„Nur einen? Ich werde alt.“ Sie grinst Alwin vergnügt an, der ihr mit dem Zeigefinger droht, wird aber dann unsicher. „Oder ob das von meinem unheimlichen Verehrer kommt?“
„Bitte?“
Vilja kommt an den Tisch, neugierig. „Mach mal auf!“
„Jajaja, ich mach ja schon.“ Elida nimmt das kleine Paket, welches überraschend schwer ist, und entfernt vorsichtig die Schleife und das Papier. Im Inneren befindet sich eine Schachtel.
„Das ist ja wie Weihnachten!“
„Ach! Tatsächlich?“ Elida wirft Alwin den ‚Halt die Klappe!‘ Blick zu.
In der Schachtel befindet sich ein durchsichtiger Zylinder, etwa zehn Zentimeter hoch. Elida geht der Begriff ‚Goldener Schnitt‘ durch den Kopf, und dann weiß sie, dass dieses Objekt perfekt gearbeitet ist. Goldener Schnitt, exakt, auf jede beliebige Stelle. Ihre Hand zittert leicht.
Das Objekt ist aus einem Stück, und im Inneren befindet sich eine Sanduhr, auf eine unbekannte Art und Weise aus dem Material des Zylinders herausgenommen. Auf dem Boden ist ein Stoff, so fein, dass man ihn mit dem bloßen Auge kaum erkennen kann. Durch die Lichtbrechung wird eine leichte Wellenbewegung erkennbar.
Sie setzt den Zylinder auf den Tisch, mit dem Stoff oben. Für einen Augenblick scheint dieser unschlüssig zu verharren, dann strömt er, sehr gemächlich, nach unten und durch die Engstelle, die schwach blau zu leuchten beginnt. Zeit strömt. Die Welt bewegt sich wieder.
„Was ist das?“, fragt Vilja. Sie und Alwin können ihre Blicke nicht von dem Gegenstand lösen.
„Das ist von mir. Es ist so etwas wie eine Sanduhr, Vilja. Mit meiner Zeit. Für dich.“

 

Adventskalender: Pivot

18:50
„Das schaffe ich nicht! Das ist unfair!“, keuchte Elida.
Sie zwang sich, trotz des Seitenstechens weiterzulaufen. Noch fünf Kilometer! Ohne den Umweg hätte sie es locker geschafft! Doch jetzt war ihre körperliche Kraft verbraucht. Die Straße nahm kein Ende. Sie kannte sie, war schon oft hier entlanggejoggt. Eine schöne Straße, ruhig, kaum Verkehr. Und um diese Uhrzeit, an diesem Abend, noch ausgestorbener als sonst. Elida traf eine Entscheidung.
„Der offensichtliche Weg ist oft der längste. Gib dem Universum eine Chance, dir zu helfen!“
Sie hörte auf zu laufen und marschierte weiter. Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen, ihr Blick wurde immer enger. Sie erkannte kaum den Weg vor sich. Die Kälte fand den Weg durch ihre Kleidung, aber das ignorierte sie. Weiter!
Ein Hupen riss sie aus ihrer Trance.
„Guten Abend! Wohin so spät unterwegs?“
Die Stimme gehörte zu einer Frau, die in einem Lieferwagen saß. Elida nickte. Egal wie spät es war, sie brauchte jetzt eine Pause. Sie ging zum Führerhaus des Lieferwagens und nannte ihr Ziel.
„Na so ein Zufall! Da komme ich auch noch vorbei! Ist zwar verboten, aber heute ist Weihnachten. Ich nehme sie mit. Hallo, ist Ihnen nicht gut?“
Elida war gegen den Wagen gefallen. Ihr Kopf war leer, komplett leer. Sie stieg langsam ein. „Danke. Entschuldigung. War ein harter Tag für mich heute.“

Sie fuhren los. Nach hundert Metern bog die Fahrerin nach rechts ab.
„Ich muss noch zwei andere bedienen“, sagte sie entschuldigend. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Da haben Sie aber mächtig Glück gehabt. Wenn Sie etwas schneller gewesen wären, dann hätte ich Sie verpasst.“
„Ja“, hauchte Elida.
Als die Botin von der Lieferung zurückkam, sah sie Elida besorgt an. „Sind Sie in Ordnung?“
„Ich bin erschöpft. Aber es könnte noch schlimmer sein. Da will ich hin.“ Sie zeigte der Frau ihren Ausweis. Seltsamerweise stand dort immer noch Alwins/Viljas Adresse.
Die Fahrerin grinste. „Oh, so ein Zufall! Eigentlich hätten Sie die Geschenke selber schleppen können.“ Sie sah Elida an. „Sie sind dann die Überraschung, die aus der Torte steigt?“, meinte sie scherzhaft.
Elida lachte auf, und die Frau fiel mit ein.

„Da wären wir.“
Elida stieg aus und bekam einige Pakete in die Hand gedrückt.
„So, das war’s für mich für heute. Feierabend. Endlich!“ Sie zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Machen Sie es gut. Ein frohes und gesegnetes Fest. Ach ja: Ho Ho Ho!“
„Danke, auch ihnen ein frohes Fest!“
Dann war der Wagen weg, und Elida stand mit den Paketen frierend vor dem Haus. Wie ein Weihnachtsbaum, den man vergessen hatte abzuholen.

Adventskalender: Pivot

17:00
„Sind Sie bereit?“
„Ich weiß es nicht.“
„Diese Antwort ist unzulässig. Sie weichen aus.“
„Helfen Sie mir. Bitte!“
„Das kann ich nicht. Selbst wenn ich es wollte. Sie sind genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dies ist der Punkt, an dem Sie Ihre Welt aus den Angeln heben können. Ich kann das nur moderieren.“
Elida ließ den Kopf sinken. „Roland, ich fühle mich wie ein Bogen, der immer weiter gespannt wird. Und immer weiter, bis er bricht. Aus Angst, dass der Pfeil das Ziel nicht trifft.“
Sie stockte. Sah auf und blickte Roland direkt in die Augen.
„Ist es das? Loslassen? Der Pfeil sein, nicht der Bogen?“
„Es ist Ihre Entscheidung.“
Elida atmete langsam ein. Immer weiter. Der Raum, in dem sie stand, verschwand. Es wurde pechschwarz und kalt. Ein Schwarm von gestaltlosen Dingen umkreiste sie, zerrte sie in die Tiefe. Elida entspannte sich und atmete aus. Für einen Moment sah sie Roland durch die geschlossenen Augen und fühlte, dass etwas sie verließ, was nicht zu ihr gehörte. Sie öffnete die Augen. Im Hier und Jetzt schien sich nichts verändert zu haben. Jedenfalls nichts, was zu sehen gewesen wäre.
„Ist es das?“
Roland nickte. „Ja. Danke, Elida.“
„Dafür gibt es keine Mathematik. Noch nicht.“ Sie raffte sich auf. „Werde ich es schaffen?“
„Ist unser Leben vorherbestimmt?“
„Werden wir uns wiedersehen?“
„Kann ich hellsehen?“
Elida griff nach ihrem Mantel, der über der Sessellehne lag, und stand auf. „Ich muss los. Meine persönliche Welt retten. Danke für Ihre Zeit.“
Roland nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Dann stand er auf und nahm sie sanft in die Arme, für einen Moment oder eine Ewigkeit. „Nicht dafür. Jetzt ist es Ihre Zeit. Laufen Sie! Laufen Sie um Ihr Leben. Denken Sie daran: Der offensichtliche Weg ist oft der längste. Sie dürfen heute für sich selbst nur das nehmen, was ihnen angeboten wird.“ Er half ihr in den Mantel und öffnete ihr die Tür.
Elida lief los und sah nicht zurück.

17:25
Elida lief. Es war kalt, und es roch überall nach Weihnachten. Sie sah ihren Weg vor sich, und sie wusste, dass sie auf keinen Fall rechtzeitig ankommen würde, wenn sie es nicht zu Fuß versuchte. Keine Bahn, kein Bus, kein Taxi, nicht ihr Auto. Wo war es überhaupt? Lichtjahre entfernt. Es wäre wahrscheinlich sowieso nicht angesprungen. Die Menschen um sie herum gingen im Zeitlupentempo an ihr vorbei, es war leicht, ihnen auszuweichen. Elida bekam einen Schrecken, als sie sah, wie viele von ihnen allein gingen, in wie vielen Autos nur eine Person saß. Ziellos unterwegs. Mit verbittertem Gesicht. Mit Ausnahme eines alten Ehepaares, das ihr, eng aneinander gekuschelt, gemächlichen Schrittes entgegenkam. Sie lächelten sie an.
‚Warum? Wissen sie es?‘
„Frohe Weihnacht und alles Gute für deinen Weg!“, sagte er.
Sie winkte Elida zu. Dann war Elida allein. Sie trabte weiter. Noch zehn Kilometer und eine Stunde Zeit. Sollte kein Problem sein.

‚Nein! Bitte nicht! Bitte nicht jetzt!‘
Hundert Meter vor ihr stand ein kleiner Junge, sie schätzte ihn auf sieben, acht Jahre. Elida lief zu ihm und hielt an. „Was ist mit dir? Was machst du hier so alleine?“
Der Junge sah sie mit großen Augen an. Für einen Moment hatte er wohl Angst vor ihr. Er schniefte. „Ich habe mich verlaufen!“
Elida gab ihm ein Taschentuch. „Weißt du denn, wo du wohnst?“
Er nannte die Adresse. Elida tippselte in ihr Smartphone.
„Du hast aber ein tolles Telefon!“
„Findest Du?“
Sie ließ das Handy den Weg suchen. „Verdammt! Das wird knapp!“ Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Warum weinst Du?“
„Ich habe mich auch verlaufen, irgendwie.“
„Müssen wir jetzt sterben?“
‚Nein! Noch nicht! Nicht so leicht!‘ „Wie heißt Du?“
„Felix.“
Sie lächelte ihn an. „Ich bin Elida. Dann los, Glücklicher! In zehn Minuten kannst du zu Hause sein.“ Sie nahm den Jungen an der Hand, und sie trabten los. Nach fünf Minuten Weg überlegte Elida es sich anders. „Du bist bestimmt schon müde, oder?“
„Ja.“
„Komm! Ich nehme dich auf die Schultern.“ Felix war leichter als erwartet, und Elida konnte so gut im Marschtempo vorankommen.
„Was machst du eigentlich hier, so alleine?“, fragte Felix nach einer Weile.
„Ich versuche, nach Hause zu finden.“
„Aber da, wo ich wohne, ist doch gar nicht dein Zuhause.“
„Ich weiß.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Felix, wenn ich dich nicht nach Hause bringe, dann werde ich nie bei mir zu Hause ankommen. Aber wenn ich dich nach Hause bringe, dann komme ich vielleicht …“
„In den Himmel?“
„Wer weiß?“
„Bist du ein Engel?“
„Nein. Noch nicht.“
Sie hatten das Ziel erreicht. Elida klingelte und wartete, bis Felix von seiner Oma in Empfang genommen wurde. Sie bedankte sich, winkte ihr freundlich zu zum Abschied, und Elida hatte ein Déjà-vu. Beide sagten nichts. Sie nickten sich wissend zu. ‚Diesen Teil hast du geschafft. ‚
Elida lief weiter.

Adventskalender: Pivot

Hings sah auf ihre Notizen und nahm die Zettel an sich.
„Darf ich mal?“
„Klar. Es geht immer noch um das Zeitphänomen. Soweit ich es sehe, gibt es so etwas wie Gleichzeitigkeit gar nicht, nur ein nahes Beieinander, wie zwei Welten, die sich berühren. Was als Gleichzeitigkeit wahrgenommen wird.“
„Interessant. Und was machen Sie jetzt mit Ihrem richtigen Leben?“
Elida fuhr Hings an. „Ich weiß es nicht, verdammt! Ich habe keine Zeit für beides!“
Hings wechselte das Thema. „Was ist mit Ihren Assistenten?“
Elida lächelte. „Das war cool! Ich habe die gestern so was von auseinandergenommen! Die sind mit Hut auf unter der Tür nach Hause gegangen. Aber …“ Sie räusperte sich. „Aber sie haben es drauf. Sie haben fast alles hinbekommen. Sie haben als Team gearbeitet, allein hätte es keiner geschafft. Yarr!“
Hings lächelte. „Bravo. Da haben die also was gelernt. Und Sie? Was haben Sie gelernt?“
„Ich? Wieso ich?“
„Können sie mal ihren letzten vollständigen Satz wiederholen?“
„Sie haben als Team – Moment!“
Hings atmete erleichtert auf.
Sie sah ihn an. „Und das funktioniert?“
„Bei mir seit über dreißig Jahren. Es funktioniert allerdings nur, wenn alle Beteiligten es wollen.“
„Ich weiß nicht. Da ist so viel im Ungleichgewicht.“ Ihre Verzweiflung kehrte zurück. „Ich habe Angst. Zu spät zu kommen.“
„Das heißt, Sie haben schon aufgegeben?“
„Ich weiß es nicht.“
„Haben Sie die Möglichkeit, sich noch eine weitere Meinung einzuholen, bevor alles zu spät ist? Dieser Roland? Seine Zeit dürfte auch bald abgelaufen sein.“
„Woher wissen Sie das?“ Elida schauderte. „Ja, im Prinzip ja. Ich müsste sogar – ach was, geben Sie mir meine Notizen zurück!“
Hings riss die Notizen in kleine Fetzen und ließ sie zu Boden fallen.
Elida sprang auf und starrte Hings entsetzt an. „Was fällt Ihnen ein?“
Hings starrte zurück. „Glauben Sie im Ernst, dass ich mit Ihnen Händchen halte und darauf warte, bis die Welt untergeht? Hängen Sie hier nicht so unentschlossen rum! Tun Sie endlich, was Sie tun müssen! Wir sehen uns, hoffentlich, am 15. Januar. Keinen Tag früher. Frohes Fest, Frau Zwilling!“
Elida schüttelte ihre Lethargie ab. „Ich muss los.“ Sie schnappte sich ihren Mantel, hielt kurz inne, um Hings zu umarmen und ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. „Danke! Drücken Sie mir die Daumen.“
„Was bleibt mir übrig? Versprochen.“
Dann war sie weg.
Hings brauchte eine Weile, um sich zu erholen. Dann verließ er, leise pfeifend, den Raum.

14:30
Elida hatte es eilig. Die anderen Autos auch, was dazu führte, dass alle zusammen es etwas weniger eilig haben mussten. Sie wählte Rolands Nummer.
„Ja?“ Rolands Stimme klang überrascht.
„Roland? Ich weiß es ist ungünstig, aber haben Sie noch einmal Zeit für mich?“
„Gehen Sie eigentlich bei allem, was Sie tun, so ans Limit? Ich hatte nicht mehr mit Ihnen gerechnet.“
„Ja. Es scheint so.“
„Das sollten Sie sich abgewöhnen. Sie bringen damit nicht nur sich aus dem Gleichgewicht.“
Elida lachte verzweifelt.
„Sie sind ein Scherzbold! Wir wären uns nie begegnet, wenn es anders gewesen wäre!“
„Das ist wahr. Na gut. Dieses mal werde ich geben, wenn Sie bereit sind zu nehmen. Erwarten Sie keine Wunder von mir. Ich kann Ihnen keine Zeit machen, die Sie verlieren. Sind Sie sicher?“ Er ließ unausgesprochen, was die Alternative war.
„Ja.“
„Sie machen es sich wirklich nicht leicht.“
Elida hörte den Zwischenton.
„Aber?“
„Ja. Für mich ist es die Sache wert. Ob und wie Sie davon profitieren werden, kann ich nicht sagen. Dafür ist die Bandbreite zu groß.“

Adventskalender: Pivot

21.12. – Mittwoch
Der Tag verging wie ein schrecklicher Traum, der kein Ende nehmen wollte. Am Abend konnte sich Elida an nichts erinnern, was sie den Tag über gemacht hatte. Sie wollte telefonieren, mit Roland, aber das Gerät in ihrer Hand blieb ihr fremd. Sie wollte die Wohnung verlassen, konnte aber den Schlüssel nicht finden. In Ermangelung von Alternativen legte sie sich schlafen.

22.12. – Donnerstag
Elida wachte auf. Sie wusste nicht, wie spät es war. Sie wusste nicht, wann sie nach Hause gekommen war. Sie wusste nicht, wie sie nach Hause gekommen war. Sie wusste nicht, wer sie war. Sie stand auf der Brücke eines altertümlichen Segelschiffes und steuerte auf eine schwarze Wand zu. Wenn sie zurückblickte, am Ende der Sicht, verengte sich die Welt wie eine Sanduhr. An der Stelle, die am engsten war, sah sie ein schwaches blaues Leuchten. Warum segle ich eigentlich mit dem Wind in die falsche Richtung, dachte sie. Vor ihr ragte die Wand auf, endlos hoch, glatt und kalt. Sie würde dort zerschellen.
Ich muss den Kurs ändern. Jetzt! Jetzt oder nie!
Sie verlor das Bewusstsein / schlief ein / wachte auf?

23.12. – Freitag
10:00
Es klopfte an der Bürotür.
„Herein!“
Die Türe wurde vorsichtig geöffnet.
„Haben Sie Zeit für uns, Elida?“
„Klar. Dreißig Minuten, ab jetzt.“
Die vier AssistentInnen traten ein. Elida wies zum Konferenztisch. Computer und Beamer waren aufgebaut.
„Wer fängt an?“
Die kleine schwarzhaarige hob schüchtern die Hand.
„Ich hab’s gewusst!“, dachte Elida, und hakte einen Punkt auf ihrer geistigen Checkliste ab. „Karen? Dann mal los.“
Karen schob den USB-Stick in den Computer und brachte mit wenigen Bewegungen die Präsentation auf die Wand. „Sie wollten uns hereinlegen Elida, nicht wahr?“
Mutig, die Kleine. „Wie kommen Sie darauf?“
„Ihre Aufgaben waren in der vorgegebenen Zeit nicht lösbar. Nicht für einen Einzelnen. Zumindest nicht für jeden von uns.“ Karens Stimme machte klar, wer ’nicht jeder‘ war.
„Und weiter?“
Einer der anderen Assis fand die Sprache wieder. „Nachdem wir einen Tag mit Heulen verbracht hatten, haben wir uns zusammengesetzt. Und festgestellt, dass wir es gemeinsam schaffen könnten.“
„Dann zeigen Sie mal!“
In den folgenden Stunden ging es fachlich hoch her, und endlich, seit langer Zeit, hatte Elida das Gefühl, es mit Menschen zu tun zu haben, die auf dem richtigen Kurs waren. Sie nickte. „Ja, gut gemacht. Und was lernen wir jetzt alle daraus?“
„Gemeinsam sind wir unausstehlich!“
Elida lachte.
„Und was noch?“
Karen wurde ernst.
„Wir möchten uns entschuldigen, dass wir so viel Zeit gestohlen haben, die nicht für diesen Zweck gedacht war. Zeit, die uns nicht gehört. Wir hoffen, es gibt einen Weg, sie zurückgeben zu können.“
Elida hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Sie schnappte nach Luft.
„Elida? Alles in Ordnung?“
Sie kämpfte mit den Tränen. „Nein. Ja! Mir ist eben etwas Wichtiges eingefallen. Frohes Fest und guten Rutsch.“
„Danke, Elida.“
Elida schluckte. „Euch auch!“

24.12. – Samstag
13:30
„Elida! Was machen Sie hier? Es ist Weihnachten, und Sie hängen hier noch rum?“
„Und was ist mit Ihnen, Herr Professor?“
„Ich habe zehn Minuten zu Fuß bis nach Hause. Und Sie?“
Er betrachtete sie genauer. Elida kritzelte mit versteinertem Gesicht in ihren Notizen.
„Elida? Was ist nicht in Ordnung? Müssten Sie nicht in Köln sein, bei Ihrer Familie?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Elida.
„Bitte? Wiederholen Sie das bitte noch einmal, ich glaube, mein Gehör lässt mich gerade im Stich.“
„Ich weiß es nicht.“
„Elida, wenn ich etwas nicht weiß, dann suche ich jemanden, den ich fragen kann, wenn es geht, einen an der Situation Unbeteiligten. Hatten Sie Streit mit Alwin?“
Elida lächelte verzweifelt. „Sie sind nicht unbeteiligt. Ja, wir hatten Streit. Aber nicht richtig.“
„Heißt?“
„Er hat mich rausgeworfen.“
„Aber richtigen Streit hatten Sie keinen? Faszinierend, diese jungen Menschen.“
„Jetzt werden Sie nicht zynisch!“
„Ich bin weit entfernt davon. Weiter.“
„Er hat mir eine SMS geschickt. Mit Datum und Uhrzeit. Sonst nichts. Kein Kontakt, keine E-Mail, kein Anruf.“